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Alicja Kwade, „Gegebenenfalls die Wirklichkeit“, 2017, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: N. Miguletz, © Frankfurter Kunstverein, Courtesy the artist and KÖNIG GALERIE

Alicja Kwade

Alicia Kwade (*1979) präsentiert die für den FKV neu produzierte Installation „Gegebenenfalls die Wirklichkeit“, die den Leitfaden der Ausstellung aufnimmt und aus konzeptuell-skulpturaler Perspektive beleuchtet. Das Werk kreist um die Auseinandersetzung zeitgenössischer Kunst mit Material und dessen digitaler Transformation.

Die Rauminstallation ist von einer partiell geformten Granitskulptur bestimmt. Der natürliche Stein wurde mit 3D-Scannverfahren erfasst, die digitalen Daten der Oberflächenvermessung an eine Fräsmaschine übertragen und eine exakte Kopie des Originals erstellt. Während dieses Fräsprozesses hält die Künstlerin den Bearbeitungsprozess an. Es entsteht eine Skulptur, die in einem Zustand zwischen natürlicher und technologischer Form verharrt. Die Wände sind gänzlich bedeckt mit Ausdrucken der mathematischen Koordinaten, die im technologischen Scan-Prozess, bei der Oberflächenvermessung des originären Steines, entstanden sind: insgesamt 30.000 Seiten, zum Teil gestapelt am Boden und in kupfernen Time-Capsules versiegelt. Der Quelltext ist die mathematisch exakte Beschreibung der originären Form, die Information über das Objekt, das nun zwischen Maschinen, ohne menschliches Zutun, transferiert wird. Der Code beschreibt die Form, die somit potenziell unendlich reproduzierbar wird.

Die Betrachtung der Skulptur lässt keine eindeutige Auslegung zu. Hat das Objekt noch seine partiell natürliche Form, oder handelt es sich um eine unfertige Bearbeitung und wenn ja, welcher Teil der Skulptur wurde bearbeitet? Das Objekt lässt den Betrachter im Zweifel, es löst einen Kurzschluss aus über das, was wir glauben, zu sehen. Kwade nimmt sich als Schöpferin aus dem Prozess der Ausführung der Form heraus. Die Natur gibt vor, die Maschine tastet ab, vermisst und formt nach. Betrachtung allein reicht für eine eindeutige Auslegung des Werkes nicht aus und lässt den Betrachter im Zweifel, ob es das Wirkliche ist, das synthetisch erscheint, oder das Synthetische, das real anmuten will.

Es stehen Bezüge zu klassischen Werken, wie etwa zu Michelangelos „Non-Finito“. Diese Form hat Rodin später als eigenen Stil etabliert, der das Unvollständige zur autonomen Form deklarierte und sich vom Naturalismus befreite. Kwade hingegen verschiebt den Fokus in ihrer Arbeit. Naturalismus, Autorenschaft und Rekonstruktion werden von der Künstlerin auf die technologische Maschine übertragen, die zum Akteur wird und die Form ausführt.
Das Unfertige, die unvollständige Form, die bei Michelangelo aus den äußeren Umständen des Materials und der Abmessung des Marmorblocks bestimmt wurde, wird bei Kwade zu einem technologischen Prozess. Auch Giuseppe Penones „Essere Fiume“ steht als Referenz im Raum. Hierbei handelt es sich um zwei identische Steine, einer geformt durch die Zeit und das Fließen des Wassers im Flussbett und der zweite, geformt durch den Künstler. Natur und Kunstfertigkeit (artifice), das Modell und die Kopie, Natur und Mensch als Schöpfer von Form mit der Materie.

Alicja Kwade (*1979) studierte Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin (DE), wo sie heute lebt und arbeitet. Ihre Skulpturen und Installationen sind in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. 2017 hat sie an der Biennale Venedig (IT) teilgenommen, sowie an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland.

Perception is Reality: Über die Konstruktion von Wirklichkeit und virtuelle Welten

07.10.2017 — 07.01.2018 | Ausstellung