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Heather Dewey-Hagborg & Chelsea E. Manning, Probably Chelsea, 2017, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, 2018, Foto: N. Miguletz, © Frankfurter Kunstverein

Heather Dewey-Hagborg & Chelsea E. Manning

Die Arbeit Probably Chelsea der Künstlerin und Bio-Hackerin Heather Dewey-Hagborg entstand in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Whistleblowerin Chelsea E. Manning. Diese befand sich von 2010 bis 2017 wegen der Weitergabe von 40.000 vertraulichen Dokumenten zum Irakkrieg an WikiLeaks in Haft. 2015 unterzog sich Manning einer Hormonersatztherapie, um eine weibliche Identität anzunehmen. In den Jahren der Haft erreichten keine Bilder der Inhaftierten die Öffentlichkeit. Aus dem Militärgefängnis übermittelte Manning 2015 an Dewey-Hagborg einen Wangenabstrich und Haarsträhnen. Die Künstlerin analysierte die DNA und realisierte dank einer algorithmischen DNA-Phänotypisierung dreißig verschiedene Gesichtsmodelle, maschinelle Entwürfe möglicher Physiognomien von Manning, die mithilfe eines 3D-Druckverfahrens erstellt wurden und in der Ausstellung zu sehen sind.

Probably Chelsea zeigt auf, welches Spektrum an Visualisierungsmöglichkeiten eine DNA-Analyse zulässt und wie offen diese Datenumwandlung ist. Die Berechnung der Portraits lässt mitunter große Spielräume zu, sodass die Resultate ungenau sind und eine ganze Bandbreite an möglichen Interpretationen ausweisen. Trotzdem werden die berechneten Ergebnisse faktisch akzeptiert und spezialisierte Unternehmen bieten das hier angewandte Phänotypisierungsverfahren kommerziell an. Bereits auf Basis minimaler DNA-Bestandteile werden Phantombilder von Personen erstellt, die für polizeiliche Behörden (in der Täterfahndung) bis hin zur forensischen Archäologie zum Einsatz kommen.

Die molekulare Realität ist jedoch komplexer. Geschlecht und Herkunft können nicht allein anhand von DNA-Spuren bestimmt werden. Probably Chelsea thematisiert eben diese fehlende Eindeutigkeit des Lesevorgangs und wirft dadurch Fragen zu unserer Identität auf. Was macht uns als Menschen aus? Wie bestimmen unsere Gene unser Dasein? Die dreißig Gesichter weisen ein breites Spektrum an somatischen Zügen auf, obwohl sie auf denselben Genproben basieren. Das Genom liefert zwar Wahrscheinlichkeiten zum Äußeren eines Individuums, aber keine eindeutige Abbildung der Person. Mit Daten hat die menschliche DNA also ihr Spektrum an Möglichkeiten und Interpretationen gemein. Alle dreißig Gesichter sind gleich richtig und gleich falsch und auf molekularer Basis könnten wir alle Chelsea E. Manning sein.


Die Amerikanerin Heather Dewey-Hagborg (*1982) ist eine transdisziplinäre Künstlerin und Pädagogin, die sich für Kunst als Forschung und kritische Praxis interessiert. Ihre Arbeiten wurden international gezeigt, so zum Beispiel beim World Economic Forum, Zürich (CH), der Urbanism and Architecture Biennale, Shenzhen und Hong Kong (CN), dem New Museum, New York (US), dem Centre Pompidou, Paris (FR) und PS1 MOMA, New York (US).

Chelsea Elizabeth Manning (*1987), vor der rückwirkenden Änderung ihrer Geburtsurkunde als Bradley Edward Manning bekannt, ist eine US-amerikanische Whistleblowerin. Sie war Angehörige der US-Streitkräfte und als IT-Spezialistin tätig.

I am here to learn: Zur maschinellen Interpretation der Welt

15.02. — 08.04.2018 | Ausstellung

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