Image
Hicham Berrada, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, 2018, Foto: Wolfgang Günzel, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy the artist, WENTRUP, Berlin & kamel mennour, Paris/London

Hicham Berrada

Mesk-ellil, 2015

Im Werk von Hicham Berrada vereinen sich Kenntnisse der Naturwissenschaft mit Kräften der Poesie. Die Stoffe aus denen unsere Lebensrealität besteht, sind sein künstlerisches Material, deren Prozesse und Wirkungsweisen er mit den Mitteln der Forschung intensiv studiert. Das Wissen um die komplexen Eigenschaften dieser Elemente und Substanzen nutzt er, um ihre eigenen Wirkmechanismen auszulösen und ihre vielfältigen ästhetischen Möglichkeiten zu aktivieren. Der multimediale Künstler lässt wie ein Maler neue und durch mehrere Sinne erfahrbare Wirklichkeiten entstehen, die immer in zuvor definierten Rahmen erwachsen.

Die Installation „Mesk-ellil“ (2015) besteht aus drei Terrarien, deren schwarzes Glas einen Garten aus Nachtjasmin verbirgt. Die geometrischen monolithischen Strukturen fungieren als Gewächshäuser, die als ein geschlossenes System konstruiert sind, in dem die Luftfeuchtigkeit und die Bestrahlung mit Licht automatisch gesteuert wird. „Mesk-ellil“ ist der arabische Name für Nachtjasmin, eine Pflanze, die in südlichen Ländern weit verbreitet ist und ausschließlich nachts erblüht, um dann einen intensiven süßlichen Duft zu verströmen. Hicham Berrada erschafft ein Vivarium, in welchem er die Kontrolle über die Lebensbedingungen der Pflanzen besitzt. Durch die Bestimmung der einzelnen Umstände ihres Habitats hat er die Möglichkeit, die Wahrnehmungssensoren der Pflanzen zu verschieben und damit ihren Rhythmus umzukehren. Durch eine Zeitschaltuhr wird der Lichteinfluss neu getaktet. Tagsüber sind die Glaskuben ins Dunkel gehüllt und gedimmtes Licht legt einen künstlichen Mondschimmer über die erwachenden Blüten, die beginnen, ihren Duft zu verströmen. Die Glasobjekte sind beinahe undurchsichtig und Besucher erfahren die Pflanzen allein über ihren Duft. Zum Abend hin simulieren mit 4000 Watt ausgestattete Natriumdampflampen die Frequenz der Sonne und fluten die Glasobjekte mit Licht, das die Pflanzen in fürs Auge sichtbar macht und in einen Ruhezustand versetzt. Hicham Berrada erschafft mit „Mesk-ellil“ ein lebendiges Ökosystem, dessen umgedrehter Tag-Nacht-Rhythmus eine Parallelwelt entstehen lässt. Er schafft zwei Zustände seines Werkes, die für Besucher entweder olfaktorisch oder visuell erfahrbar sind.

Licht nutzt Hicham Berrada in seinem Werk als reine Form der Energie, die ephemere Phänomene natürlicher Prozesse steuert. Seine künstlerische Praxis findet auf der Ebene der Ökologie statt, in der die Prozesse des Lebens in ihrer Zusammengehörigkeit verstanden werden. Ausgehend von den Abläufen, die die Grundlagen unseres Lebens sind, verschiebt er unsere Wahrnehmung und lässt Selbstverständliches in veränderter Form aufscheinen. Die wesentlichen Prozesse aus Chemie, Physik und Biologie umgeben uns dauerhaft und sind daher nie direkt wahrnehmbar. In seinen konzentrierten Anwendungen ermöglicht Hicham Berrada uns, diesen grundlegenden Abläufen konkret entgegen zu treten. Jene vielfachen und immensen Prozesse unserer Welt zu verstehen, ist Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens.

Augures mathématiques, 2018

Die Videoarbeit „Augures mathématiques“ (2018), die für die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein geschaffen wurde, zeigt die Fahrt durch eine abstrakte Landschaft, die sich in die Dunkelheit erstreckt. Die poröse Oberfläche, die wie eine digitale Membran wirkt, ist Ergebnis eines mathematischen Prozesses. Hicham Berrada nutzt vier Gleichungen, die natürliche Prinzipien mathematisch erfassen: die Gleichung über die Verzweigung von Wurzeln, die Kumulation von Wolken, die Oberflächenstruktur von Wellen und die Berechnung von Massenbewegungen. Jene Formeln hat er in eine Open-Source-Software eingegeben, die die vier Gleichungen kombiniert und aus ihnen hochauflösende und komplexe Visualisierungen errechnet. Endlos berechnete Möglichkeiten verknüpfen sich zu einer grenzenlosen Landschaft aus Formen, Mustern und Texturen.

Mit seinem Titel, der sich auf Deutsch ungefähr in „Automatisierte Omen“ übersetzen ließe, bezieht sich Hicham Berrada auf die Auguren, die in der Gesellschaft des antiken Roms die bedeutende Rolle der Mittelsmänner zwischen der Welt der Götter und der Realität einnahmen. Sie erhörten den Willen der Gottheiten und berieten als Sprachrohr übermenschlicher Gründe und Abläufe die Herrschenden und Magistraten bei ihren Entscheidungen. Die Sorge vor Unglück war groß genug, um auf ihren Rat zu hören und das Weltgeschehen an ihren Aussagen auszurichten.

Um die universellen Regeln und Gesetzmäßigkeiten der Welt zu verstehen und in eine Form zu bringen, nutzen die Naturwissenschaften mathematische Formeln, die versuchen, allgemein gültige Aussagen über natürliche Phänomene zu treffen. Bei „Augures mathématiques“ schafft Hicham Berrada ein System, dessen Ausgangsparameter er setzt, sodass es eigenständig Bilder generiert, die aus Datenstrukturen erwachsen. Es entsteht eine abstrakte Bildlandschaft, die die Welt nicht abbildet und repräsentiert, sondern auf einige ihrer inhärenten Zusammenhänge, konzentriert in Form mathematischer Abstraktionen, beruht. Das Werk lässt vor unseren Augen eine neue Wirklichkeit entstehen, deren Bezug zu unserer unmittelbaren Realität im Kontrast zu den unwirklichen Ausformungen steht.

In „Augures mathématiques“ wird wie in der traditionellen arabischen Kunst der Mathematik die Stellung als erhabenste aller menschlichen Künste eingeräumt. Schon in den Arabesken und geometrischen Mustern dieser zweidimensionalen Kunstform wird durch Abstraktion das Ordnungsprinzip unserer Welt dargestellt – eine Kraft, die schöpft und alles ordnet, aber durch ihre unendlich komplexe und allumfassende Qualität eigentlich nicht darstellbar ist. Sprachliche Symbole und kalligrafische Elemente verflechten sich zu Mustern und ergeben geometrische Formgebilde, deren Schönheit Ausdruck des göttlichen Ordnungsprinzips werden.

Les Fleurs, 2016

Der Begriff der Natur wird von Hicham Berrada in unterschiedliche Ebenen zerlegt und auf seine Essenz hin befragt. Die vielfältigen Werkreihen, die in „Rückbindung an Welt“ gezeigt werden, spielen sich auf unterschiedlichen Ebenen der Abstraktion ab. Von konkreten Organismen wie lebenden Pflanzen, über die kleinsten Partikel und Moleküle unserer biologischen Realität bis hin zur symbolischen Ebene der mathematischen Formeln gliedern seine Werke die Mechanismen unseres Lebens in seine grundlegenden Bestandteile auf.

Das Werk „Les Fleurs“ (2016) stellt das Ringen zweier Grundkräfte miteinander dar, dessen Auswirkung als Spur auf der Materie in Erscheinung tritt: der magnetischen Kraft und der Wind als physikalische Druckkraft. Nanopartikel von Eisen in einer öligen, schwarzen Flüssigkeit sind Hicham Berradas Ausgangselement. Die Flüssigkeit bildet unter Einwirkung magnetischer Kraft eine perfekte geometrische Struktur. Die Metallpartikel wachsen konzentrisch zur Quelle und entlang der Feldlinien der magnetischen Kraft zu einer blumenartigen Form. Doch immer wieder wird das Gleichgewicht durch heftige Windstöße zerstört. Hicham Berrada verlangsamt und dehnt die Bilder der Zerstörung, sodass das Auge den immerwährenden Tanz zwischen dem Streben nach Form, deren Zerschlagung und das Ringen um die Suche nach der Wiederherstellung sichtbar macht. Für den Künstler erlangt die Versuchsanordnung eine symbolische Aussagekraft über die Verhältnismäßigkeit universeller Gesetzlichkeiten, aber auch Grundprinzipien des Lebens und des Vergehens, deren Prozesse für ihn Momente einer ewigen Wahrheit und Schönheit auszudrücken vermögen.

Masse et Martyr, 2017

Hicham Berradas künstlerische Werke stellen immer wieder die Frage nach der Zeit. Er sucht nach Formen diese verfremdet darzustellen, um unsere menschliche Vorstellung von ihr zu hinterfragen. Hicham Berrada schafft immer wieder Anordnungen, deren Handlungsabläufe er zeitlich dehnt oder umkehrt, womit er unsere Erwartung zum Zeitlichen bricht und Zeit als abstrakte Instanz, die eine rein menschliche Wahrnehmungsform von Welt ist, aufscheint.
„Masse et Martyr“ (2017) besteht aus einem mit Wasser gefüllten Glaskubus, in dem sich Bronzeskulpturen befinden. Ihre Formen verlaufen wie organische Strukturen. Entstanden sind die fragilen Figuren im Wachsausschmelzverfahren, in welchem Wachs unter Einwirkung von Druck und Hitze seine eigene Bewegung verfolgt, bevor es als Gussform für die Bronzeskulptur dient. Die Form entsteht nicht durch einen menschlichen Autor, sondern im physikalischen Verfahren als Ausdruck der Beschaffenheit des Materials selbst.
Durch Kabel werden die Skulpturen unter Strom gesetzt und ein elektrolytischer Prozess ausgelöst, der die Bronzen vor unseren Augen in einem beschleunigenden Verfahren oxidieren lässt. Die vom elektrolytischen Prozess hervorgerufenen Suspensionen aus oxidierten Bronzepartikel, die die Objekte umhüllen, zeichnen in diesem Verfahren sich ständig verändernde Bilder. Wasser besitzt gegenüber Luft eine tausendfache Dichte, sodass Bewegungen in tausendfacher Verlangsamung sichtbar werden. Die Bronzeskulpturen werden zum „Martyr“, die für die größere „Masse“ im Glaskubus ihr Material geben. In diesem Verfahren verdichtet Hicham Berrada den Oxidationsprozess, der sich eigentlich über 20 Jahre erstrecken würde, auf eine Dauer von knapp sieben Monaten. Wenn der Strom abgestellt wird, flockt die Suspension aus und sinkt als Materialstaub zum Boden des Glaskubus. Jeden Tag beginnt der Prozess erneut und bildet sich immer wieder anders aus, sodass immer wieder veränderte Bilder temporärer Transformation entstehen.

Présage, 2007 fortlaufend

Die Abläufe, die Hicham Berrada seinen Substanzen abringt, sind natürliche Reaktionen auf kalkuliert gewählte Umgebungen. Phänomene wie Suspension, Oxidation oder elektrolytische Verfahren werden von ihm gezielt hervorgerufen, um wie ein Maler Landschaften entstehen zu lassen. Für das Werk „Présage“ (2007 fortlaufend) schafft Hicham Berrada in sich geschlossene Systeme, die wie ein Bühnenschauspiel verschiedene chemische Effekte und Reaktionen zu einem Bild in der Zeit aufbauen. Diese Landschaften aus Materialien und Elementen stehen in der Tradition früherer Landschaftsmalerei, die die Natur aus dem Blickwinkel des Menschen zeigt. Hicham Berrada bedient sich zwar naturwissenschaftlicher Kenntnisse über Elemente, verfolgt aber eine malerische Intention. Chemikalien und Stoffe dienen dazu, beinahe ursprünglich erscheinende Szenarien zu entwerfen, die aus den grundlegenden Einheiten unserer Welt gemacht sind und den bis heute eindrucksvollen Moment des Entstehens von Leben widerspiegeln. Er erschafft wie ein Maler Wirklichkeit innerhalb eines gesetzten Rahmens, Bilder, die sich aus der Reaktion einzelner Materialien miteinander selber generieren und, miteinander kombiniert, in einem bestimmten Zeitraum und innerhalb eines gesetzten Umfeldes entstehen. Die von Hicham Berrada erschaffenen Bilder sind komplette Ökosysteme, die aber eine autonome ästhetische Form behaupten.

Die Grundkräfte der Physik – Gravitation, Elektromagnetismus, Wechselwirkungen und Anziehungskräfte – bringen sämtliche bekannte physikalische Prozesse hervor, die im Mikro- und Makrokosmos, zwischen Elementarteilchen und Materie, auf der Erde oder im All stattfinden. Im Anblick dieser fundamentalen Abläufe erscheint die Zeit der menschlichen Existenz verschwindend gering gegenüber den endlosen Ausmaßen des Lebens. Das Wissen und die Faszination um die Grundprinzipien der Welt ist Ausgangspunkt für Hicham Berradas künstlerisches Arbeiten, das versucht, diese zu verstehen und sich der Position als Teil in einem vielfach größeren Gefüge bewusst ist.

(Text: Franziska Nori, Dennis Brzek)

Rückbindung an Welt: Über das Poetische in Elementen und Materialien

31.10.2018 — 13.01.2019 | Ausstellung