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Sam Falls, Untitled (Pallet 10, Pomona), 2013, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, 2018, Foto: Wolfgang Günzel, © Frankfurter Kunstverein, Courtesy the artist and Galerie Eva Presenhuber Zurich and New York

Sam Falls

Mit seinen Werken ergründet Sam Falls die Position des Menschen im Angesicht der immerwährenden Abläufe, die unsere Welt strukturieren. Die Installation „Untitled (Vivaldi’s Four Seasons for the four seasons)“ (2015) wird von einem sphärischen Ton umhüllt, der sich nur minimal verändert. Für dieses Werk hat Sam Falls das titelgebende Musikstück von Antonio Vivaldi so verlangsamt, dass es 365 Tage lang andauert. Das eigentlich über 40 Minuten lange Werk der klassischen Musik wurde so bearbeitet, dass deren vier Einzelkonzerte, Frühling, Sommer, Herbst und Winter sich an der realen Dauer der entsprechenden Jahreszeit ausrichten. Ein während der Ausstellung mit dem Internet verbundener Computer synchronisiert in Echtzeit das aktuelle Datum mit der Tonspur. In einem aufwendigen Verfahren wird jede einzelne Sekunde des Stücks an die sich jedes Jahr leicht ändernde Länge der Jahreszeiten angepasst, um eine exakte Übereinstimmung zu erreichen. Vivaldis Komposition wird in diesem Werk zu einem Instrument, das uns den Verlauf der Zeit in Form von sich langsam verändernden Klanglandschaften erfahrbar macht.

An den Wänden hängen insgesamt zwölf Werke aus Stoff, verweisend auf die Anzahl der Monate eines Jahres. Die gerahmten Arbeiten zeigen geometrische Formen, die die Spuren eines langwierigen Prozesses sind. Knapp ein Jahr lang lag der Stoff in der Sonne aus und trägt nun die Schatten jeweils einer Schallplatte und ihrem Cover, die darauf platziert waren. Über die Dauer der Zeit hat die Sonne einen Ausbleichungsprozess auf dem farbigen Stoff erzeugt, sodass die Gegenstände als Abdruck sichtbar bleiben und sich die abstrakten Figuren klar abzeichnen.

Die einzelnen Bestandteile der Installation „Untitled (Vivaldi’s Four Seasons for the four seasons)“ stehen sinnbildhaft für die künstlerische Praxis von Sam Falls, die immer wieder um Fragen nach den Spuren der Existenz im Verlauf der Zeit kreist. Sein und das Vergehen, sowie die Frage wie der Mensch Natur und deren Phänomene und Elemente erlebt, treiben Sam Falls an. Sein Werk geht der Aufgabe nach, eine Form zu finden, die die grundlegende existentielle Erfahrung von Leben gegenüber der Unendlichkeit der Zeit fassen kann.

Mit diesem Werk formuliert Sam Falls eine komplexe konzeptionelle Klammer, die den ephemeren und unaufhaltsamen Fluss der Zeit als hinterlassene Spur bildhaft macht. Die Stoffe werden zu Trägern, auf denen der Prozess von Vergehen und Zerfall sichtbar wird. Es entstehen Spuren, die auf die Abwesenheit von Präsenz verweisen. Wie bei den tatsächlichen Schallplatten wird auch auf den zwölf Werken aus Stoff Zeit in einem geduldigen Prozess aufgezeichnet und dann in den realen Ausstellungsraum zurückübersetzt. Über diese Zeichen wird unsere gelebte Zeit mit dem tatsächlichen Vergehen und Werden wieder rückverbunden.

In seinen vielschichtigen Werkgruppen spürt Sam Falls einer Verbindung mit der Welt nach. Sein noch junges aber bereits äußerst umfangreiches Werk umspannt unterschiedliche Ausdrucksformen. Leinwände und Fotografien gehören ebenso dazu wie Gedichte und Objekte im öffentlichen Raum. Seine Suche nach dem, was unsere Welt ausmacht, begann für Sam Falls mit dem Studium der Astrophysik, über das ihn ein Weg von der Linguistik und philosophischen Logik schlussendlich zur bildenden Kunst – und konkret zur Fotografie – führte. Die Ideen der Minimal Art und der Konzeptkunst der 1960er Jahre haben seine künstlerische Haltung dabei stark beeinflusst. Sam Falls betont selbst immer wieder, dass in seiner Arbeit das abstrakte Konzept wesentlich die materielle Umsetzung in unterschiedlichen Medien bestimmt.

Die Begegnung mit Natur sowie die Nacht als intimer Ort geben ihm Raum für seine Suche nach dem Zusammenhang der Dinge, zwischen Werden und Vergehen. Meist alleine verbringt Sam Falls längere Phasen in entlegenen Gebieten der USA, oft in unberührten natürlichen Landschaften oder der Peripherie großer Städte. Seine Werke werden zu Teilen von Kreisläufen, indem er Dinge und Materialien verwendet, die in der jeweiligen Landschaft zu finden sind und somit auf ihre Umgebung verweisen. Er ordnet sie auf Stoffen an, fügt Pigmente hinzu und überlässt die Anordnungen einem Prozess der Veränderung. Natürliche Bedingungen wie Sonneneinwirkung, Regen oder Wind verändern über zum Teil lang andauernde Zeiträume das Material und hinterlassen Spuren.

Exemplarisch dafür ist das Werk „Untitled (Highland Park, CA, Red 1)“ (2011), dessen abstrakte Markierungen von Autoreifen stammen. Sam Falls hat die zahlreichen achtlos weggeworfenen Reifen in der Brache um East Los Angeles gesammelt. Monatelang überlies er sie der glühenden kalifornischen Sonne, abgelegt auf einem tiefroten Polyesterstoff, der in seiner Beschaffenheit eine ähnlich künstliche Materialität wie die Gummireifen besitzt. Die Materialien stehen bei Sam Falls immer in direkter Verbindung zu dem Ökosystem, aus denen er sie entnimmt. Ein ähnliches ästhetisches Prinzip verfolgt er in der Arbeit „Untitled (Pallet 10, Pomona)“, 2013. Die serielle Aneinanderreihung immer ähnlicher aber sich doch unterscheidender geometrischer Formen lässt die Prinzipien der Minimal Art aufscheinen. Allerdings bricht Sam Falls mit der strengen Vorgabe, dass Kunst eine allein für das Werk geltende Wirklichkeit schaffen soll, um sich über die Materialien komplett der Lebensrealität zuzuwenden.

Die Werkgruppe der so genannten „Rain Paintings“, von denen mehrere für die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein geschaffen wurden, sind das Ergebnis einer Reaktion aus natürlichen Pigmenten und Regen. Abhängig von den Bedingungen des jeweiligen Ortes bilden Dauer, Intensität und Richtung des Niederschlags gänzlich unterschiedliche Farbverläufe. Sam Falls wählt seine Farben aus der Palette wasserlöslicher Pigmente aus, die er dann auf die Baumwollstoffe aufträgt und auf Leinen gespannt der Witterung ausliefert. Es sind Bettlaken mit einer biografischen Bedeutung für den Künstler, die aber in den Titeln der Werke, die rein faktisch auf den Entstehungsort verweisen, unerwähnt bleibt.

Mit der Werkgruppe der so genannten „Rope Paintings“ erweitert Sam Falls seine Suche nach in sich geschlossenen Referenzsystemen, indem er die Seile, die ihren konkreten Abdruck auf den ansonsten abstrakten Farbflächen hinterlassen haben, als Rahmen des Bildes einsetzt. Sie sind damit doppelt präsent – zum einen als physisches Objekt, zum anderen als Verweis auf die Zeit des nun von der Bildfläche abwesenden Gegenstandes.

Indem er seine Werke den natürlichen Bedingungen wie Sonneneinwirkung, Regen oder Wind über längere Zeiträume bewusst überlässt, übereignet er seine eigene Autorschaft den zeitlosen Phänomenen der Natur. Sam Falls kennt die Wirkmechanismen der Materialen, mit denen er arbeitet, doch sucht er den Zufallsmoment in einem schöpferischen Prozess, den er bewusst nicht mehr steuert, sondern den natürlichen Bedingungen überantwortet.

Die in diesen Prozessen strapazierten Materialien sind Metaphern für das Vergängliche alles Körperlichen. So wie Fotografie die Flüchtigkeit des Augenblicks bannen kann, sind die Stoffe im Werk von Sam Falls Träger von Zeichen, die kein Abbild des Realen sind, sondern zu Erinnerungen ihrer physischen Präsenz werden. Es entstehen großformatige Werke, die nach semiotischen Prinzipien ein in sich geschlossenes System bilden, gleichzeitig aber eine starke poetische Wirkkraft entfalten. Die ausgeblichenen Stoffbahnen sowie die in Regen getränkten, farbigen Laken und Papierblätter sind Träger von Erinnerung und Zeit, die mit der Abwesenheit der ursprünglichen Elemente nach der Vergänglichkeit alles Seienden fragen. All die Materialien und Prozesse mit denen sie über eine größere Dauer in Berührung kamen, sickern in ihre Substanz ein. Die geologischen und elementaren Umstände, die ihre Form bestimmen, machen sie somit quasi zu Fossilien, die Geschichten über ihre Herkunft erzählen.

(Text: Franziska Nori, Dennis Brzek)

Rückbindung an Welt: Über das Poetische in Elementen und Materialien

31.10.2018 — 13.01.2019 | Ausstellung