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Thomas Demand, „Patio“, 2014, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2017, Foto: N. Miguletz, © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy Sprüth Magers

Thomas Demand

Thomas Demand (*1964) stellt im Frankfurter Kunstverein die Arbeit „Patio“ aus. Fotografie ist heute befreit von der Annahme, dass sie eine Begebenheit in der Welt abbildet. In der für Demand kennzeichnenden Praxis stellt die Fotografie rekonstruierte Wirklichkeit dar. Der Bezug ist aber nicht das direkte Abbild der Realität, nicht ein Ausschnitt der realen Welt, sondern Dinge und Orte, die bereits medial abgebildet wurden. Demand findet seine Motive in den Kommunikationsmedien, der Presse und im Internet. Diese rekonstruiert der Künstler in seinem Atelier im realen Maßstab aus Papier und Pappe. Somit wird das Motiv zur Kulisse und diese wiederum zum Motiv. Es entsteht ein tautologischer Denkkreis; das Bild erhebt einen Realitätsanspruch für sich.

„Patio“ stellt ein Detail aus dem Hinterhof des Hauses nach, das einem der meistgesuchtesten Männer Amerikas als Versteck diente, James „Whitey“ Bulger. Dieser lebte für über 16 Jahre unerkannt in einer bescheidenen Wohnung in Santa Monica, in welcher er 2011 nach einem wiederholten Fahndungsaufruf, unter anderem in der deutschen Fernsehsendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“, verhaftet wurde. Die allgegenwärtige Bildpraxis der touristischen Amateurvideos trug zu Bulgers Erkennung bei. Seit 1999 stand er wegen 19-fachen Mordes, Erpressung, Waffenvergehen, Bankraub, krimineller Verschwörung und Geldwäsche auf der FBI Liste der meistgesuchtesten Täter. Bulger wurde zu einer öffentlichen Figur, zu einem Fall, der als Vorlage unter anderem für den Kriminalroman „Brutal“ diente, nach dem Martin Scorsese den Film „Departed“ gedreht hat. Diverse weitere Film- und Fernsehrproduktionen entstanden nach der Biografie des Kriminellen, darunter „Brotherhood“, „Black Mass“ und „Gangster – Ohne Skrupel und Moral: James Bulger“. An der Figur Bulgers wird die Verschränkung zwischen realem Sujet und dessen medialer Wahrnehmung greifbar.

Die auffällige Unauffälligkeit des Ortes ist in Demands Werk dargestellt. Die Unsichtbarkeit eines Mannes, der sich inmitten einer Großstadt versteckt hielt und dessen Lebensstil so angepasst und unspektakulär war, dass er ihm Unsichtbarkeit verlieh. Das Bild entzieht sich jeglicher Erwartung von Spektakularität, jeglicher Darstellung von Gewalt, die an die Figur Bulger oder an den Akt der Festnahme gekoppelt sind.
Demand erweitert in seinen Werken die ursprünglichen Medienbilder und kehrt ihr Verhältnis von Zeichen und Bezeichnetem, die Beziehung von Wort und Bild und die Frage nach dem Realitätsgrad des Abbildes um. Häufig bergen die Motive, die Demand wählt, die Folge einer Zerstörung – Naturkatastrophen oder menschliche Zerstörung. Er sucht Fragmente aus, bildet diese künstlich nach, entleert sie aber jeglicher Narration und menschlicher Präsenz. Die nachgestellte Konstruktion hält jedoch einen wichtigen Bezug zur Wirklichkeit aufrecht: der Maßstab eins-zu-eins der rekonstruierten Kulisse, sowie die Größe des photographischen Bildraums. Dadurch wird der Körper des Betrachters in eine physische Relation zum Werk gesetzt. Demands Arbeiten sind trügerisch und gaukeln in ihrer fotorealistischen Darstellungsweise dem Betrachter Wirklichkeit vor. Seine Motive sind durch mehrere Stufen der Transformation vom Realen entfernt. Die Wahrnehmung des Betrachters wird betrogen und der Verstand muss über kognitive Fähigkeiten das Reale neu finden und zusammensetzen. Das Bild will nicht erzählen, es bleibt offen und es entsteht ein Raum der Imagination, der Deutung und der Poesie.

Der in Berlin und Los Angeles lebende Künstler Thomas Demand zählt zu den international bekanntesten deutschen Fotokünstlern. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München (DE) sowie Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf (DE) und am Goldsmiths College in London (UK). Seit 2011 ist er Professor an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (DE) im Studienbereich Bildhauerei mit Schwerpunkt Fotografie. Seit den Neunzigerjahren stellt Demand international aus und ist in wichtigen Sammlungen weltweit vertreten.




Perception is Reality: Über die Konstruktion von Wirklichkeit und virtuelle Welten

07.10.2017 — 07.01.2018 | Ausstellung