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Toast, „Plank Experience“, 2016; © Toast

Toast

Das Virtual-Reality-Spiel „Plank Experience“ von Toast treibt das Phänomen der Trennung von Körper und Geist (body/mind split) ins Extreme. Mit Hilfe der VR-Brille findet sich der Ausstellungsbesucher in einer Großstadt wieder und begibt sich in einen virtuellen Aufzug. Die Tür öffnet sich in 160 Metern Höhe über einer Skyline. Nun folgt eine Dopplung im virtuellen und im realen Raum. Der Nutzer wird in der VR-Umgebung aufgefordert, auf dem Holzbrett über der Tiefe zu balancieren. Im realen Raum kann er ein Brett unter seinen Füßen ertasten und Wind aus einem Ventilator spüren.

Der Betrachter weiß um die Illusion und trotzdem reagieren Gehirn und Körper augenblicklich mit Höhenangst. Die digitale Bildwelt löst dieselben körperlichen und mentalen Reaktionen aus, wie eine entsprechende Erfahrung in der analogen Welt. Aufgrund der realitätsnahen Simulation kommt diese Game-Applikation auch im therapeutischen Bereich zur Überwindung von Akrophobie zum Einsatz. Bei „Plank Experience“ ist der Realitätsgrad der Bildwelt hoch, doch hat sich im Umgang mit VR-Technologien herausgestellt, dass im Gehirn bereits durch wenige Faktoren die Simulation als Wirklichkeit akzeptiert wird. Der Verstand wird überlistet, Realität mit Illusion ersetzt. Es entstehen konstruierte Erfahrungen, die heftige emotionale und körperliche Reaktionen im Betrachter auslösen können und die, so neurowissenschaftliche Studien, sich im Gedächtnis sogar als real verorten.

Vor dem Hintergrund, dass im virtuellen Raum erfahrene Erlebnisse vom Gehirn als real erlebt werden und als „echte“ Erinnerungen dauerhaft gespeichert werden, tun sich Fragen auf, die auf zukünftige, tiefgreifende Veränderungen der Gesellschaft verweisen: Wird der Mensch durch virtuelle Realität zunehmend in einer nicht-analogen Welt aktiv werden? Welchen Bezug wird die virtuelle Umgebung mit der realen Welt haben? Wird das Individuum seine Aktion in der digitalen Sphäre als nützlich-praktische Ergänzung zur analogen sehen oder als eskapistische Scheinwelt aufsuchen? Was wird mit der Idee des politischen Körpers im öffentlichen Raum geschehen? Und in wessen Händen wird letztendlich diese neue Technologie liegen, ein Instrument, das die Emotionen und Meinungen von Menschen so stark beeinflussen kann? Wird es die Möglichkeit geben, auch in den virtuellen Welten eine Gegenkultur oder eine pragmatische Technikkultur zu entwickeln, oder werden diese von globalen Konzernen reglementiert sein?

Toast ist ein Kollektiv australischer Spielentwickler bestehend aus Richard und Toni Eastes. Das 2016 veröffentlichte Virtual-Reality-Spiel „Plank Experience“ ist das erste Gamekonzept, das sie als gemeinsames Projekt veröffentlichen.




Vortrag: „Der transparente Avatar im Gehirn“

24.10.2017 | Veranstaltung

Perception is Reality: Über die Konstruktion von Wirklichkeit und virtuelle Welten

07.10.2017 — 07.01.2018 | Ausstellung