Die Lücke von Hanau
Doku-Serie von Dietrich Brants

„Wir brauchen lückenlose Aufklärung“, fordert Piter Minnemann, Überlebender des rechten Terrors am 19. Februar 2020 in Hanau. Ein „43jähriger Deutscher“, wie er in fast allen Medien genannt wird, ermordete Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili-Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu aus rassistischen Motiven: neun Menschen, die für den Täter nicht zu Deutschland gehören sollten. Auch mehr als zwei Jahre nach der Tat findet man etliche Leerstellen – sowohl bei der juristischen Aufklärung der Morde als auch bei der gesellschaftlichen Aufarbeitung. Die Audio-Dokumentation Die Lücke von Hanau beschreibt im Detail zahlreiche Versäumnisse, zum Beispiel das Vakuum bei den Ermittlungen zur verschlossenen Notausgangstür in der Arena Bar. Behördenrassismus in der hessischen Polizei: eine Lücke der Verfassungstreue. Unverantwortlich erscheint die Lücke besonders dort zu sein, wo Vertreter*innen von Behörden die Anliegen von Angehörigen missachten, etwa bei der Nicht-Information von Hinterbliebenen am Tag nach der Tat – da wird die Lücke schnell zum Abgrund.

Allen Opfern der Morde von Hanau wird von Polizeikräften und Medienberichten ein sogenannter „Migrationshintergrund“ zugewiesen. Bei jeder Leerstelle, die während oder nach der Tatnacht dokumentiert werden kann, geht es deshalb immer auch um eine Lücke zwischen Menschen, die migrantisiert werden, und deutschen Behörden, denen sie zunehmend misstrauen. Welche Lücke staatlicher Verantwortung offenbart sich, wenn ein gutverdienender weißer Deutscher mittleren Alters mit diagnostizierter paranoider Schizophrenie auf legale Weise eine Schusswaffe besitzt? Oder wenn die behördliche Dokumentation des Tatablaufs mehr als zwei Jahre nach den Morden mangelhaft zu sein scheint? Oder wenn im Polizeifunk während der Tatnacht nach einem Täter mit „vermutlich südländischer Herkunft“ gesucht wird, weil der „43jährige Deutsche“ zwar helle Haut, jedoch dunkle Haare hat? Oder wenn das Ermittlungsverfahren, das wegen des für Vili-Viorel Păun in der Tatnacht nicht erreichbaren polizeilichen Notrufs nötig wäre, trotz eines offenkundigen Systemversagens eingestellt wird?

Die erste „Lücke von Hanau“ sehen wir dort, wo viele konzentriert wegschauen: bei der Mittelschichtherkunft des Täters – seinem Bildungshintergrund. Ausgebildet an einer Elitefakultät, leistungsorientiert im Elternhaus, erfolgreich im Beruf, Mitglied in einem Münchener Traditionsverein. Ein Akademiker, der mit Prostituierten verkehrt, Pornohefte im Wald verbrennt, in einem Reihenhaus aufwächst, als Workaholic gilt und montags im Schützenverein Schießübungen macht – und in seinem persönlichen Umfeld sagen nahezu alle Zeug*innen: „Mit dem konnte man sich ganz vernünftig unterhalten“. Nicht aufgefallen ist bisher auch, dass der Täter von Hanau sich die Mörder des NSU zum Vorbild nimmt, angefangen beim tschechischen Fabrikat der Tatwaffe, welche auch der NSU benutzt, bis hin zu der Art und Weise, wie er einige seiner Opfer tötet – „Vorbild NSU“, auch dieser Aspekt der Morde gehört bislang zu den vielen Lücken von Hanau.

Die Doku-Serie Die Lücke von Hanau arbeitet mit Dokumenten in Text und Ton, die öffentlich zugänglich, also bereits veröffentlicht und für alle frei verfügbar sind, von Medienberichten bis hin zu Pressemitteilungen einer Staatsanwaltschaft. Außerdem nutzt diese Doku-Serie Ermittlungsergebnisse, die Medien wiedergeben dürfen. Immer handelt es sich um Aussagen von Überlebenden und Angehörigen, Nachbarn, Verwandten, Jugendfreund*innen, Kolleg*innen des Täters und von Polizeibeamt*innen und Behördenvertreter*innen, die von Relevanz sind, um eine „Lücke von Hanau“ zu beschreiben.

Als mehrteilige Hintergrund-Dokumentation entsteht diese Doku-Serie mit einem Verständnis journalistischer Tätigkeit, das vertieft informieren und die öffentliche Diskussion bereichern will. Mit journalistischen Methoden der Recherche und einer objektiven Herangehensweise kann dieses dokumentarische Prinzip Lücken bei der Aufklärung der Ereignisse der Tatnacht und Leerstellen im staatlichen Handeln aufzeigen. Durch das akribische Abgleichen dokumentierbarer Fakten werden offizielle Deutungen und gleichzeitig fehlende Aspekte sichtbar gemacht. Insgesamt entsteht auf diese Weise eine Doku-Serie, die aufzeigen kann, wo im Kontext dieser Morde eine Gegenerzählung zur verbreiteten Meinung eventuell angebracht wäre.

Frankfurter Kunstverein / SWR2

 

Episode 1      Deutschland, aber normal
Mittelschicht und Wahn, Teil 1

Episode 2      Paranoia des sozialen Abstieg
Mittelschicht und Wahn, Teil 2

Episode 3      Radikalisierung mit Bildungshintergrund
Mittelschicht und Wahn, Teil 3

Weitere Folgen, die während der Ausstellungslaufzeit noch veröffentlicht werden:

Episode 4      Vorbild NSU
Ein Nachahmer von Nachahmern

Episode 5      Der nicht erreichbare Notruf
Das Versagen der Polizei

Episode 6      Der verschlossene Notausgang
Eine Spekulation der Justiz

Episode 7      Rassismus vor dem Täterhaus
Der Einsatz des SEK

Episode 8      Alleingelassen
Die Missachtung der Angehörigen

 

Produktion: Südwestrundfunk 2022

Kooperation: Frankfurter Kunstverein mit der Ausstellung „Three Doors: Forensic Architecture/Forensis, Initiative 19. Februar Hanau und Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“

Executive Producer: Dr. Walter Filz

Curatorial Host: Prof. Franziska Nori

Realisation: Dietrich Brants

Distribution: ARD Audiothek, SWR2 Online und Radio, www.fkv.de

Consulting: Dr. Max Bauer

Musik: AZZI MEMO, AKSU, APACHE 207 und viele andere