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	<title>Landwirtschaft | Frankfurter Kunstverein</title>
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		<title>Bending the Curve – Eine Einführung von Katrin Böhning-Gaese (Co-Kreation Wissenschaft)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Oct 2023 08:51:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Bending the Curve – Wie gelingt die Kehrtwende im Naturschutz? Co-Kreation Wissenschaft: Katrin Böhning-Gaese Franziska Nori und ich haben uns Anfang 2019 bei einem Workshop zum „Neuen Senckenberg Naturmuseum“ kennengelernt. Franziska hat mich mit einem Wortbeitrag sehr beeindruckt. Sie sagte, dass „die Kunst neue Perspektiven eröffnen kann“. Idealerweise „schafft die Kunst ‚erhabene Momente‘, die transformativen <a href="https://www.fkv.de/bending-the-curve-eine-einfuehrung-von-katrin-boehning-gaese-co-kreation-wissenschaft/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Bending the Curve – Wie gelingt die Kehrtwende im Naturschutz?</strong><br />
<strong>Co-Kreation Wissenschaft: Katrin Böhning-Gaese</strong></p>
<p>Franziska Nori und ich haben uns Anfang 2019 bei einem Workshop zum „Neuen Senckenberg Naturmuseum“ kennengelernt. Franziska hat mich mit einem Wortbeitrag sehr beeindruckt. Sie sagte, dass „die Kunst neue Perspektiven eröffnen kann“. Idealerweise „schafft die Kunst ‚erhabene Momente‘, die transformativen Charakter haben“. Seitdem sind wir im engen Austausch geblieben, insbesondere im Hinblick auf die Ausstellung <em>Trees of Life</em>, die in Kooperation mit Senckenberg erarbeitet wurde, und die Ausstellung Die Intelligenz der Pflanzen. Warum arbeiten wir zusammen? Warum halte ich, als Biodiversitätsforscherin, eine Zusammenarbeit mit der Direktorin einer Kunstinstitution für spannend und sinnvoll? Und welche Rolle spielen „erhabene Momente“?</p>
<p>Die Biodiversität auf unserer Erde ist in dramatischem Ausmaß bedroht. Im ersten Globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrats (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES), veröffentlicht im Jahr 2019, wurde im wissenschaftlichen Konsens erarbeitet, dass von den derzeit etwa 8 Mio. Arten auf der Erde 1 Mio. Arten vom Aussterben bedroht sind. Eine besonders hohe Gefährdung gibt es mit über 60 % bedrohter Arten bei Palmfarnen, 40 % bedrohter Arten bei Amphibien, also Fröschen, Kröten und Lurchen, und fast 40 % bei Korallen. Darüber hinaus gehen die Bestände vieler Arten dramatisch zurück. Ein Index, der die Häufigkeit von Arten widerspiegelt, der Living-Planet-Index, zeigt einen Rückgang in der Häufigkeit von Arten um mehr als 60 % über einen Zeitraum von 50 Jahren. In Deutschland und Europa messen wir vor allem bei den Arten der Agrarlandschaft, d. h. den Äckern, Wiesen und Weiden, Rückgänge. So findet man bei Vögeln der Agrarlandschaft über einen Zeitraum von 37 Jahren einen Rückgang von fast 60 %.</p>
<p>Neben den Arten verschwinden auch natürliche Ökosysteme und werden in vom Menschen genutzte und oft degradierte Ökosysteme überführt. Die Hälfte aller Ökosysteme wurde bereits massiv verändert. In den letzten 30 Jahren ist die Ausdehnung natürlicher Wälder um eine Fläche zurückgegangen, die insgesamt zwölfmal der Fläche der Bundesrepublik entspricht. In Deutschland sind nur 4 % der früher ausgedehnten Moore Naturschutzflächen.</p>
<p>Die Veränderungen in der Biodiversität haben Folgen für die Beiträge, die die Natur für uns Menschen leistet (nature’s contributions to people). Die Biodiversität ist die Existenzgrundlage für die Menschen: Fast alles, was wir Menschen nutzen, wird durch die Biodiversität bereitgestellt. Zu den materiellen Beiträgen der Natur gehören Luft zum Atmen, sauberes Trinkwasser, Nahrung, Baustoffe, Energie, Fasern oder Medikamente, zu den regulierenden Beiträgen unter anderem die Bestäubung, die Samenausbreitung und die natürliche Regeneration von Wäldern, die Regulierung des Klimas oder die Bildung fruchtbarer Böden. Und schließlich liefert Biodiversität ein breites Spektrum an nicht-materiellen Beiträgen: Schönheit, Entspannung, Erholung und psychische Gesundheit, Spiritualität, Heimat und Identität. Der Verlust der Biodiversität hat auch Folgen für die Beiträge der Natur. Nach wissenschaftlichem Konsens (IPBES Global Assessment Report 2019) gehen von den 27 Unter-Kategorien an Beiträgen der Natur alle bis auf drei zurück; die einzigen Beiträge, die ansteigen, sind die Anbauflächen für Nahrungsmittel und Tierfutter, für Energiepflanzen (z. B. Ölpalmen) und für Materialien (z. B. Baumwolle). Ökosysteme werden offensichtlich im Hinblick auf die kurzfristige Produktivität für den Menschen gemanagt.</p>
<p>Was sind die Ursachen für den Verlust der Biodiversität? Es gibt fünf wichtige direkte Ursachen, die sogenannten „Big Five“ des Biodiversitätsverlusts. Auf Platz eins steht die Landnutzung, das ist im Wesentlichen die Landwirtschaft. Die landwirtschaftliche Anbaufläche wird derzeit vor allem in tropischen Ländern massiv ausgedehnt. Dabei werden natürliche Ökosysteme, d. h. Wälder, Savannen, Grasland-Ökosysteme oder Feuchtgebiete, zerstört. In Deutschland und Europa ist die Ursache für den Rückgang der Arten in der Agrarlandschaft eine sehr intensive landwirtschaftliche Nutzung, mit hohem Einsatz an Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln, großflächigen Monokulturen, mit dem Verschwinden von Hecken, Bäumen, Bachläufen und Brachflächen. Auf Platz zwei steht die Ausbeutung von Arten. Dadurch sind vor allem die Meere betroffen; über 35 % der kommerziell genutzten Fischbestände sind derzeit überfischt. Daneben sind der Klimawandel, die Umweltverschmutzung und das Einwandern gebietsfremder, sogenannter „exotischer“ Arten von Bedeutung.</p>
<p>Allerdings stehen hinter diesen direkten Einflussfaktoren indirekte oder tiefe Faktoren, die u. a. Landnutzungsänderungen und die Ausbeutung von Arten verursachen. Dazu gehören demographische und sozio-kulturelle Veränderungen, wie der Anstieg der Weltbevölkerung, der zunehmende Pro-Kopf-Konsum natürlicher Ressourcen und eine zunehmend fleischbasierte Ernährung. Weitere Faktoren sind ökonomische und technologische Veränderungen, Änderungen in Institutionen und Governance, Konflikte und Epidemien. Dazu gehören zum Beispiel zunehmender Wohlstand oder die institutionellen und technischen Möglichkeiten für globale Handelsketten.</p>
<p>Es ist aus der Sicht der Wissenschaft glasklar, dass der Verlust der Biodiversität und ihrer Beiträge für uns Menschen bereits heute die Gesundheit, den Wohlstand und das Wohlergehen vieler Menschen beeinträchtigt. Bei weiteren Rückgängen der Biodiversität und ihrer Beiträge für die Menschen ist ein immer größerer Personenkreis gefährdet. Aber was können wir tun, um eine Kehrtwende einzuleiten, um einen weiteren Rückgang der Biodiversität aufzuhalten und die Biodiversität idealerweise wieder zu fördern?</p>
<p>Bei den Maßnahmen stehen an erster Stelle internationale Vereinbarungen, wie das Übereinkommen über die biologische Vielfalt, das auf dem Erdgipfel in Rio 1992 aufgesetzt wurde und das in der Zwischenzeit 196 Nationen unterzeichnet haben. Bei der 15. Vertragsstaatenkonferenz Ende 2022 in Montreal, dem sogenannten Weltnaturgipfel, wurden neue Ziele vereinbart. Dazu gehören unter anderem das Ziel, bis zum Jahr 2030 30 % der Landes- und Meeresflächen effektiv unter Schutz zu stellen, bis zum Jahr 2030 30 % der degradierten Landes- und Meeresflächen wieder zu renaturieren oder die Förderung einer nachhaltigen Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei. Die große Stärke dieser Abkommen ist, dass es internationale Übereinkünfte sind, denen fast alle Länder dieser Erde zugestimmt haben. Leider gibt es keine juristischen Instrumente, um diese Ziele einzuklagen und durchzusetzen: Der internationale Gerichtshof beschäftigt sich nicht mit diesen Fragen; es gibt auch keine Weltpolizei. Dennoch stehen damit alle Länder der Erde in der moralischen Verpflichtung, diese Ziele umzusetzen. Es liegt in der Verantwortung der Zivilgesellschaft und der Medien, die Einhaltung dieser Ziele einzufordern.</p>
<p>Zudem spielen internationale Science-Policy-Interfaces auch beim Schutz der Biodiversität eine zentrale Rolle. Die entsprechende internationale Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik ist für Biodiversität der bereits genannte Weltbiodiversitätsrat IPBES. Er ist das Äquivalent des Weltklimarats IPCC, der für das Thema „Klima“ schon vor vielen Jahren etabliert wurde. Der Weltbiodiversitätsrat erarbeitet den Stand des Wissens und Handlungsoptionen sowohl für einzelne Weltregionen als auch global. Ein wesentliches Ergebnis der bisherigen Berichte ist, dass Schutz und Förderung der Biodiversität nicht mehr durch Einzelmaßnahmen zu erreichen sind. Das heißt, dass das Einrichten von Schutzgebieten oder die reduzierte Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln allein zwar gute und notwendige Maßnahmen sind, aber nicht ausreichen werden, um die Biodiversität zu erhalten. Stattdessen wird eine sozial-ökologische Transformation eingefordert, definiert als eine fundamentale systemweite Umgestaltung der ganzen Gesellschaft, d. h. der Politik, Rechtsprechung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft (IPBES Global Assessment Report 2019).</p>
<p>Ergänzend dazu gibt es tausende wissenschaftlicher Publikationen, die den Einfluss der Menschen auf die Biodiversität und die Folgen für Ökosysteme und die Menschen untersucht haben. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei Publikationen, bei denen Biodiversitätsmodelle eingesetzt werden. Diese Modelle funktionieren wie die bekannteren Klimamodelle: Sie werden mit bestehenden Daten und nachgewiesenen Zusammenhängen parametrisiert und validiert, dann erstellt man alternative Zukunftsszenarien. Diese eröffnen alternative Zukünfte, die je nach ergriffenen Maßnahmen eine positive Entwicklung der Biodiversität, eine Stabilisierung oder einen weiteren Rückgang vorhersagen. Eine besonders umfassende und anspruchsvolle Studie von Leclère und Ko-Autor:innen aus dem Jahr 2020 kommt zu der Schlussfolgerung, dass wir mit einem Bündel von drei Maßnahmenpaketen bis zum Jahr 2030 den Rückgang der Biodiversität stoppen und bis zum Jahr 2050 wieder eine Zunahme der Biodiversität erreichen können. Die Maßnahmenpakete sind: 1. Große, gut gemanagte Schutzgebiete plus Renaturierung von Ökosystemen, 2. produktive, aber nachhaltige Land- und Forstwirtschaft und mehr Handel, und 3. Änderungen unseres Konsum- und Ernährungsverhaltens in Richtung weniger Lebensmittelverschwendung und, für Länder wie Deutschland, hin zu einer stärker pflanzenbasierten Ernährung. Diese Studie zeigt: Eine Zunahme der Biodiversität ist möglich! Das ist eine sehr positive Nachricht. Wir brauchen positive Bilder und Geschichten für die Zukunft.</p>
<p>Wenn Änderungen und Maßnahmen angegangen werden, ist es hilfreich, zwischen flachen und tiefen Hebelpunkten des Systems (shallow and deep leverage points) zu unterscheiden (Meadows 1999, Leverage Points: Places to Intervene in a System). Flache Hebelpunkte greifen u. a. an Parametern an, zum Beispiel der Giftigkeit von Pflanzenschutzmitteln. Tiefe Hebelpunkte adressieren u. a. Denkmuster und Paradigmen, auf denen das System basiert. Bisher beruhen Maßnahmen, die zum Schutz der Biodiversität ergriffen werden, eher auf flachen Hebelpunkten, zum Beispiel dem Einrichten von Schutzgebieten. Dagegen werden Maßnahmen, die an tiefen Hebelpunkten ansetzen, sehr selten angewandt. Zugegebenermaßen sind diese tiefen Hebelpunkte sehr schwer zugänglich. Dennoch haben Ansätze an tiefen Hebelpunkten, an Denkmustern und Paradigmen, ein riesiges Potenzial, wirklich tiefe und nachhaltige, langfristige Veränderungen in Richtung besserer Mensch-Natur-Beziehungen zu bewirken.</p>
<p>Und an diesem Punkt setzt die Kunst an (unter anderem). Das Erlebnis „erhabener Momente“ kann die Denkmuster einer Person so tief erschüttern, dass eine Bereitschaft geschaffen werden kann, eigene Haltungen, Präferenzen und Verhalten ganz grundsätzlich infrage zu stellen und vielleicht sogar zu ändern. Das ist der Grund (oder zumindest einer der Gründe), warum ich als Biodiversitätsforscherin mit Franziska Nori zusammenarbeite. Tiefe Hebelpunkte eines Systems sind für Naturwissenschaftler:innen so gut wie unzugänglich, aber sie werden (vielleicht) durch die Kunst erreicht.</p>
<p>Dennoch bleibt es eine riesige Herausforderung, die Kehrtwende zum Schutz der Biodiversität einzuleiten. Die Gestaltung sozial-ökologischer Transformationen ist komplex und kompliziert. Die gute Nachricht ist jedoch, dass bei den notwendigen Transformationen jede und jeder einen Beitrag leisten kann. Um die Zahl möglicher Maßnahmen überschaubar und konkret zu machen, haben Friederike Bauer und ich in unserem Buch „Vom Verschwinden der Arten: Der Kampf um die Zukunft der Menschheit“ (Böhning-Gaese und Bauer 2023, Vom Verschwinden der Arten) einen Katalog von zehn Maßnahmen erarbeitet, die wir aus unserer gemeinsamen Erfahrung heraus für die zehn wirksamsten halten. Jede Maßnahme adressiert dabei andere Sektoren der Gesellschaft:</p>
<ol>
<li><strong>30 Prozent der Erde unter Schutz stellen, 30 Prozent davon unter strengen Schutz (Politik und Naturschutz). </strong>Bis zum Jahr 2030 sollten weltweit mindestens dreißig Prozent der Erdoberfläche effektiv geschützt werden (nicht nur auf dem Papier) – von heute 17 Prozent an Land und acht Prozent im Meer; davon dreißig Prozent, das heißt zehn Prozent der Gesamtfläche, mit wenig menschlichen Eingriffen – als Wildnis. Diese Gebiete können dann die Funktion von Archen der Biodiversität für die Zukunft übernehmen.</li>
<li><strong>Den Anteil des Ökolandbaus global bis 2030 auf 25 Prozent erhöhen … (Politik und Landwirtschaft). </strong>Ökologischer Landbau fördert Biodiversität. Bisher macht er in Europa rund neun Prozent, weltweit erst 1,5 Prozent aus. Den Ökolandbau auszuweiten, bei uns in Europa, aber auch in Ländern des globalen Südens, dient der Gesundheit der Natur, der Gesundheit von Nutzpflanzen und -tieren und damit auch der Gesundheit der Menschen.</li>
<li><strong>Naturschädliche Subventionen schrittweise bis 2030 um mindestens 500 Milliarden Dollar jährlich reduzieren (Politik). </strong>Heute gehen irrsinnig hohe Summen in die Förderung von fossilen Energien, umweltschädlicher Landwirtschaft und Fischerei. Diese müssen umgelenkt werden, um biodiversitätsfreundliche Maßnahmen, wie Renaturierung und ökologischen Landbau, zu fördern und soziale Härten abzufedern.</li>
<li><strong>Berichtspflichten von Unternehmen und der Finanzbranche zu ihrem Einfluss auf Biodiversität weltweit bis 2030 festlegen … (Politik und Unternehmen). </strong>Solche Berichtspflichten machen den negativen (und positiven) Einfluss der Wirtschaft auf die Natur sicht- und messbar. Das dürfte zum Umdenken in Unternehmen, zum Umlenken von Investitionen und zu neuen Geschäftsmodellen führen. Denn: There is no business on a dead planet.</li>
<li><strong>Den Anteil der Green Bonds, die Naturschutz finanzieren, von derzeit drei Prozent bis 2030 auf dreißig Prozent erhöhen (Finanzwirtschaft). </strong>Bisher steht der Klimaschutz, z. B. mithilfe von Windkraft und Solaranlagen, bei Green Bonds im Vordergrund. Das ist grundsätzlich gut und richtig. Doch wir brauchen mehr Finanzprodukte, deren Gelder in den Erhalt der Natur fließen, in den Arten- und Naturschutz oder den Ökolandbau.</li>
<li><strong>Den Fleischkonsum radikal herunterschrauben und höchstens 300 Gramm pro Person und Woche essen, davon maximal 100 Gramm rotes Fleisch, idealerweise von Weidetieren (jede und jeder). </strong>Derzeit werden weltweit rund siebzig Prozent der Ackerfläche für Tierfutter verwendet, statt direkt der menschlichen Ernährung zu dienen. Ein geringerer Fleischkonsum wäre eine wichtige Voraussetzung, um Flächen für Biodiversität oder menschliche Ernährung zu schaffen, selbst bei weiterem Bevölkerungswachstum.</li>
<li><strong>So wenig Lebensmittel wie möglich verschwenden</strong> <strong>(jede und jeder, Restaurants, Unternehmen). </strong>Allein Europa verschwendet 173 Kilogramm Lebensmittel pro Person und Jahr; rechnerisch fast ein halbes Kilo pro Tag. Diese Praxis möglichst abzustellen, spart Flächen für den Anbau. Es hilft zudem, den Wert von Lebensmitteln zu entdecken, macht Spaß und schont den Geldbeutel.</li>
<li><strong>Sich fünfzehn Minuten am Tag oder zwei Stunden in der Woche mit der Natur beschäftigen (jede und jeder). </strong>Den Balkon begrünen, Gemüse anbauen, im Park spazieren, in den Wald gehen, mit anderen über Kräuter sprechen etc. Die Beschäftigung hilft, ein engeres Verhältnis zur Natur zu entwickeln oder zu pflegen und deren vielfältigen Werte besser zu begreifen. Man schützt nur, was man liebt, man liebt nur, was man kennt. Außerdem dient es der Entspannung, Erholung, macht uns nachweislich gesünder und zufriedener.</li>
<li><strong>Die Städte wo immer möglich begrünen; Balkone, Dächer, Seitenstreifen, Hinterhöfe etc. (Stadtverwaltungen, jede und jeder). </strong>Das ist ein Gewinn für die Biodiversität, kühlt die Innenstädte, stärkt unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Wichtig ist auch hier die Vielfalt: Bäume und Sträucher mit Blüten und Beeren statt Thuja, Wiesen statt Rasen, Totholz statt Rabatten – und das Ganze darf gerne etwas unordentlich aussehen.</li>
<li><strong>Medien, Filme, Bücher, Ausstellungen und Lernmaterialien müssen sich ernsthaft mit Natur auseinandersetzen, sie weder überhöhen noch ignorieren (Journalist:innen, Pädagog:innen und Kulturschaffende). </strong>Das Thema Natur muss in die Politik- und Wirtschaftsteile der Zeitungen, nicht nur in die Rubriken „Vermischtes“ oder „Panorama“. Es geht um mehr als Koalabären, Gorillas und Tiger: um Zusammenhänge, Ökosysteme und um die Natur als Existenzgrundlage. Dafür braucht es eingängige Geschichten und Bilder, die Menschen auf unterschiedlichste Weise erreichen und uns immer wieder klarmachen, dass es auf jede und jeden Einzelnen ankommt.“ (Böhning-Gaese und Bauer 2023, Vom Verschwinden der Arten).</li>
</ol>
<p>Wir sehen daher, dass die Kunst die Möglichkeit hat, Beiträge zu den notwendigen sozial-ökologischen Transformationen zu leisten; vielleicht hat sie sogar die Pflicht?</p>
<p>Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese<br />
Direktorin Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Fernando Laposse</title>
		<link>https://www.fkv.de/fernando-laposse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Oct 2023 08:51:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Pink Hammock, 2019 Hängematte, Gewebtes Sisal, pink eingefärbt 200 x 400 x 100 cm Dog benches (pups), 2023 Gewobene Agaven-Fasern, Sperrholzstruktur Jeweils 67 x 40 x 45 cm Totomoxtle, 2023 Vieleckige mehrfarbige Maisplatten 12 m2 Agave Regeneration, 2019 Video 5:34 min Totomoxtle – Biomaterial Made from Mexican Heirloom Corn Husks, 2019 Video 7:19 min Courtesy <a href="https://www.fkv.de/fernando-laposse/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Pink Hammock</em></strong>, 2019<br />
Hängematte, Gewebtes Sisal, pink eingefärbt<br />
200 x 400 x 100 cm</p>
<p><strong><em>Dog benches (pups)</em></strong>, 2023<br />
Gewobene Agaven-Fasern, Sperrholzstruktur<br />
Jeweils 67 x 40 x 45 cm</p>
<p><strong><em>Totomoxtle</em></strong>, 2023<br />
Vieleckige mehrfarbige Maisplatten<br />
12 m<sup>2</sup></p>
<p><strong><em>Agave Regeneration</em></strong>, 2019<br />
Video<br />
5:34 min</p>
<p><strong><em>Totomoxtle – Biomaterial Made from Mexican Heirloom Corn Husks</em></strong>, 2019<br />
Video<br />
7:19 min</p>
<p>Courtesy Fernando Laposse</p>
<p>Fernando Laposse fasst Kunst als sozial-ökologische Handlung auf. Für <em>Bending the Curve</em> hat der mexikanische Künstler eine sich über 140 Quadratmeter erstreckende Rauminstallation konzipiert, in der die Erzeugnisse der indigenen Gemeinschaft der Mixteken als Exponate in einer inszenierten Landschaft präsentiert werden. Laposse gründete mit ihnen eine Genossenschaft in der ländlichen Gegend Tonahuixtla. Dadurch verbindet er lokales Wissen, ökologischen Wiederaufbau, soziales Gemeinschaftsleben und nachhaltiges Wirtschaften miteinander. Der Künstler revitalisiert brachliegende Gebiete, beugt Bodenerosion vor und engagiert sich für Ernährungssouveränität sowie den Schutz der kulturellen Pflanzenvielfalt und indigenen Wissens.</p>
<p>In dieser Ausstellung konzentriert sich Fernando Laposse auf zwei natürliche Materialien, die aus Tonahuixtla stammen: Maisblätter und Sisalfasern. Sie werden in der Genossenschaft kollektiv hergestellt, traditionell verarbeitet und durch die Kontextverschiebung in den musealen Raum zu zeitgenössischen Kunstwerken. Aus den Maisblättern wurden die bunten Intarsien <em>Totomoxtle</em> produziert, die an der Wand präsentiert werden. Die Hängematte <em>Pink Hammock</em> und die drei skulpturalen <em>Dog benches (pups)</em> sind aus Sisalfasern von Agavenpflanzen entstanden. Die beiden Filme <em>Agave Regeneration</em> und <em>Totomoxtle</em> <em>– Biomaterial Made from Mexican Heirloom</em> <em>Corn Husks</em> erläutern die Geschichte der Kunstwerke und von Tonahuixtla.</p>
<p>2015 begann die Zusammenarbeit von Laposse mit der indigenen Mixtekengemeinde in Tonahuixtla. Das ländliche Dorf liegt weniger als 50 Kilometer von der weltweit ältesten Stätte der Domestizierung von Mais entfernt – einer Pflanze, die schon immer eine zentrale kulturelle und finanzielle Rolle für die Identität der Gemeinschaft gespielt hat. Die Geschichte dieses Ortes ist geprägt von sozial-ökologischen Herausforderungen, die in den 1990er-Jahren mit der Einführung von Hybridmaissamen und dem Aufgeben traditioneller Anbaumethoden begannen. Diese Entwicklung führte zu einer Vielzahl von Problemen, darunter Bodenerosion, Abwanderung, Arbeitslosigkeit und dem Verlust der Agrobiodiversität und endemischer Pflanzenarten, insbesondere von Mais.</p>
<p>Die Gemeinde Tonahuixtla steht mit ihrer Geschichte nicht allein da. Ihre historische Entwicklung ist exemplarisch für das Schicksal unzähliger ländlicher Gemeinschaften in Südasien und Lateinamerika durch die Verbreitung neuer landwirtschaftlicher Systeme. In Mexiko begann die Modernisierung der Landwirtschaft in den 1950er-Jahren und zielte auf die Steigerung der interen Nachfrage ab. Diese führte zur verstärkten Nutzung hoch ertragreicher, aber weniger qualitätvoller und anpassungsfähiger industrieller Saaten, die teure synthetische Düngemittel, Pestizide und Maschinen erfordern. Im Verlauf weniger Jahre gingen in Mexiko 80 % der Maisvielfalt verloren. Die Folgen dieser Veränderungen waren in Tonahuixtla besonders gravierend, da die Böden dort stark ausgelaugt waren und viele der in die Abhängigkeit von großen Konzernen geratenen Bewohner:innen in die Vereinigten Staaten emigrieren mussten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.</p>
<p>Laposse, der die Gemeinschaft in Tonahuixtla seit seiner Kindheit besuchte, kehrte nach seinen Kunststudium in London dorthin zurück und fand ein Dorf vor, das kurz vor dem Aussterben stand. Als Zeichen des Wandels und der Hoffnung für die Gemeinschaft initiierte er <em>Totomoxtle</em>: ein sozial-ökologisches künstlerisches Projekt zur Wiedereinführung einheimischer Maissorten in Zusammenarbeit mit lokalen Familien, die traditionelle Saatgutsorten über Generationen aufbewahrt hatten, sowie mit der Saatgutbank International Maize and Wheat Improvement Center (CIMMYT) in Texcoco, Mexiko. In nur vier Jahren konnten über 50 Menschen beschäftigt werden und sechs vom Aussterben bedrohte Maissorten in der lokalen Landwirtschaft wieder eingeführt werden. In Kooperation mit der von ihm gegründeten Genossenschaft nutzte Laposse die bunten Blätter des Criollo-Maises, Abfälle aus der Landwirtschaft, um Intarsien für Möbel und Innenräume herzustellen. Der Name dieses neuen Materials, <em>Totomoxtle</em>, bezieht sich auf das indigene Nahuatl Wort für Maishülsen. Dabei handelt es sich um ein Furnier, 0,5 bis 8 mm dicke Blätter, die normalerweise aus Holz und in diesem Fall aus Resten der Maislandwirtschaft bestehen. Nachdem sie von der Pflanze abgeschnitten wurden, behalten Maisblätter ihre Farbe und können dank ihrer Faserstruktur flachgedrückt oder gebogen werden. Die Produktion von <em>Totomoxtle</em> schuf Arbeitsplätze vor Ort und motivierte die Gemeinschaft zur Rückkehr zu traditionellen Anbaupraktiken. Handwerk wurde zu einem Motor für eine sozial-ökologische Transformation auf einem niedrigen Level.</p>
<p>In einem zweiten Schritt suchten Laposse und die Genossenschaft nach einer Lösung für das gravierende Problem der Bodenerosion, was zur Wiedereinführung von Agavenpflanzen auf einer Fläche von 120 Hektar führte. Bis zu 150.000 Agaven konnten dort gepflanzt werden. Ihre Wurzeln können sich an Felsen verankern und somit Bodenerosionen vermeiden sowie Wasser in trockenem Boden speichern und die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen stärken. Die Nutzung der Agavenpflanzen in Tonahuixtla weicht jedoch von der in Mexiko üblichen Verwendung ab. Agaven werden normalerweise industriell für die Herstellung der nationalen Spirituosen Mezcal oder Tequila gezüchtet. Dafür werden die Agaven auf den Feldern gerodet und ihre Blätter als Abfall liegen gelassen, was zu Insektenbefall führen und in großen Mengen schädlich für den Boden sein kann. In Tonahuixtla bleiben die Agavenpflanzen bestehen. Nur ihre Blätter werden geerntet und zermahlen, um Sisalfasern zu gewinnen, die in Textilskulpturen gewebt werden. Die drei Skulpturen <em>Dog benches (pups)</em> im Frankfurter Kunstverein weisen die natürliche helle Farbe der Sisalfasern auf. Die Skulptur <em>Pink Hammock</em> hingegen wurde mit einem natürlichen Pigment gefärbt. Der rote Farbstoff Cochineal stammt von einem Käfer, der in Mittelamerika auf Kakteen lebt.</p>
<p>In Laposses Wiederaufforstungsprojekt mit Agaven ist die Herstellung von Textilien aus Sisal ein Akt der Vorsorge, der sich von der herkömmlichen Textilindustrie unterscheidet, die natürliche Ressourcen schneller entzieht, als sie sich regenerieren können. Laposses Praxis geht über die Nachhaltigkeit hinaus und regeneriert Ökosysteme und Gemeinschaften, um den lokalen biokulturellen Reichtum für künftige Generationen zu bewahren. Damit demonstriert er die regenerative Kraft der Kunst, komplexe Probleme anzugehen, und zeigt, wie Kunst nicht nur ästhetisch sein, sondern auch eine sozial-ökologische Transformation hervorrufen kann. Laposse handelt im Sinne einer finanziell unabhängigen Gemeinschaft, die in Verbindung mit dem lokalen Ökosystem agiert. Landschaft und Menschen sind in Tonahuixtla vereint in einem ökologisch ausgerichteten Wirtschaftskreislauf. Dabei unterstreicht Laposse die Wichtigkeit der Sensibilisierung und der Förderung von Veränderungen, auch wenn sie nur auf lokaler Ebene stattfinden.</p>
<p>Die Präsentation von Fernando Laposses Werk in der Ausstellung <em>Bending the Curve</em> ist exemplarisch für eine ganze Reihe an Künstler:innen, die sich mit ihrer Kunst für die Bewahrung von Agrobiodiversität und für einen Wandel der landwirtschaftlichen Techniken mit lokalen Lösungs- und Forschungsansätzen einsetzen. Dazu zählen u. a. Vivien Sansour mit der <em>Palestine Heirloom Seed Library</em>, Marwa Arsanios in ihrer Filmtrilogie <em>Who is Afraid of Ideology?</em>, Jumana Manna mit ihren Filmen <em>Foragers</em> und <em>Wild Relatives</em>, Nida Sinnokrot mit dem Residency-Programm <em>Sakiya</em> <em>– Art/Science/Agriculture</em> sowie das Künstler:innenduo Cooking Sections mit seinen Kunstforschungsprojekten <em>CLIMAVORE</em> und <em>Monoculture Meltdown</em>.</p>
<p><u>HINTERGRÜNDE ZUM ERNÄHRUNGSSYSTEM</u></p>
<p>Die Klimakrise konfrontiert unser Ernährungssystem – Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei und Aquakultur – mit neuen Herausforderungen wie steigenden Temperaturen, Waldbränden, Dürren und Überschwemmungen. Was wir essen, wie viel Lebensmittel kosten, wo Land bewirtschaftet werden kann und wie viel Nahrung Menschen zur Verfügung steht, hängt u. a. eng mit der Biodiversität sowie mit dem zunehmend extremeren Klima zusammen. Ein wesentlicher Teil der Biodiversität ist die genetische Diversität, die es erlaubt, dass sich Arten und Populationen an ständig neue Umweltveränderungen anpassen können. Dies eröffnete auch den Menschen eine breite Palette von Optionen an Pflanzen, die sie nutzen und anbauen konnten.</p>
<p>Die Vielfalt der Organismen, die in unseren landwirtschaftlichen Ökosystemen leben, nennt man Agrobiodiversität. Dazu zählen Kulturpflanzen, Nutztiere, Mikroorganismen und Wildpflanzenarten. Es handelt sich zu großen Teilen um ein vom Menschen über die Jahrhunderte geschaffenes Kulturgut und somit um eine Sonderform der Biodiversität. Agrobiodiversität umfasst nicht nur Landwirtschaft und Ernährung, sondern auch Geschichte, Tradition, Identität, Kultur, Geografie, Genetik, Wissenschaft und Handwerk. Da Agrobiodiversität die genetische Grundlage für Nahrungsmittel und landwirtschaftliche Produktion bildet, hängt auch unsere Zukunft davon ab. Die Vielfalt in der Landwirtschaft stärkt die Gesamtwiderstandsfähigkeit unserer Ernährungssysteme und ermöglicht es, widerstandsfähigere Pflanzenarten zu züchten, die den Herausforderungen von Krankheiten, Schädlingen, sich verändernden Umweltbedingungen und anderen Bedrohungen besser standhalten können. Gerade wegen der globalen Erwärmung verbreiten sich zunehmend Krankheitserreger, die Ernten zerstören und ganze Pflanzenarten auslöschen können. Jedoch ist heute die Agrobiodiversität stark gefährdet und damit auch ihr Beitrag zur Zukunft der menschlichen Ernährung.</p>
<p>Wie die Klimakrise ist auch die Vielfaltskrise menschengemacht. Der größte Verlust an Agrobiodiversität begann in den 1960er-Jahren, als Wissenschaftler:innen versuchten, die globale Ernährungssicherheit zu verbessern, indem sie den Ertrag von Weizen, Reis und Mais erhöhten. Um die dringend benötigten zusätzlichen Nahrungsmittel anzubauen, wurden Tausende traditioneller Sorten durch eine kleine Anzahl neuer Sorten (v. a. bei Mais und Soja) ersetzt. Diese wurden mit einer Mischung traditioneller und gentechnologischer Methoden gezüchtet. Die Strategie, die dies durch den Einsatz neuer Technologien gewährleistete – neue Saatgutsorten, mehr Agrochemikalien, höhere Bewässerung– wurde als „Grüne Revolution“ bekannt. Diese Bewegung wurde von verschiedenen Organisationen und Wissenschaftler:innen unterstützt, darunter die Rockefeller Foundation und die Ford Foundation, sowie von Agrarwissenschaftler:innen wie Norman Borlaug. Die Grüne Revolution verbreitete sich weltweit, besonders in Südasien und Lateinamerika, und markierte den Beginn der modernen industriellen Landwirtschaft in Ländern des globalen Südens. Die Einführung von Hybridsorten war oft mit intensivem Einsatz  von Agrochemikalien – Düngemitteln und Pestiziden (Herbiziden, Insektiziden, Fungiziden) verbunden. Lediglich vier Agrochemieunternehmen kontrollieren 60 % des weltweiten Saatgutmarktes (und 75 % des Pestizidmarktes); diese Unternehmen repräsentieren damit eine riesige Marktmacht. Durch die Abhängigkeit von Hybridsorten, Düngemitteln und Pestiziden und in den Händen weniger Konzerne gerieten lokale Gemeinschaften von Kleinbauern und -bäuerinnen oft in finanzielle Schwierigkeiten und ihre Widerstandsfähigkeit sowie das traditionelle landwirtschaftliche Wissen gingen verloren. Denn auch wenn die neuen Verfahren und neue wissenschaftliche Erkenntnisse akute Hungerprobleme in vielen Regionen mildern konnten, rückten dadurch die biologische Vielfalt, lokale Ernährungssysteme, soziale Gerechtigkeit sowie auch die Gesundheit von Böden, Ökosystemen und Gewässern in den Hintergrund.</p>
<p>Als Reaktion auf die negativen Auswirkungen der Globalisierung und der industrialisierten Landwirtschaft entwickelten sich in den 1990er-Jahren Protestbewegungen von Bauern und Bäuerinnen, Landarbeiter:innen und indigenen Gemeinschaften, die sich gegen eine industrielle globalisierte Landwirtschaft stellten und lokale Lösungsansätze priorisierten. Sie propagierten das Konzept der Ernährungssouveränität, das das dominante Modell der Ernährungssicherheit als Priorität infrage stellte. Ernährungssouveränität bezieht sich auf das Recht von Einzelpersonen und Gemeinschaften, die Kontrolle über ihre eigenen Ernährungssysteme zu haben, einschließlich der Art und Weise, wie Nahrungsmittel produziert, verteilt und konsumiert werden. Der Fokus liegt dabei auf lokalem und traditionellem Wissen sowie auf nachhaltigen landwirtschaftlichen Praktiken (Agroökologie).</p>
<p>Heute sind diverse Pflanzenarten, mit denen wir in unserem Alltag vertraut sind, vom Verlust der Agrobiodiversität betroffen. Ein bekanntes Beispiel ist die Geschichte der Bananen. Von den über 100 Arten dieser Musa paradisiaca, die aus einem natürlichen Selektionsprozess entstanden waren, wurde die Sorte Gros Michel ohne Samen gezüchtet, weltweit verbreitet und angepflanzt. Nachdem Plantagen der Gros Michel durch einen Bodenpilz fast komplett vernichtet worden waren, setzte die Industrie auf eine gegen den Pilz resistente Sorte: die Cavendish-Banane. Diese könnte jedoch als einzelne Sorte jederzeit ebenfalls von Pilzen und Krankheitserregern befallen werden. Immer mehr Pflanzen, die auf wenige Sorten reduziert wurden, sind durch den Klimawandel verursachten Gefahren ausgesetzt: die beliebte Avocado-Sorte „Hass“, Arabica-Kaffee, Kakao sowie Äpfel und Kartoffeln und viele mehr. Doch vor allem Pflanzen, auf denen die globale Ernährung basiert, sind in ihrer Vielfalt bedroht: Weizen, Reis und Mais. Bei vielen, auf hohe Erträge optimierten Anbausystemen haben Menschen heute große Herausforderungen – Erträge und Gewinne wurden kurzfristig optimiert, aber langfristig die Vielfalt, die Resilienz und Robustheit des Agrarsystems unterminiert.</p>
<p>Es gibt jedoch gute Möglichkeiten, das Agrarsystem wieder zu verbessern. Parallel mit der  Grünen Revolution gibt es seit Jahrzehnten weltweit Bemühungen, die Arten- und Sortenvielfalt in Gen- oder Saatgutbanken zu erhalten. Saatgutbanken sind eine Ressource zur Aufrechterhaltung zumindest eines Teils der historisch gewachsenen Agrobiodiversität; mit großem Potential für die zukünftige Ernährungssicherung. Dort können Forscher:innen Populationen und alte Sorten finden, um damit heute und in Zukunft klimaresistentere oder schädlingsresistentere Sorten zu züchten, die den derzeitigen Umweltveränderungen besser gewachsen sind. Es gibt weltweit etwa 1.700 Saatgutbanken, die Sammlungen von Pflanzenarten beherbergen, die von unschätzbarem Wert für die wissenschaftliche Forschung, Bildung, Artenschutz und die Bewahrung indigener Kulturen sind.</p>
<p>Das Konzept der Genbanken hat sich bei der Rettung von Grundnahrungsmitteln als recht erfolgreich erwiesen, bei Gemüse und Obst jedoch weit weniger. Während die Lagerung von Saatgut unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen nicht einfach, aber möglich ist, müssen viele Lebensmittel wie Kaffee, Äpfel, Pfirsiche und Vanille als Pflanzen oder Bäume konserviert werden, was eine weitaus komplexere und teurere Herausforderung ist. Ein Lösungsansatz könnte darin bestehen, die Vielfalt aus den Saatgutbanken zurück auf die Felder der Landwirt:innen zu bringen, wo alte Sorten erneut Teil der Sortenvielfalt und Weiterentwicklung unserer Agrobiodiversität werden können.</p>
<p>In Zukunft brauchen wir eine Vielfalt unterschiedlicher Ansätze, um genug gute, gesunde Lebensmittel zur Verfügung zu haben. Wir brauchen auf der eine Seite hoch produktive Sorten, die unter klimatisch günstigen Bedingungen auf guten Böden, wie in der Ukraine, angebaut werden; dies spielt eine wichtige Rolle für die globale Ernährungssicherung. Auf der anderen Seite müssen wir lokales und indigenes Wissen nutzen, die traditionellen Sorten wiederzuentdecken und weiterzuentwickeln. Von großem Vorteil ist, dabei Techniken zu verwenden, die die Natur nachahmen, die auf Sortenvielfalt, diverse Kulturen und Landschaftsdiversität sowie auf natürliche Schädlingskontrolle setzen. Traditionelles Wissen anzuwenden bedeutet nicht, in die Vergangenheit zurückzugehen. Es bedeutet vielmehr, auf die verschiedenen Ernährungssysteme zu schauen, die die Menschen über Jahrtausende hinweg bewahrt haben, und zu überlegen, wie diese Praktiken unter lokalen Ansätzen im modernen Ernährungssystem des 21. Jahrhunderts Anwendung finden und weiterentwickelt werden können.</p>
<p><strong>Fernando Laposse</strong> (*1988, Paris, FR) ist ein mexikanischer Künstler mit einem Abschluss in Produktdesign vom Central St. Martins in London (UK). Heute lebt und arbeitet er abwechselnd zwischen Mexico City (MX) und Tonahuixtla (MX), wo er seit 2015 in Zusammenarbeit mit der Mixtekischen Gemeinschaft an sozial-ökologischen Projekten beteiligt ist. Die gemeinsam mit ihnen entwickelten Werke wurden in zahlreichen internationalen Museen und auf Festivals ausgestellt, darunter das Museum of Modern Art in New York (US), das Victoria and Albert Museum in London (UK), die Triennale di Milano (IT), das Cooper Hewitt Smithsonian Design Museum in New York (US), das World Economic Forum in Davos (CH) und die Dutch Design Week in Eindhoven (NL). Fernando wurde für zahlreiche internationale Preise nominiert und erhielt den Future Food Design Award 2017 des Dutch Institute of Food and Design in Eindhoven (NL).</p>
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		<title>Bending the Curve – Eine Einführung von Franziska Nori (Co-Kreation Kunst)</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Oct 2023 08:49:39 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Bending the Curve – Wissen, Handeln [Für&#124;Sorge für Biodiversität Co-Kreation Kunst: Franziska Nori WARUM CO-KREATIONEN? Bending the Curve schließt sich an eine Reihe von Ausstellungen (Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten 2019/2020, Die Intelligenz der Pflanzen 2021/2022) an, in denen der Frankfurter Kunstverein mit internationalen naturwissenschaftlichen Forschungsinstituten und zeitgenössischen Künstler:innen zusammenarbeitet, um <a href="https://www.fkv.de/bending-the-curve-eine-einfuehrung-von-franziska-nori-co-kreation-kunst/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Bending the Curve – Wissen, Handeln [Für|Sorge für Biodiversität</em></strong><br />
<strong>Co-Kreation Kunst: Franziska Nori</strong></p>
<p><u>WARUM CO-KREATIONEN?</u></p>
<p><em>Bending the Curve</em> schließt sich an eine Reihe von Ausstellungen (<em>Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten</em> 2019/2020, <em>Die Intelligenz der Pflanzen</em> 2021/2022) an, in denen der Frankfurter Kunstverein mit internationalen naturwissenschaftlichen Forschungsinstituten und zeitgenössischen Künstler:innen zusammenarbeitet, um eine Vielzahl von Aspekten rund um die Frage der sozial-ökologischen Transformation und des sich verändernden Verhältnisses zwischen Mensch und Natur gezielt zu untersuchen.</p>
<p>Diese Ausstellung entsteht angesichts der Erkenntnis, dass die weltweite Artenvielfalt seit Jahrzehnten in alarmierendem Maße abnimmt. Um diesen Abwärtstrend aufzuhalten oder umzukehren, ist es wesentlich, zu wissen, was getan werden kann, noch wesentlicher ist es aber, ins aktive Handeln überzugehen. „Klimawandel bestimmt, wie wir leben, Artensterben bestimmt, ob wir in Zukunft überhaupt überleben“, so fasst Katrin Böhning-Gaese die Komplexität der Krisen prägnant zusammen. <em>Bending the Curve</em> entsteht in der Hoffnung und aus der Überzeugung, für einen noch möglichen Wandel öffentlich einzutreten.</p>
<p>Seit der Ausstellung <em>Trees of Life</em>, unserer ersten Kooperation mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, sind Katrin Böhning-Gaese und ich fortwährend im Gespräch geblieben. Uns vereint eine tief empfundene Dringlichkeit, nicht darin nachzulassen, immer wieder Menschen dafür zu begeistern, sich für den Erhalt der Schönheit und Vielfalt von Leben auf diesem Planeten einzusetzen. Jede durch ihre Kompetenz und ihre Netzwerke. So haben wir uns entschlossen, diese Ausstellung gemeinsam anzugehen und diesen Weg mit zahlreichen Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Entwickler:innen transformativer Ansätze zu beschreiten.</p>
<p>Katrin Böhning-Gaeses Blick ist der einer profunden Kennerin der Zusammenhänge von Biodiversität. Nicht nur ihre Arbeit als Wissenschaftlerin, als Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums und als Trägerin des Deutschen Umweltpreises 2021, sondern auch ihr Engagement als Expertin in politischen Beratungsgremien und internationalen Foren macht sie zu einer Fachfrau im Kampf um den Erhalt der Artenvielfalt.</p>
<p>Der Frankfurter Kunstverein versteht sich als kulturelles Forum in der Mitte der Gesellschaft, in dem Künstler:innen und Expert:innen aus verschiedenen Bereichen sich mit unterschiedlichen Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft austauschen können, um mit den Mitteln der Kunst und des bildhaften Denkens einen öffentlichen Diskurs zu führen und politisches Handeln herauszufordern.</p>
<p><u>KUNST UND WISSENSCHAFT IN DER VERANTWORTUNG</u></p>
<p>Seit Jahren steht die kuratorische Arbeit des Frankfurter Kunstvereins für Ausstellungen, die die Visionen von Wissenschaft und Kunst gleichberechtigt würdigt. Es sind wesentliche gesellschaftliche Themen, die aus deren Perspektiven immer wieder eingehend untersucht und befragt werden.</p>
<p>Wissenschaft ist ein System, um kausale Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten zu beobachten und zu kategorisieren. Sie ist methodisch und prozesshaft und unterliegt Regeln, um diese Erkenntnisse nachvollziehbar zu veranschaulichen. Wissenschaft kann Vergangenes analysieren, aber auch Prognosen entwickeln. Durch bestehende Evidenzen, Daten und Informationen erstellt sie Modelle. <em>Bending the Curve</em> ist das Resultat unzähliger Informationen, die Zukunftsszenarien aufspannen. Hier bringen Wissenschaftler:innen das vorhandene Wissen in den öffentlichen Diskurs ein, damit gesellschaftliches und politisches Handeln immer wieder anders und aktuell diskutiert und danach ausgerichtet werden kann.</p>
<p>Kunst erzeugt ebenfalls Wissen. Ein Wissen, das die Ebene der Information und Faktizität erweitert, und zwar um die Erfahrung eines Erfühlens. Kunst entwickelt so eine transformative Macht. Für jede:n Einzelne:n als Kontemplation und somit als privater Akt und, darüber hinaus, für Gemeinschaften als Symbol. Kunst kann die Wirklichkeit mit gänzlich unabhängigen Verfahren untersuchen und Realität unvertraut und anders darstellen. Sie schafft Bilder und Erzählungen, die die Welt der menschlichen Imagination subversiv verändern können.</p>
<p>Denker:innen und Wissenschaftler:innen wie Donna Haraway, Anna Lowenhaupt Tsing, Frédéric Lenoir, Stefano Mancuso, Andreas Weber und viele weitere vermitteln uns, dass diese Transformation nicht nur über den Intellekt, über das Wissen um makroökologische Aspekte oder Modellierungen allein, geschieht. Sie erzählen Geschichten von Individuen, von einzelnen Lebewesen, die sie beobachten und kennenlernen. Sie erzählen von Verbindungen zwischen den Arten und von Formen der Verständigung. Wer will, kann darin eine Art von Ode an die Liebe zu allem Lebendigen herauslesen sowie die Erkenntnis, dass das Leben so furchtbar fragil, so furchtbar vergänglich und so furchtbar einmalig ist. Nicht jedem Menschen gelingt es, empathisch auf Mitlebewesen zu schauen. Ich bin der Überzeugung, dass die Fähigkeit, sich einzufühlen und eine Achtung vor allem Lebenden zu empfinden, Teil der Transformation und ein sogenannter Deep Leverage Point ist. Es führt zu der Frage nach Ethik und Verantwortung, wenn wir über andere Lebewesen verfügen und ihr Recht auf Leben missachten. Und es führt zu der Frage nach Machtgefügen. Die Künste leisten hier bereits einen nicht unwesentlichen Beitrag für dieses Bewusstsein.</p>
<p>Das Werk wird zu Kunst, wenn die künstlerische Untersuchung mehr ist als eine objektive Feststellung und gleichzeitig auf mehr verweist als auf das subjektiv Erlebte.</p>
<p>Die Ausstellung <em>Bending the Curve</em> möchte nicht den Abgesang auf den Planeten anhand dystopischer Narrative perpetuieren, sondern im Gegenteil denjenigen Stimmen der Kunst und der Wissenschaft folgen, die konkrete Wege aufzeigen, welche Handlungsmöglichkeiten jede:r Einzelne, aber auch Unternehmen, politische Akteur:innen und die gesamte Gesellschaft umsetzen können, um eine Wiederherstellung von Ökosystemen und Biodiversität anzustreben.</p>
<p><u>KNOWING, ACTING, CARING FOR BIODIVERSITY</u></p>
<p>Zunächst einige Gedanken zum Untertitel der Ausstellung <em>Bending the Curve</em>, den wir im Laufe der zweijährigen Recherchen zu einer programmatischen Setzung gewählt haben: <em>Wissen, Handeln, [Für]Sorge für Biodiversität</em> (im Englischen <em>Knowing, Acting, Caring for Biodiversity</em>). Er wurde für die kuratorische Arbeit zu einem wesentlichen Prisma, das die zugrunde liegende Haltung und die Auswahl der Exponate bestimmt hat. Die Werke der eingeladenen Künstler:innen stehen für mehr als nur symbolhafte Verweise. Die Auswahl haben wir getroffen, um exemplarische Projekte und Initiativen vorzustellen, die sich einer sozial-ökologischen Transformation aktiv verschrieben haben.</p>
<p>Denn rund um den Planeten haben sich Menschen auf den Weg gemacht, Teil des Wandels zu werden. Die meisten Exponate in  sind in einer Haltung und mit der Idee der Co-Creation entstanden: mit anderen Menschen, aber auch mit nicht-menschlichen Lebewesen. Die eingeladenen Künstler:innen suchen nach Wegen, die Ausbeutung planetarer Materialien und Lebewesen zu überwinden. Sie kooperieren mit ihnen, kennen ihre Eigenschaften und Verhaltensweisen und treten mit ihnen in einen Austausch. Sie verfolgen veränderte, paradigmatische Sichtweisen, indem sie nicht-menschlichen Lebensformen eine „<em>Agency</em>“, also eine Handlungsmacht, zuschreiben und sie anerkennen. Somit beschreiten sie einen neuen Weg der Verortung des Menschen als Teil eines Ganzen, in dem Mitlebewesen hierarchielos(er) gesehen werden. Die Künstler:innen und Wissenschaftler:innen sind Teil einer Durchwurzelung dieses neuen und gleichzeitig alten Denksubstrats. Ihre Werke und Arbeitsmethoden weisen darauf hin, wie eine veränderte Handlung und Priorisierung von Werten aussehen und sich anfühlen kann. Sie sind Zeugnis von <strong>Wissen</strong>, von <strong>Handeln</strong> und einer tiefen <strong>(Für)Sorge</strong> für das Verlassen des menschlichen Anthropozentrismus hin zu dem Gedanken transformativer Naturecultures (D. Haraway, 2008).</p>
<p>Das kurzfristige Denken, das Denken in Regierungs- und Wahlperioden, in Wachstumsmaximierung und Jahresabschlüssen, in Ausbeutung von Gemeinschaften und Landschaften, ist stark unter Druck geraten. Es ist ein Kampf der Weltbilder im Gange, bei dem globale Gemeinschaften Forderungen nach einem gesellschaftlich und ökologisch gerechten und generationsübergreifenden Denken und Handeln erheben. Die Konsequenzen der Klimakrise und des Artensterbens werden alle gleichermaßen betreffen, Menschen, Tiere, Pflanzen und ganze Ökosysteme, auch jenseits jeder politischen oder kulturellen Verortung. Und hier sind wir alle, als Zivilgesellschaft und als menschliche Art, gefragt, in unserem unmittelbaren Umfeld in ein verändertes, bewussteres und verantwortungsvolleres Handeln zu kommen.</p>
<p>Werden wir dieses Ziel gemeinsam erreichen? Was bedeutet es, mit dem Vertrauten zu brechen und es aufzubrechen? Wie funktioniert Veränderung, wie sieht sie aus?</p>
<p>Was wir in den vielen Monaten der Recherchearbeit, der unzähligen Gespräche und Begegnungen mit Künstler:innen, Forscher:innen, Wissenschaftler:innen, New-Material-Designer:innen und Gesellschaftswissenschaftler:innen immer wieder erlebt haben, ist, dass eine grundlegende Transformation hin zu einem veränderten Handeln tatsächlich bereits im Gange ist. An unzähligen Orten entwickelt sich neues Wissen, entstehen Initiativen, Labore, Ateliers und Kooperativen sowie internationale Forschungsprojekte und Start-ups.</p>
<p><u>BENDING THE CURVE – WEITERE POSITIVE ANSÄTZE DER MACHBARKEIT</u></p>
<p>Der Titel der Ausstellung ist eine Würdigung des Konzepts „Bending the Curve of Biodiversity Loss“. Die Naturschutzbiologin Georgina Mace hat in ihrem gleichnamigen Text 2018 in „Nature Sustainability“ diesen Begriff geprägt. Auf dieser Arbeit aufbauend haben David Leclère und ein internationales Netzwerk von etwa 60 Wissenschaftler:innen und 46 Institutionen erste umfassende Modellierungen unterschiedlicher Zukunftsszenarien entwickelt. Wir konnten Leclère für die Zusammenarbeit gewinnen und somit einen weiteren Resonanzraum in der Kulturwelt für dieses zentrale Unterfangen öffnen. In seinem Textbeitrag stellt er die Arbeit und die Ziele der Bending the Curve-Initiative selbst vor.</p>
<p>Die vorgeschlagenen Handlungsoptionen der Bending the Curve-Initiative sind Stimmen aus den Naturwissenschaften und deren Aufruf zu einer Veränderung, die an die Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft gerichtet ist. In den Gesellschaftswissenschaften findet international und disziplinübergreifend eine mit der sozial-ökologischen Transformation einhergehende Debatte über die Notwendigkeit eines great mindshifts mit unzähligen Positionen statt. Dabei geht es um Überzeugungen und Orientierungsmuster, die Gesellschaften und Individuen in der Welt verorten, und um eine daraus folgende veränderte Praxis. Publikationen wie Uwe Schneidewinds <em>Die Große Transformation: Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels</em> (2018), Maja Göpels <em>The Great Mindshift: How a New Economic Paradigm and Sustainability Transformations go Hand in Hand</em> (2016), Paul Hawkens <em>Regeneration: Ending the Climate Crisis in One Generation</em> (2021) oder Karen O’Brians <em>You matter more than you think: Quantum Social Change for a Thriving World</em> (2021) sind nur einige, die bereits im Titel einen positiven Habitus der Machbarkeit aufzeigen.</p>
<p><u>SOZIAL-ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATIONEN</u></p>
<p>Was in naturwissenschaftlichen und ökonomischen Kontexten oft außer Acht gelassen wird, ist, dass sozial-ökologische Transformationen nicht nur mit einer materiellen, sondern auch mit kulturellen Transformationen einhergehen müssen. Was immer mit der Forderung um einen verantwortlicheren Umgang mit natürlichen Ressourcen und Mitlebewesen mitverhandelt wird, sind mögliche Modelle des Wirtschaftens. Naomi Kleins Publikation <em>Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima</em> von 2015 kann hier stellvertretend genannt werden. Die Suffizienz- und Postmaterialismus-Debatten schließen jedoch diejenigen aus, die nicht zu den wohlhabenden Klassen und Weltregionen zählen und dementsprechend nicht weiterhin verzichten können. Forderungen nach Wachstumsverzicht müssen mit einem solidarischen Blick gestellt werden und unterschiedliche Perspektiven einbeziehen.</p>
<p>Das hierarchische Gefälle, die Ausübung von Macht und somit der Nutzung, die Objektivierung entrechteter Wesen steht unter Druck. Es geht um ein neues Verhältnis, eher als Zusammenspiel, als Kooperation und Co-Existenz des Menschen mit anderen Menschen, aber auch mit nicht-menschlichen Lebewesen und zwischen verschiedenen Systemen. Machtverhältnisse, Klassenstrukturen, Verschiebungen in den überholten Hegemonien zwischen globalem Norden und Süden verlangen nach neuen Deutungen der Geschichte. Es herrscht das Ringen um Narrative, die die jeweilige Verortung einer Gesellschaft und deren geschichtliche Erfahrung abbilden. Es wird ein Wandel der Beziehungen gefordert. „Care“, „Healing“, „Reciprocity“ und „Repair“ sind nur einige Bezeichnungen für eine veränderte Haltung.</p>
<p>Der Wandel erwächst aus einer historischen Aufarbeitung und manifestiert sich als kollektive Forderung nach Fürsorge, nach Heilungsprozessen, nach Gleichberechtigung und Solidarität. Er betrifft Kulturen und Gemeinschaften, die in der Vergangenheit unter kolonialem Unrecht, gewaltsamen Konflikten, Kulturgutraub, Vertreibung und Unterdrückung gelitten haben. Und es betrifft die Ausbeutung von Landschaften, die für dort lebende Menschen Orte der Bedeutung und der kulturellen Identität waren.</p>
<p><u>VERÄNDERTE PERSPEKTIVEN UND WISSENSFORMEN</u></p>
<p>Wie geht das, mit dem Dualismus „Kultur vs. Natur“, mit der Aufklärung zu brechen und neue Wege des Seins in der Welt zu versuchen? Lässt sich altes und zum Teil verlorenes Wissen neu beleben? Kann man Ökonomie auch jenseits industrieller Nutzung und kapitalistischer Ausbeutung praktizieren? Das Versprechen liegt darin, das alte und das neue Wissen miteinander zu verbinden und es für die Spezifizität des jeweiligen Ortes und Kontextes angepasst anzuwenden – eine Form des Wissens, die sich aus der situativen Verankerung ergibt:<em> situated knowledge</em> (Donna Haraway). Diese Idee stellt die Vorstellung von Wissen als objektive, allgemeingültige und neutrale Wirklichkeit fundamental infrage. Wissen wird somit als eine dynamische Größe verstanden, nicht als absolute Wirklichkeit. Es entsteht über Individuen und Gruppen zu einem bestimmten historischen Moment, an einem bestimmten Ort, mit einer spezifischen Erfahrung.</p>
<p>Der Ökonom und Sozialwissenschaftler Enrique Leff definiert die Umweltkrise als eine Folge der Krise des westlichen Denkens. Um die Dominanz vorherrschender Wissensansichten aufzubrechen und einen Wissensdialog, eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kulturen, zu fördern, ist interkulturelle Vermittlung notwendig. Diese umfasst nicht nur unterschiedliche Sprachen und Kulturen, sondern auch unterschiedliche Vorstellungen und Definitionen von menschlichen Gemeinschaften, Natur und der entsprechenden gegenseitigen Abhängigkeit.</p>
<p>Immer häufiger werden indigene, nicht-westliche Naturvorstellungen vermittelt, aktiv in Erinnerung gerufen oder erst wiedergefunden. Sie werden erkannt und erweitern naturwissenschaftliche Entwürfe in der Biodiversitätsforschung. Es existieren nicht nur zwei Grundtypen von Naturkonzepten (naturwissenschaftlich oder mythologisch), sondern eine heterogene Vielfalt. An diesem grundlegenden Wandel nehmen viele Künstler:innen, aber auch Wissenschaftler:innen teil. Robin Wall Kimmerer, Dr. Teresa Ryan, Dr. Max Liboiron, Elizabeth A. Povinelli mit dem Karrabing Film Collective – und dies sind nur einige Namen – stehen für veränderte Grundsätze, die in unterschiedlichen kulturellen Kontexten eine Rückbindung von lokalem Wissen mit den Naturwissenschaften praktizieren. Daten, Informationen und quantifizierendes Sachwissen werden zunehmend um die Ebene des Gefühls erweitert, um eine existenzielle Erfahrung der Verbundenheit einzubeziehen.</p>
<p>Auch in der Landwirtschaft finden wir Anwendungsbeispiele. Angesichts von Klimawandel, Bodenerosion und Wassermangel steht diese global vor enormen Herausforderungen. Neben nachhaltiger Bioökonomie sind auch zahlreiche Projekte entstanden, die traditionelle Methoden wie die Agroforstwirtschaft und Permakultur als gangbare Wege für zukunftsorientiertes Handeln einsetzen.</p>
<p>Wenn Wirklichkeit eine kulturelle Konstruktion ist, die auf einem gedachten Verhältnis zwischen einem Subjekt und seinem Gegenüber in der Welt basiert, so stehen wir gegenwärtig erneut vor der Herausforderung einer Neudefinition unseres Selbst.</p>
<p>Was wir derzeitig erleben, ist das Ringen um neue kollektive Narrative. Transformation kann auch als Chance begriffen werden. Sie kann gelingen, wenn wir alle etwas aufmerksamer, selbstloser und liebevoller werden. Voraussetzungen sind Kenntnis und Verantwortlichkeit. Mut, Leidenschaft und Imagination sind die notwendigen Fähigkeiten für das Gestalten der Zukunft in Anbetracht der aktuellen Lage. Aber auch Solidarität und Einfühlungsvermögen, Neugierde und Begegnung. Vielleicht vereint in der Idee der Fürsorge. Transformation kann aus der Sorge um die Folgen einer massiven Bedrohung erwachsen und dazu motivieren, Verantwortung zu übernehmen. Transformation hat das Potential, Sinn zu erzeugen und eine Verbundenheit mit Übergeordnetem (wieder)herzustellen.</p>
<p>Franziska Nori, Direktorin Frankfurter Kunstverein</p>
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