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	<title>Toni R. Toivonen | Frankfurter Kunstverein</title>
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		<title>Toni R. Toivonen</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Oct 2024 14:51:51 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Gutting a Rotten Horse Generated The Most Horrific Migraine With The Most Beautiful Aura Upside Down Into a Landscape, 2024 Messing und originale Substanzen eines toten Tieres 500 x 250 cm Ko-produziert vom Frankfurter Kunstverein Courtesy Toni R. Toivonen und Galerie Forsblom The Rivers and Streams of a Dissolved Mind, 2024 Messing und originale Substanzen <a href="https://www.fkv.de/toni-r-toivonen/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Gutting a Rotten Horse Generated<br />
The Most Horrific Migraine<br />
With The Most Beautiful Aura<br />
Upside Down Into a Landscape</em>, 2024<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
500 x 250 cm<br />
Ko-produziert vom Frankfurter Kunstverein<br />
Courtesy Toni R. Toivonen und Galerie Forsblom</p>
<p><em>The Rivers and Streams of a Dissolved Mind</em>, 2024<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
100 x 126 cm<br />
Courtesy Toni R. Toivonen und Galerie Forsblom</p>
<p><em>The Perfect Moment</em>, 2022<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
400 x 200 cm<br />
Courtesy Nelimarkka Foundation</p>
<p><em>Mother</em>, 2022<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
300 x 200 cm<br />
Courtesy Private Sammlung, Finnland</p>
<p><em>Metascape (3)</em>, 2022<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
32 x 38,5<br />
Courtesy Private Sammlung, Finnland</p>
<p><em>Crucifixion</em>, 2018<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
300 x 400 cm<br />
Courtesy Sara Hildén Art Museum</p>
<p><em>21 Strangers (In My Head)</em>, 2024<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
48 x 61 cm<br />
Courtesy Toni R. Toivonen und Galerie Forsblom</p>
<p><em>The Agony And The Ecstasy</em>, 2024<br />
Messing und originale Substanzen eines toten Tieres<br />
500 x 200 cm<br />
Ko-produziert vom Frankfurter Kunstverein<br />
Courtesy Toni R. Toivonen und Galerie Forsblom</p>
<p><em>Toni R. Toivonen: Miten kuolema kunnioittaa elämää?</em> (Toni R. Toivonen: Wie ehrt der Tod das Leben), 2023<br />
Film, 17 min<br />
Regie von Meeri Koutaniemi<br />
2. Staffel, 5. Episode der Fernsehserie <em>Irti Kuvasta</em> mit Meeri Koutaniemi<br />
Produziert von Gimmeyawallet Productions, Executive Producer: Elise Pietarila<br />
Courtesy Gimmeyawallet Productions</p>
<p>Toni R. Toivonen ist ein Suchender. Er schafft Bilder, die die übergeordnete Frage nach dem stellen, was Leben ist, und was bleibt, wenn es vergeht. Er schafft Bilder, die das Unsagbare offenbaren, für das es weder Bild noch Wort gibt, um den Moment des Übergangs von Sein und Nicht-Sein einzufangen und die Vergänglichkeit durch die Sakralität des Bildes zu überdauern.</p>
<p>Als sein zentrales Motiv hat Toni R. Toivonen das Tier gewählt, einzeln oder in Gruppen. Seit dem Ursprung der Menschheit waren Tiere magisch aufgeladene Wesen, die als Hüter und Vermittler zwischen der natürlichen und der spirituellen Welt gesehen wurden. Schon vor Urzeiten malten und ritzten Menschen Tierfiguren auf Höhlenwände, die so zu heiligen Orten wurden. Die Künstler:innen waren Schamanen.</p>
<p>Toivonen ist Maler, doch er malt die Tiere nicht. Toivonen ist ein tiefer Kenner der Geschichte von Kunst und Malerei. Er beherrscht die Sprache der Bedeutungen von Farben, Formen, Material und Symbolik. Doch nach Jahren der Malerei hat er die künstlerische Geste der Abbildung durch Nachahmung verlassen. Allegorie und Symbol reichen ihm in seiner Suche nach dem Existentiellen nicht mehr aus. Er lässt die Wirklichkeit ihr eigenes Bild im Material hinterlassen.</p>
<p>Der Künstler nähert sich dem Mysterium des Lebens mit Ehrfurcht. Er schafft die Gegebenheit, den Zyklus des Lebens stattfinden zu lassen. Alles ist Verwandlung. Die Vergänglichkeit zu sehen, den Blick nicht abzuwenden, sondern im natürlichen Kreislauf Trost zu finden, ist der fragile Grad, auf dem Toivonen sich bewegt. Wehmut und Traurigkeit, trotz Schönheit – heilige Erfahrung.</p>
<p>Toni R. Toivonen sucht nach Formen des Begreifens für dieses grundlegende menschliche Erlebnis: die Vergänglichkeit als unermesslichste aller Abwesenheiten. Seine Werke tragen die Abdrücke des Lebendigen und lassen sie in erhabener Schönheit zu Objekten stiller Kontemplation werden. Im Abdruck liegen die abwesenden Formen verstorbener Tiere tief eingeschrieben.</p>
<p>Toivonen lebt und arbeitet fernab der Stadt, in der Einsamkeit der finnischen Wälder. Seine Kunstwerke entspringen der tiefen Verbundenheit mit Tieren. Sie sind Lebensgefährten und Wesen, für die er Achtung und Liebe empfindet. Keines der Tiere verliert sein Leben für die Kunst. Einige von ihnen, Pferde und Hunde, starben eines natürlichen Todes, nachdem sie ihr Leben mit Toivonen verbracht hatten. Andere wurden von Förster:innen mitgebracht oder von Menschen, deren Wunsch es war, ihre Tiere unsterblich werden zu lassen, in der Erinnerung. Die Sakralität des Augenblicks des Übergangs – vom Leben zum Tod – ist für den Künstler ein Mysterium, dem er sich mit seinen Bildern zu nähern sucht.</p>
<p>Der Künstler legt die Körper der toten Wesen auf Messingoberflächen. Er ordnet sie behutsam an. Es sind die Leiber, die den Bildträger verändern. Es ist die zu Tage tretende Substanz, aus der alles Lebende besteht. Sie korrodiert und oxidiert das Metall. Wie ein Alchemist hat Toivonen die gegenseitigen Reaktionen von Körpern und Metall studiert und erprobt. Seine Kunst entsteht in Wochen des Wartens und Beobachtens, in denen der Kreislauf der Natur seinen Lauf nimmt und der Zyklus von Werden und Vergehen sich in das Metall verewigt. Was entsteht, sind monumentale Bilder, figürlich oder abstrakt. Sie sind Zeichen einer Inkarnation, vergegenwärtigen sie doch mehr als Andeutungen allein.</p>
<p>Die Farbe Gold spielt in Toivonens Werken eine wesentliche Rolle. Vom Alten Ägypten, den Kulten der Inka, den byzantinischen Mosaiken, über die christliche Malerei des Mittelalters bis hin zur Moderne, steht Gold in seiner Schönheit für das Transzendente, ist ein Symbol für das Überirdische und Ewige. Und so entstehen Toivonens Bilder nicht auf Leinwänden, sondern auf goldgelben Messingplatten. Messing hat die Eigenschaft, bei Kontakt mit Körpern zu oxidieren, es nimmt alle Abdrücke als Formen in seine Oberfläche auf.</p>
<p>Bild und Tod und die Frage nach Transzendenz gehören seit den archaischen Gesellschaften zusammen (vgl. Hans Belting, <em>Bild-Anthropologie</em>, 2001). In allen Kulturen und zu allen Zeiten haben Menschen nach Formen und Ritualen gesucht, eine Verbindung zwischen dem Diesseits des Lebens und dem Jenseits einer spirituellen Ordnung durch Bilder erfahrbar zu machen. Toivonens Werke sind Abdrücke und stehen für die Überdauerung von Vergänglichem.</p>
<p><em>„</em>Man braucht Schatten, um das Licht zu verstehen. Man muss gewissermaßen den Tod anerkennen, um das Leben zu verstehen<em>“,</em> so Toivonen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Toni R. Toivonen</strong> (*1987, Helsinki, FI) lebt und arbeitet in Hämeenkoski, Finnland. Er schloss 2016 seinen Master of Fine Arts an der Academy of Fine Arts in Helsinki (FI) ab, nachdem er 2012 seinen Bachelor of Fine Arts an der Arts Academy of Turku University of Applied Sciences (FI) erworben hatte. Toivonen hat seine Arbeiten in mehreren Einzelausstellungen in Finnland sowie international gezeigt, darunter in Stockholm (SE) und Wien (AT). Seine Werke wurden auch in zahlreichen Gruppenausstellungen präsentiert, unter anderem im Ateneum Art Museum, Helsinki (FI), im Rovaniemi Art Museum, Rovaniemi (FI) und im Haus am Lützowplatz, Berlin (DE). Seine Kunst ist in bedeutenden öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter im KIASMA Museum für zeitgenössische Kunst, Helsinki (FI), im Sara Hildén Art Museum, Tampere (FI), im Museum für Gegenwartskunst Krakau MOCAK, Krakau (PL), im Nelimarkka Museum, Alajärvi (FI), in der Saastamoinen Foundation, Helsinki (FI) und in der Wihuri Foundation, Helsinki (FI). Für sein Werk, das in den Dokumentarfilmen <em>HEAVY</em> (Theo Bat Schandorff, 2018) und <em>Irti Kuvasta</em> (Meeri Koutaniemi, YLE, 2023) festgehalten wurde, wurde Toivonen mehrfach ausgezeichnet.</p>
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		<title>Das Anwesende des Abwesenden  Eine Einführung von Franziska Nori</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Oct 2024 10:21:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Mit der Ausstellung Das Anwesende des Abwesenden schreibt der Frankfurter Kunstverein die Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ein viertes Mal fort. Nach Trees of Life (2019), Edmonds Urzeitreich (2020) und Bending the Curve (2023) entsteht nun diese Schau, in der wir gemeinsam grundsätzliche Fragen des Menschen aus den Wissensfeldern Kunst und Naturwissenschaft beleuchten. <a href="https://www.fkv.de/das-anwesende-des-abwesenden-eine-einfuehrung-von-franziska-nori/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit der Ausstellung<em> Das Anwesende des Abwesenden</em> schreibt der Frankfurter Kunstverein die Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ein viertes Mal fort. Nach <em>Trees of Life</em> (2019), <em>Edmonds Urzeitreich</em> (2020) und <em>Bending the Curve </em>(2023) entsteht nun diese Schau, in der wir gemeinsam grundsätzliche Fragen des Menschen aus den Wissensfeldern Kunst und Naturwissenschaft beleuchten. Zusätzlich haben wir für diesen Anlass das Institut für Theoretische Physik der Goethe-Universität Frankfurt gewinnen können.</p>
<p>Seit Anbeginn der Menschheit hat Homo Sapiens das Bestreben, seine Beziehung zur Welt als Gefüge von Bedeutungen zu verstehen. Woher kommen wir? In welchem Zusammenhang stehen wir zu den anderen Lebewesen, die mit uns den Planeten bewohnen? Wie sind wir Teil eines unendlichen Alls? Spiritueller Glaube und Mythen, aber auch wissenschaftliche Beobachtungen und daraus folgende Weltbilder verändern sich im Wandel der Zeit und sind Ausdruck davon, wie wir Menschen unsere Beziehung zur Welt jeweils deuten.</p>
<p>Immer mehr erforschen und durchdringen wir die Welt. Wir dechiffrieren Zusammenhänge, wir ordnen, quantifizieren und benennen. Dazu haben wir immer komplexere Instrumente geschaffen. Wir finden Methoden, formulieren überprüfbare Lehrsätze und stellen Kausalitäten zwischen Ursache und Wirkung fest. Forscher:innen beschreiben die Welt, wie sie ist, die physikalische und die biologische. Mittels der Wissenschaften formulieren sie Begriffe und Konzepte und erzielen immer aufs Neue überprüfbare Ergebnisse. Sie entschlüsseln die Welt und folgen methodischen Verfahren, die uns immense Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Dadurch machen wir die Welt für uns verfügbar. Aber die Wissenschaft stellt sich nicht als Aufgabe, nach der Sinnhaftigkeit des Lebens zu fragen.</p>
<p>Und was macht Kunst? Kunst führt alles zu uns und auf uns zurück. Sie fragt nach der Bedeutung des Wissens für uns. Künstler:innen beschäftigen sich mit der Wahrnehmung, oder besser gesagt, mit dem Wesen der Erfahrung selbst. Damit, wie wir wahrnehmen: visuell, sprachlich und ästhetisch, aber auch, wie die Erfahrung der Lebendigkeit als existentielles Erleben von „in der Welt sein“ stattfindet. Und Kunst kann unsere Beziehung mit der Welt durch Erzählungen, durch Bilder und Klänge, durch Poesie, zu einer Erfahrung der Resonanz verwandeln.</p>
<p>Sowohl Wissenschaft als auch Kunst haben ihren Ursprung in der Intuition, dem Einfall und der Vermutung. Während Wissenschaftler:innen Beweise erstellen müssen, können Künstler:innen freier vorgehen und Assoziationen und Imagination zum Stoff ihrer Erzählungen machen. Der Sinn der Existenz und die Erlebnisse der Transzendenz sind kaum in der Wissenschaft zu finden. Wir Menschen müssen sie in uns selbst finden. Und oft schaffen wir uns dazu Symbole.</p>
<p><em>Das Anwesende des Abwesenden</em> deutet auf die Materie als Präsenz hin, in die sich das Leben einschreibt. Energie und Leben sind kraftvoll, jedoch flüchtig. Die Beziehung zwischen Leben, Energie und Materie spielt in der Ausstellung eine zentrale Rolle.</p>
<p>Die Ausstellung stellt Exponate einander räumlich gegenüber, die sowohl aus künstlerischer als auch aus wissenschaftlicher Perspektive die abstrakte Idee einer „Anwesenheit des Abwesenden“ in einen erweiterten Denkraum übertragen. Werke bedeutender zeitgenössischer Künstler:innen treten in einen Dialog mit wissenschaftlichen Exponaten der Geologie, der Astrophysik, mit Abgüssen aus Pompeji, mit Fußabdrücken prähistorischer Menschen von der Fundstelle Laetoli im heutigen Tansania und mit Nachbildungen prähistorischer Höhlenzeichnungen.</p>
<p>Die kuratorische Erzählung wagt sich vor bis zum astrophysikalischen Phänomen des Schwarzen Lochs. Das Denken über Ausdehnung und Zeit und die Unendlichkeit des Alls liegen außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Gleichzeitig eröffnen sie die Frage danach, wer wir sind und was uns geschaffen hat. Schwebend, irgendwo zwischen Unermesslichkeit und Ewigkeit, befindet sich unser Planet. Und für einen winzigen Moment öffnet sich das Fenster unseres Lebens. Es ist der einzigartige Moment unseres Seins, den wir durch unseren Körper, die Sinne und den Geist erfahren. Alle Exponate verweisen auf ihre ganz eigene Art und Weise auf die Auseinandersetzung mit dieser existentiellen Erfahrung des Daseins und des Menschseins in den Dimensionen von Raum und Zeit.</p>
<p>Mit dieser Ausstellung sind wir auch auf den Spuren der Kunst als urmenschlicher Wunsch, abstrakten Ideen Ausdruck zu verleihen. Warum hat Homo sapiens bereits vor Zehntausenden von Jahren in Höhlen tief im Inneren der Erde Tierfiguren und abstrakte geometrische Formen in Felswände eingraviert? Warum hat er Bilder von etwas gezeichnet und geritzt, was anderen Menschen als Symbol verständlich war und als Verbindung mit übergeordneten, nicht manifesten, sondern spirituellen Welten diente? Warum entwickelte Homo sapiens im Gegensatz zu anderen Arten ein Bedürfnis nach Transzendenz?</p>
<p>So hat uns eine der unzähligen Geschichten und Mythen berührt, die Plinius der Ältere 77 Jahre nach Christus in seiner „Naturgeschichte“ niederschrieb – nur einige Zeit, bevor er im heißen Ascheregen von Pompeji den Tod fand: den Mythos des Butades von Sykion, des korinthischen Töpfers und seiner Tochter. Die Geschichte geht so: Das junge Mädchen liebte einen jungen Mann, der es verlassen musste, um eine lange Reise anzutreten. Die Trennung nahte, und so zeichnete das Mädchen den Umriss des Kopfes ihres Geliebten, den Feuerschein auf eine Wand fallen ließ. Der Vater hatte Mitgefühl, füllte dieses Schattenbild mit Farbe aus und formte mit Ton von der Oberfläche einen Abdruck, den er im Feuer brannte. Die Kunst entsteht nach Plinius‘ Mythos aus dem Bedürfnis, Vergängliches und Flüchtiges festhalten zu wollen; es zu bannen, aus Wehmut und Sehnsucht, aus Abwesenheit und Erinnerung, aber auch aus Liebe und durch Schönheit. Das Gleichnis berührt, weil es so fundamentale Gefühle in sich vereint.</p>
<p>Der Umriss, die Felswand und das Feuer. Erinnert Sie das nicht an die ersten Höhlenmalereien und Gravuren, die Paläoanthropolog:innen und -archäolog:innen auf allen Kontinenten gefunden haben? Waren diese der Ursprung der Kunst zu Anbeginn der Menschheit?</p>
<p>Die ältesten Zeugnisse werden der Blombos-Höhle in Südafrika zugeschrieben: Sie entstanden 140.000 Jahre vor unserer Zeit. Mit den Wanderungsbewegungen des Homo sapiens hat sich die Höhlenkunst auf alle Kontinente verteilt. Trotz so unglaublich gedehnter Zeiträume weist diese erste Kunst aber ähnliche Techniken und Motive auf. Sie wurden scheinbar weitergegeben von Gruppe zu Gruppe, von Generation zu Generation, lange bevor die physiognomische Evolution des Kehlkopfs und des Gehirns die Entstehung von Sprache und Schrift vermuten lässt.</p>
<p>Über Zehntausende von Jahren schufen Menschen – frühe Künstler:innen – Bilder von Tieren, menschlichen Figuren und abstrakte Zeichen. Hatten sie dieselben Fragen und Ideen, die uns moderne Menschen auch umtreiben?</p>
<p>Die Höhlenmalereien des San-Volkes in Südafrika und Botswana oder die der Kulturstufe des Magdalénien in der Steinzeit auf dem europäischen Kontinent waren für die Urmenschen eine lesbare Bildsprache. Sie bildeten die erlebte Umwelt ab, gleichzeitig stellten sie den spirituellen Ideenkosmos der Urmenschen dar. Die Felswände, auf denen Menschen ihre Malerei schufen, fernab von der Außenwelt und tief im Dunkel der Erde, waren mehr als ein Bildträger. Sie waren eine Art Haut, die das Diesseits vom Jenseits trennte. Die Negativformen und Abdrücke menschlicher Hände wurden auf allen Kontinenten in Höhlen gefunden. Sie deuten auf die Magie des Kontaktes, auf die Berührung einer Hand auf der Oberfläche des Gesteins als Tor zu einer anderen Welt hin. Die Hand als Abdruck zu hinterlassen, war vielleicht Teil einer sakralen Handlung der Verbundenheit mit einem unsichtbaren Jenseits. Eine Erfahrung der Transzendenz. Der Beweis des urmenschlichen Bedürfnisses, der ewigen Suche nach einer tieferen Beziehung mit einer über das Individuum hinausgehenden Wirklichkeit.</p>
<p>Das Staunen in Anbetracht der Natur. Das Ahnen, dass es mehr gibt, als man weiß. Das Streben danach zu begreifen, mit den Sinnen und dem Geist nachzuspüren, welche ewigen Strukturen alles in diesem Universum und uns selbst als Teil einer Ordnung erkennen lassen.</p>
<p>Seit es den Menschen gibt, schaut dieser in den nächtlichen Sternenhimmel. Mathematik ist die Sprache, in der das Buch des Universums geschrieben wurde, sagte Galileo Galilei. Sie ist eine Zuschreibung von Bedeutung zu Symbolen, die dann von anderen gelesen und verstanden werden kann. Mathematik ist eine universelle Sprache menschlichen Denkens. Mathematische Regeln spiegeln die Ordnung wider, die sich in allen natürlichen Prozessen findet. Das gilt für die Fibonacci-Folge wie für Einsteins Gleichung. Dadurch wird Mathematik zur reinsten Form, universellen Prinzipien einen Ausdruck zu verleihen. Musik folgt präzisen mathematischen Ordnungen, das Wachstum von Pflanzen, die Abfolge der Gezeiten und jede Form des Daseins kann durch mathematische Gleichungen ausgedrückt werden. Und doch gibt es so vieles, was der Mensch noch nicht versteht. Immer wieder wird er mit der Kraft seines Geistes versuchen, Grenzen zu durchbrechen.</p>
<p>Was ist der Ursprung aller Materie auf der Erde und in der Unendlichkeit des Kosmos? Welche Auswirkungen schaffen Naturereignisse, die die Erde umformen und das Leben der Menschen mit ihrer Macht verändern? Und wie gehen Menschen mit dem existentiellen Bedürfnis um, sich in ihrer Endlichkeit der Ewigkeit zu stellen? Welche Mythen und welche Bilder schaffen sie, um sich mit dem Spirituellen zu verbinden? Ist Kunst ein Weg, ein Zeugnis seiner selbst in die Zeit einzuschreiben? Die Ausstellung ist diesen Fragen gewidmet, die das menschliche Vorstellungsvermögen seit der Urzeit bis in die heutige Epoche umtreiben. Seit es uns Menschen auf der Erde gibt, erfinden wir Erzählungen, Symbole und Zeichen, um unserem Fühlen, Denken und Wissen eine Form zu geben, Spuren in der Zeit zu hinterlassen und sich vielleicht so mit der Ewigkeit zu verbinden.</p>
<p>Das Ich erlebt das Wunder der Realität durch die Sinne unseres Körpers. Dieser besteht aus den Elementen geborstener Sterne im All: dem Stickstoff in unserer DNA, dem Kalzium in unseren Knochen, dem Eisen in unserem Blut und dem Kohlenstoff in unseren Zellen. In flüchtigen Augenblicken verbinden wir uns mit der Ewigkeit und geben Spuren des Seins eine materielle Form. Kunst ist da ein Weg.</p>
<p>Ich danke Claudio Parmiggiani, Indigo und Mayo Bucher, den Söhnen von Heidi Bucher, Toni R. Toivonen, Petra Noordkamp, den Künstler:innen des Marshmallow Laser Feast-Kollektivs und Lawrence Malstaf, sowie den institutionellen Leihgeberinnen und Leihgebern, Dr. Gabriel Zuchtriegel und dem Archäologischen Park von Pompeji, Prof. Dr. Fabio Martini und Dr. Lapo Baglioni des Prähistorischen Museums Florenz „Paolo Graziosi“, dem Naturhistorischen Museum Wien, dem LWL-Museum für Naturkunde Münster, Nicolò Stabile, Gründer der Initiative <em>Il Cretto è casa mia</em> der Überlebenden des Erdbebens in der Stadt Gibellina, sowie dem Fotografen Giuseppe Ippolito, dem VR-creator Alberto Stabile und der Schriftstellerin Giovanna Giordano. Für die Schirmherrschaft danke ich dem Italienischen Generalkonsulat. Mein besonderer Dank für eine Zeit gemeinsamen Denkens und Arbeitens gilt Prof. Dr. Andreas Mulch, Direktor Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, und Prof. Dr. Luciano Rezzolla vom Institut für Theoretische Physik an der Goethe-Universität Frankfurt.</p>
<p>Franziska Nori<br />
Direktorin Frankfurter Kunstverein</p>
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