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	<title>Julia Lohmann | Frankfurter Kunstverein</title>
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	<title>Julia Lohmann | Frankfurter Kunstverein</title>
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		<title>Pressestimmen zu „Bending the Curve”</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 15:30:46 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[„Und deshalb setzt die Schau auf positive Erzählungen und nicht auf apokalyptische Narrative, von denen die Künste in Zeiten von Krisen überschwemmt werden. Die Präsentation wird vielmehr von dem positiven Impuls getragen, dass der steile Anstieg des Artensterbens durch neue Handlungsoptionen gemildert werden kann. Doch so wenig, wie sie die ökologische Kränkung durcharbeitet, die dem <a href="https://www.fkv.de/pressestimmen-zu-bending-the-curve/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>„Und deshalb setzt die Schau auf positive Erzählungen und nicht auf apokalyptische Narrative, von denen die Künste in Zeiten von Krisen überschwemmt werden. Die Präsentation wird vielmehr von dem positiven Impuls getragen, dass der steile Anstieg des Artensterbens durch neue Handlungsoptionen gemildert werden kann. Doch so wenig, wie sie die ökologische Kränkung durcharbeitet, die dem Menschen derzeit widerfährt, die lähmende Macht von Verlustangst und Umwelttrauer, so wenig ist die Ausstellung ein einhegendes Unternehmen, das falschen Optimismus durch die Illusionsmaschine Kunst verbreitet. Die Finesse, Kunst und Wissenschaft als gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Sichtweisen zu präsentieren, ist ein Gewinn und folgt aktuellen Ansätzen von Donna Haraway, Anna Lowenhaupt Tsing, Stefano Mancuso und einer Reihe anderer theoretischer Positionen. (…) Seit Jahren profiliert sich der Frankfurter Kunstverein mit Projekten zur Transformation von Mensch-Natur-Verhältnissen, die die utopischen Potentiale der Kunst mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verflechten, wie etwa in den Ausstellungen <em>Trees of Life</em> (2019 / 20) oder <em>Die Intelligenz der Pflanzen </em>(2021 / 22). (…) Könnte die Präsentation dieser fein austarierten Mikrowelten symbiotischer Existenz nicht zu einer Kultur des Staunens verhelfen? Und könnte nicht das Staunen über das Winzige, das eine grandiose Wirkung zu entfalten vermag, zu mehr Behutsamkeit und Fürsorge führen? In der Begriffstradition jedenfalls begegnet die <em>admiratio</em>, das Staunen über die Natur, als Demutsbegriff, und in diesem Sinne bräuchte es noch viel mehr Ausstellungen wie diese.”</p>
<p><a href="https://www.kunstforum.de/artikel/bending-the-curve/">Judith Elisabeth Weiss, <em>Bending the Curve</em></a><a href="https://www.kunstforum.de/artikel/bending-the-curve/">, Kunstforum International, Band 294, Februar 2024</a></p>
<p>„Im ersten Obergeschoss zeigt ein munteres Diagramm mit Tieren, Bäumen, Menschen auf der weißen Wand, wie das tatsächlich gelingen kann, die Kurve abzuflachen, wenn nicht gar zu drehen, bis ins Jahr 2100. Wenn wir mehr Erhaltungspflege betreiben, unsere Konsum umstellen und nachhaltig produzieren. Das hat man schon oft gehört – aber in Zeiten, in denen die einen mit Protest auf jedes gefühlte Verbot reagieren und zugleich viele, vor allem junge Leute bis zur psychischen Erkrankung hoffnungslos sind angesichts der ökologischen Entwicklung, ist das Diagramm, bunt auf weiß, samt einiger Zitate, die den großen Wandel in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft in machbare Päckchen aufteilen, geradezu tröstlich. Und Trost, so seltsam das klingen mag, ist ein Gefühl, das die Besucher durchaus ergreifen kann angesichts der künstlerischen Positionen, die regelrecht verschmelzen mit der Wissenschaft in „Bending The Curve“. Trägt die Ausstellung doch den Untertitel „Wissen, Handeln, (Für)sorge für Biodiversität“. (…) So versucht der Parcours durch den Kunstverein, die fatal nach unten zeigende Kurve unserer Zuversicht und Tatkraft umzukehren. Er spricht die Empathie jedes Einzelnen an und eine Ermunterung aus: Sich als Teil eines Ganzen zu verstehen. Für das es sich zu kämpfen lohnt.”</p>
<p><a href="https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/frankfurter-kunstverein-zeigt-kunst-zum-klimawandel-19242404.html">Eva-Maria Magel, <em>Die Kurve der Zuversicht</em>, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2023</a></p>
<p>„Zugvögel, Ameisen und Biodaten sollen Kunst schaffen? Der Frankfurter Kunstverein zeigt Schönes aus der Natur, um ihrer Zerstörung entgegenzutreten. (…) Die ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Franziska Nori vom Kunstverein und Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszen­trums, zeigt aber keine – oft effekthascherische – „Bio Art“. Die Ausstellung präsentiert bedacht ausgewählte Exponate aus Naturwissenschaft und bildender Kunst unter einer prägnanten These: Um Klimawandel, Verlust von Biodiversität und Umweltverschmutzung zu stoppen und so die Ökosysteme zu schützen, bedürfe es „positiver Erzählungen“. (&#8230;) Wenn man erst mal angefangen hat, die Exponate wie reine Kunstwerke zu betrachten, kommen die erstaunlichsten Assoziationen. Da sind zum Beispiel sechs Aluminiumabgüsse von unterirdischen Ameisenbauten des US-amerikanischen Biologen Walter R. Tschinkel. Von der Decke hängend sehen sie aus wie abstrakte Kleinskulpturen, die von Calder, Giacometti oder Brâncuși inspiriert sein könnten.”</p>
<p><a href="https://taz.de/Ausstellung-ueber-Schoenes-aus-der-Natur/!5971864/">Tilman Baumgärtel, <em>Die Kunst der Tiere</em>, taz, 15.11.23</a></p>
<p>„Die mit Glasröhren verbundenen Glaskuben ziehen das Publikum unwiderstehlich an. In ihrem Inneren krabbeln Ameisen, zerschneiden Blätter, legen Pilzgärten an. Was fasziniert uns so? (…) Stundenlang möchte man staunen: über die Präzision des Ablaufs, die Fresskammern oder Abfallhaufen – ausgeschiedene organische Reste, die so gar nichts mit unseren toxischen Müllhaufen zu tun haben.“</p>
<p><a href="https://www.springerin.at/aktuell/">Yvonne Volkart, <em>Bending the Curve. Wissen, Handeln, [Für]Sorge für Biodiversität</em>, Springerin, 4/2023</a></p>
<p>Umwerfend, was Design-Professorin Julia Lohmann präsentiert: eine begehbare Skulptur aus Seetang und eine Werkschau ihrer Arbeit mit den Pflanzen der Ozeane, die schnell wachsen und umweltfreundliches Baumaterial abgeben. (…) Noch mehr wow: Alexandra Daisy Ginsberg entwarf einen Algorithmus, der Pflanzen und Bestäuber mit den größten Erfolgsaussichten je nach Standort zusammenbringt – und schuf fünf großformatige digitale Pflanzengemälde in den Farben, in denen die Bestäuber sie sehen. Wow. Und noch einmal wow: Oben unterm Dach wachsen zu sphärischen Klängen im Dämmerlicht Kohlenstoff-Felsen aus dem Boden, die man berühren darf, eine interaktive Rauminstallation. Dazu Virtual-Reality-Brillen als Einladung, an atemberaubenden Vogelflügen teilzunehmen. Und warum „Bending the Curve“? Weil es darum geht, noch die Kurve zu kriegen fürs Klima und die Biodiversität. Die Kurve in ihren verschiedenen Verläufen ist Teil der Ausstellung. Sie zeigt: Es liegt an uns, dass es wieder aufwärts geht mit der Vielfalt.“</p>
<p><a href="https://www.fr.de/frankfurt/frankfurt-die-artenvielfalt-retten-aber-aesthetisch-92574194.html">Thomas Stillbauer, <em>Die Artenvielfalt retten, aber ästhetisch</em>, Frankfurter Rundschau, 12.10.23</a></p>
<p>„Ein Stockwerk höher findet sich ein ganz besonderes Ausstellungsstück: ein zeltähnliches Gebilde aus Algen. Die Gestalterin Julia Lohmann hat es gebildet. (…) Das Erstaunliche: Von der Konsistenz und der Struktur her erinnert das Material tatsächlich an Leder. Das begehbare Algenhäuschen und andere Algenexponate dürfen nämlich – was ansonsten oft nicht erlaubt ist – berührt werden. Dadurch solle das Museum als Raum dienen, um intensiver nachzudenken und mit anderen zusammenzukommen, statt die Stücke nur allein zu begutachten.“</p>
<p><a href="https://www.journal-frankfurt.de/journal_news/Kultur-9/Artenvielfalt-im-Frankfurter-Kunstverein-Kunst-und-Wissenschaft-Algenhaeuschen-Tier-Pilz-Symbiosen-und-Blumengemaelde-41441.html">Till Geginat, <em>Kunst und Wissenschaft: Algenhäuschen, Tier-Pilz-Symbiosen und Blumengemälde</em>, Journal Frankfurt, 13.10.23</a></p>
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		<title>Julia Lohmann</title>
		<link>https://www.fkv.de/julia-lohmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Oct 2023 08:50:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Aalto University]]></category>
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					<description><![CDATA[Hidaka Ohmu, 2020 Algen auf Rattan und Schichtholz verklebt 535 x 325 x 224 cm Corpus Maris II, 2023 Algen auf Rattan und Schichtholz verklebt 150 x 150 x 130 cm Department of Seaweed Atelierraum: Diverse Prototypen, Arbeitsproben und -material Algenfurnier, Rattan-Konstruktionen, Skizzen, getrocknete Algen aus verschiedenen Ländern Europas und Asiens sowie aus Australien, Bildmaterial, <a href="https://www.fkv.de/julia-lohmann/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Hidaka Ohmu</em></strong>, 2020<br />
Algen auf Rattan und Schichtholz verklebt<br />
535 x 325 x 224 cm</p>
<p><strong><em>Corpus Maris II</em></strong>, 2023<br />
Algen auf Rattan und Schichtholz verklebt<br />
150 x 150 x 130 cm</p>
<p><em><strong>Department of Seaweed</strong><br />
</em>Atelierraum: Diverse Prototypen, Arbeitsproben und -material<br />
Algenfurnier, Rattan-Konstruktionen, Skizzen, getrocknete Algen aus verschiedenen Ländern Europas und Asiens sowie aus Australien, Bildmaterial, Nachdruck des PhD Appendix, Algen auf Seilen hängend, Schneidmatte, Werkstattutensilien, Zeichnungen und Collagen</p>
<p>Courtesy Julia Lohmann Studio</p>
<p>Julia Lohmann ist Künstlerin und Professorin für Praktiken zeitgenössischen Designs an der Aalto-Universität in Helsinki. Seit Jahren forscht sie zu den Wesensmerkmalen und Lebensbedingungen von Seetang und Kelp. Lohmann verfolgt die Idee des „Knowing, Acting, Caring“, des Wissens, Handelns und Fürsorgens, die sie in grafischen Denkmodellen zu den Beziehungsnetzen von Mensch und Natur strukturell aufarbeitet. Die Künstlerin steht für eine Haltung, bei der der kartesianische Dualismus überwunden und zwischen Menschen und nicht menschlichen Lebewesen das Verbindende gesehen wird. Der Blick liegt hier auf dem Verständnis komplexer wechselseitiger Beziehungen von Lebewesen, die alle Teil eines voneinander abhängigen Gesamtsystems sind.</p>
<p>Seit 2007 verwendet Julia Lohmann Seetang als Material für ihre raumgreifenden Skulpturen und andere künstlerische Arbeiten. Seetang ist eine schnellwachsende Makroalge, die dichte Unterwasserwälder und -felder bildet. Alle erforderlichen Nährstoffe für ihr Wachstum bezieht sie aus dem Meerwasser, der Atmosphäre und der Sonne. Sie bindet große Mengen Kohlendioxid, produziert Sauerstoff, reinigt die Meere und bietet anderen dort lebenden Organismen Lebensraum und Nahrung. Sie trägt zur Erosionsverhinderung an den Küsten bei, indem sie die Kraft der Wellen abschwächt und als natürliche Barriere dient.</p>
<p>Bei jedem Atemzug, den der Mensch auf dem Planeten nimmt, stammt die Hälfte des Sauerstoffs von Algen und Plankton, die in den Weltmeeren leben. Diese Photosynthese betreibenden Lebewesen sind seit Milliarden Jahren für die besondere Zusammensetzung der Atmosphäre unseres Planeten und somit für alles Leben auf ihm verantwortlich. In den Meeren bilden sie für zahlreiche Lebewesen, bis hin zum Menschen, eine essentielle Nahrungsmittel-Grundlage.</p>
<p>Für <em>Bending the Curve</em> hat Julia Lohmann eine große Rauminstallation mit mehreren Elementen konzipiert. <em>Corpus Maris II</em> (lat. für „Meereskörper“ oder „Wesen des Meeres“) ist eine von der Decke hängende Plastik, die in ihrer Form an Quallenkörper erinnert. Zentral im Raum steht <em>Hidaka Ohmu</em>. Diese Skulptur ist begehbar, ein organisch geformter Pavillon, dessen Hülle aus halbtransparentem Seetang geschaffen wurde, der über ein leichtes Rattangestell gespannt ist. Die Riesenskulptur ist an den Wänden befestigt, aus denen sie förmlich herauszuwachsen scheint. Geht man durch sie hindurch, gelangt man in einen weiteren Raum, der wie ein <em>studiolo</em> anmutet, das der Untersuchung von Kunst, gesellschaftlichen und ästhetischen Erkenntnissen und der Eigenschaften von Algen gewidmet ist und den Lohmann <em>Department of Seaweed</em> nennt.</p>
<p>Diese Arbeiten sind exemplarisch dafür, wie Lohmann prozesshaft und experimentell mit Seetang arbeitet und dabei mit den Mitteln der Kunst die übergeordnete Frage nach menschlichem Handeln in und mit Ökosystemen beleuchtet.</p>
<p>Der Titel <em>Hidaka Ohmu</em> stellt einen Bezug zu Japan her, wo die Künstlerin ihre Forschungsarbeiten zu Meerespflanzen vor Jahren begonnen hat. In Japan wird Kelp seit vielen Generationen geerntet und ist integraler Bestandteil der Kultur und der Ernährung. Hidaka ist eine Region auf der japanischen Insel Hokkaido, aus der der Kelp stammt. Ohmu ist der Name insektenartiger Fantasiewesen aus dem japanischen Animationsfilm <em>Nausicaä aus dem Tal der Winde</em> (1984) des Autors Hayao Miyazaki. In seiner Geschichte beschützen Ohmus den Wald und bringen die von Menschen aus der Balance gebrachten Ökosysteme von Böden und Wasser in ein Gleichgewicht zurück.</p>
<p>Die in der japanischen Kultur zentrale Idee des „Wabi Sabi“ ist für Lohmanns Arbeitsweise von großer Bedeutung. Vergänglichkeit, Unvollkommenheit und Unbeständigkeit werden hier nicht als Grenzen, sondern als Potenzial für zukünftiges Sein gedeutet. Immer wieder zeigt Lohmann in ihren Arbeiten das Unfertige – das <em>non finito</em>, das im „Wabi Sabi“ die Offenheit für alles Werdende, das Mehrdeutige und den Raum der Spekulation in den Mittelpunkt stellt.</p>
<p>Im Kontext von Kunst, Handwerk und Design bedeutet dies, die Qualitäten von Materialien in ihrer natürlichen Unvollkommenheit zu würdigen und so zu belassen, dass sie nicht verfälscht werden. Ihre achtsame Gestaltung soll die Vorstellungskraft des Betrachters aktivieren und Raum für Mehrdeutigkeit schaffen.</p>
<p>Die Werke verändern sich mit dem Vergehen der Zeit. Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Licht beeinflussen die Beschaffenheit und Farbe der Algenhalme und somit von Lohmanns Skulpturen. Die Pflanzenschafte trocknen aus und ziehen sich in einem natürlichen Prozess zusammen. Die Künstlerin behandelt den Kelp mit Leinöl, sodass er flexibel genug bleibt, um ihn auf die Rattanstruktur zu spannen. Während zerbrechliche Materialien kurze Molekülketten besitzen, verfügen formbare Materialien über lange. In nassem Seetang sind die Molekülketten durch Wasser miteinander verbunden. Beim Trocknungsprozess der Alge verdunstet das Wasser, die Molekülketten verkürzen sich und die Fasern ziehen sich zusammen. Um die Alge ähnlich wie Leder zu strecken, hat Lohmann ein Verfahren gefunden, das ausreichend Wasser in dem hydrophilen Material hält. Dabei unterstützen sich Seetang und Rattan gegenseitig: Seetang bietet Zugkraft und Rattan Festigkeit.</p>
<p>Auch die Farbe des Seetangs unterliegt in Lohmanns Arbeiten einem kontinuierlichen Wandel. Die ursprünglich durch das Chlorophyll grün gefärbten Seetangblätter bei <em>Hidaka Ohmu</em> und <em>Corpus Maris II</em> sind in der Ausstellung in einem warmen, durchsichtigen Gelb zu sehen.</p>
<p>Bei den Proportionen ihrer Skulpturen richtet sich Lohmann nach der Größe der geernteten Algenhalme. Seetang, insbesondere Saccharina Japonica, erreicht in nur einem Jahr eine Länge von bis zu sechs Metern und eine Breite von vierzig Zentimetern. Lohmann versucht, die Meerespflanzen in ihrer Gänze als Materialbahn zu verwenden, um das Aussehen und die Anmutung der natürlichen Form wie unter Wasser zu erhalten.</p>
<p>Lohmann will das biologische Material so wenig wie möglich verfremden. Sie betrachtet Seetang nicht als Rohstoff, sondern als lebendigen, prozesshaften und eigenständigen Organismus, mit dem sie in Interaktion tritt. Die Künstlerin möchte seine Eigenschaft erhalten, seine „<em>Seaweedness</em>“ („Seetangartigkeit“) sichtbar machen. Dem Lebewesen Seetang spricht sie eine eigene Handlungsfähigkeit zu, eine eigene „<em>agency</em>“. Die Pflanze ist nicht leblos oder passiv und daher kein reiner Materiallieferant, sondern ein Lebewesen, mit dem der Mensch in seinem Handeln in ein Verhältnis tritt.</p>
<p>Daher sind die skulpturalen Installationen keine Oberflächen, die nur durch äußerliche Betrachtung erfahrbar sind. <em>Hidaka Ohmu</em> ist begehbar. Besucher:innen gelangen durch Passagen in sein Inneres, in den Bauch der Skulptur. Spiegeloberflächen im Durchgang erzeugen Doppelungen und Täuschungen. Im Inneren liegt der Geruch des Meeres und der vielen unterschiedlichen Algen, die Lohmann ausstellt, um ihren Arbeitsraum in den Ausstellungsraum zu übersetzen. Diverse Prototypen, Arbeitsproben und Seetang in seiner rohen Form und in unterschiedlichen Trocknungsstadien sind ausgestellt. Unfertige Rattankonstruktionen, Skizzen, Mindmaps und ein Ausdruck von Lohmanns Doktorarbeit geben Einblick in ihre Forschungs- und Produktionspraxis. Es ist nicht das fertige, museale Werk, sondern der Prozess, die Arbeit, das Forschende und das Haptische, was sie fesselt.</p>
<p>Lohmann arbeitet in einer kollektiven Praxis (<em>community of practice</em>), im Zusammenschluss mit Menschen verschiedener Disziplinen. Sie praktiziert die Methode der Co-Spekulation: Jede:r kann Imagination und Assoziationskraft einbringen und zu möglichen zukünftigen Formen der Fürsorge für und des Handelns mit Seetang beitragen. Lohmann hat zahlreiche DoS-Prototyping-Workshops an Universitäten, Kulturinstitutionen, aber auch für politische Organisationen wie das EU-Parlament durchgeführt. 2020 wurde Lohmann vom Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladen, <em>Hidaka Ohmu</em> dort zu zeigen.</p>
<p>Damit das entstandene Wissen und die Forschungsergebnisse zu Seetang stetig erweitert werden, aber der Allgemeinheit immer zugänglich bleiben, orientierte sich Julia Lohmann am Lizenzsystem der Creative Commons (CC): Alle Beiträge und Forschungsergebnisse, die im Rahmen des DoS entstehen, unterliegen den Lizenzbedingungen der CC. Die Verbreitung und Nutzung der Forschungsergebnisse werden gefördert, sofern sie im Einklang mit den Prinzipien der Nachhaltigkeit stehen.</p>
<p>Lohmann teilt eine Haltung, die Reziprozität als Prinzip der Begegnung mit anderen fordert. Aus indigenem Wissen und Handeln hervorgehend, nun immer mehr auch ins westliche Denken einbezogen, ist Reziprozität die Praxis, Dinge mit anderen zum gegenseitigen Nutzen auszutauschen. Die Gegenseitigkeit beschränkt sich nicht nur auf Mitmenschen, sondern fordert einen achtsamen Umgang gegenüber allen Mitlebewesen. Lohmanns <em>Department of Seaweed</em> steht für eine regenerative Designforschungspraxis, die vor allem eine ethische Haltung verkörpert.</p>
<p>Vor 450 Millionen Jahren entwickelten sich durch evolutionäre Prozesse erste Pflanzen zu Land aus Meeresalgen. Meeresplankton, also der Urorganismus, der zur Photosynthese fähig war, hat vor Billionen Jahren Sauerstoff in die Atmosphäre freigesetzt und so die Grundlage für jede weitere Entwicklung komplexerer Lebensformen auf der Erde gebildet. Algen sind der Ursprung der Pflanzenwelt auf der Erde. Unterschiedliche Disziplinen der Bioökonomie erforschen heute zunehmend Algen und Seetang. Die Pflanzen wachsen schnell und haben die Fähigkeit, Schwermetalle und Schadstoffe aus dem Wasser zu filtern. Sie können auf eine umweltschonende Weise angebaut und geerntet werden. Als „Bambus des Meeres“ kann Seetang aus dem Wasser auch Schadstoffe aus landwirtschaftlichen Abwässern (Nitrat) und Fischausscheidungen filtern, die Erosion von Küsten aufhalten und die Regeneration von Küstengebieten fördern. In der Nähe von Fischfarmen und Industrieanlagen angebaut kann Seetang das Wasser filtern und gleichzeitig als erneuerbares Material geerntet werden. Dank seiner Textur wird Seetang zunehmend als umweltfreundliche Alternative zu Kunststoffen, Textilien oder lederähnlichen Materialien genutzt, die keine schädliche Verarbeitung erfordert.</p>
<p>Ein ganzheitlicher Ansatz, der die Gesamtheit von Ökosystemen und allen daran teilhabenden Lebewesen in den Blick nimmt, kann in Zukunft nachhaltigere Ökonomien und Lebensgemeinschaften hervorbringen. Die Ansätze im Umgang mit Seetang sind vielversprechend, doch hängt die Nachhaltigkeit im Wesentlichen von einem behutsamen Umgang bei Ernte, Verarbeitung und Nutzung ab. Es zeichnet sich ein wachsendes Bewusstsein dafür ab, dass ein grundlegender Wandel der menschlichen Haltung gegenüber Mitlebewesen und Ressourcen nötig ist. Das Überleben des Menschen ist mit dem des Seetangs und allen weiteren Bewohner:innen der Meere verbunden. Für Julia Lohmann steht die Arbeit mit Seetang sinnbildlich für einen nicht ausbeuterischen Umgang mit Natur. Somit ermöglichen ihre Werke Denkräume, die konkrete Handlungen und Haltungen in unterschiedlichen Disziplinen inspirieren können.</p>
<p><strong>Julia Lohmann</strong> (*1977, Hildesheim, DE) ist eine deutsche Künstlerin, die ethische und materielle Wertesysteme hinterfragt, die unser Verhältnis zu nicht-menschlichen Lebewesen beeinflussen. Sie ist Professorin of Practice im Fachbereich Arts, Design &amp; Architecture an der Aalto University in Helsinki (FI), wo sie heute lebt und arbeitet. Zuvor war sie Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg (DE), Project Associate Professor am Kyoto Institute of Technology (JP) und lehrte an zahlreichen Kunsthochschulen in Großbritannien, Europa und Asien. Sie erwarb ihren PhD am Royal College of Art, London (GB) mit ihrem Projekt <em>The Department of Seaweed – Co-speculative Design in a Museum Residency</em>, das sie 2013 am Victoria &amp; Albert Museum, London (GB) realisierte. Sie ist Leiterin und Mitglied zahlreicher Forschungskonsortien und hat für ihre Arbeit und Forschung zahlreiche Preise gewonnen. Ihre Arbeiten sind Teil renommierter öffentlicher und privater Sammlungen und wurden unter anderem in folgenden Institutionen gezeigt: 23. Biennale of Sydney (AU), MIT Museum, Cambridge (US), Museum of Modern Art, New York (US), Cooper Hewitt Smithsonian Design Museum, New York (US), Vitra Design Museum, Weil am Rhein (DE), Centre Pompidou, Metz (FR), MAK Wien (AT), Triennale di Milano (IT) sowie an der Dutch Design Week, Eindhoven (NL), und dem World Economic Forum, Davos (CH). Sie ist außerdem Herausgeberin zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen und hat viele Vorträge gehalten.</p>
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