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	<title>Schwarze Löcher | Frankfurter Kunstverein</title>
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	<title>Schwarze Löcher | Frankfurter Kunstverein</title>
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		<title>Prof. Dr. Luciano Rezzolla, Institut für Theoretische Physik, Goethe-Universität Frankfurt</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Oct 2024 14:31:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[„In der Physik geht es darum, die Transzendenz der Mathematik zu nutzen, um die Immanenz des Universums, in dem wir leben, zu enthüllen. Das Foto eines schwarzen Lochs ist ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Objekt, dessen Existenz rein mathematisch war, durch die gemeinsame Arbeit von Hunderten von Wissenschaftlern in ein physisches Objekt verwandelt wurde. <a href="https://www.fkv.de/prof-dr-luciano-rezzolla-institut-fuer-theoretische-physik-goethe-universitaet-frankfurt/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„In der Physik geht es darum, die Transzendenz der Mathematik zu nutzen, um die Immanenz des Universums, in dem wir leben, zu enthüllen. Das Foto eines schwarzen Lochs ist ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Objekt, dessen Existenz rein mathematisch war, durch die gemeinsame Arbeit von Hunderten von Wissenschaftlern in ein physisches Objekt verwandelt wurde. Die Ausstellung nimmt den Besucher mit auf diese Reise von der Mathematik zur Physik, von der Abwesenheit zur Anwesenheit und zurück.“</em></p>
<p>Prof. Dr. Luciano Rezzolla, Institut für Theoretische Physik, Goethe-Universität Frankfurt</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Schönheit und Komplexität</strong></p>
<p>Einsteins Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie und Schwarzschild-Lösung des Schwarzen Lochs, 1915<br />
ADM Gleichung von Arnowitt, Misner und Deser<br />
CCZ4 Gleichung von Alic, Bona-Casas, Bona, Palenzuela, Rezzolla<br />
Foliendruck auf Plexiglas, jeweils 150 x 85 cm<br />
Courtesy Prof. Dr. Luciano Rezzolla, Institut für Theoretische Physik, Goethe-Universität Frankfurt</p>
<p>In der modernen Physik schwankt eine Theorie oft zwischen der Anwesenheit von Schönheit bei Abwesenheit von Komplexität und der Anwesenheit von Komplexität bei Abwesenheit von Schönheit.</p>
<p>Dies geschieht jedes Mal, wenn die Theorie in ihrer idealisierten Form – in der die mathematische Schönheit dominiert und die Komplexität verborgen ist – sich realistischen Bedingungen unterordnet, wie sie für tatsächliche Berechnungen erforderlich sind. Dann verblasst die mathematische Schönheit und wird durch eine weniger schöne Komplexität ersetzt.</p>
<p>Die erste Zeile auf der linken Tafel zeigt die Einstein-Gleichungen, wie sie vollends die Theorie beschreiben, die unser Verständnis von Schwerkraft revolutioniert hat. Die zweite Zeile hingegen zeigt die Lösung, die der Frankfurter Karl Schwarzschild gefunden hat und die ein Schwarzes Loch repräsentiert. In beiden Fällen verbirgt die einfache mathematische Schönheit die enorme Komplexität von Einsteins Theorie und die Herausforderungen hinter dem Konzept des Schwarzen Lochs.</p>
<p>Die mittlere Tafel zeigt die Einstein-Gleichungen in einer Form, die häufig verwendet wird, um physikalische Gesetze darzustellen. In diesem Fall wird die vierdimensionale Raumzeit (also die Kombination von Raum und Zeit) in einen dreidimensionalen Raum und eine eindimensionale Zeit aufgeteilt. Ein Übergang zwischen Schönheit und Komplexität beginnt sich abzuzeichnen.</p>
<p>Die rechte Tafel zeigt dieselben Einstein-Gleichungen wie die linke, jedoch in einer Form, die notwendig ist, um diese Gleichungen mit Hilfe von Supercomputern zu lösen. So geschrieben, können die Einstein-Gleichungen verwendet werden, um beispielsweise zu berechnen, was geschieht, wenn zwei Neutronensterne kollidieren und ein Schwarzes Loch entsteht. In diesem Fall ersetzt Komplexität (die nichtsdestotrotz über ihre eigene Schönheit verfügt &#8230;) die kompakte Schönheit der Einstein-Gleichungen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Sehen, was nicht gesehen werden kann</strong></p>
<p>Das Schwarze Loch <em>Sagittarius A*, </em>2022<br />
Digitalprint auf schwarzem Forex, 150 x 150 cm<br />
© Event Horizon Telescope collaboration et al.<br />
Courtesy Prof. Dr. Luciano Rezzolla, Institut für Theoretische Physik, Goethe-Universität Frankfurt</p>
<p>Im April 2017 nutzten Wissenschaftler:innen der internationalen Kollaboration „Event Horizon Telescope“ (EHT, dt. „Ereignishorizontteleskop“) acht hochfrequente Radioteleskope, die über den gesamten Globus verteilt sind, um Radiowellen einzusammeln, die vom Zentrum unserer Galaxie ausgesendet wurden.</p>
<p>Im April 2022, nach drei Jahren sorgfältiger Analyse der Daten und ihrer theoretischen Modellierung, präsentierte das EHT der Welt das Bild von <em>Sagittarius A*</em>, dem Schwarzen Loch im Zentrum der Milchstraße, das hier gezeigt wird.</p>
<p>Was umgangssprachlich als „Foto“ bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine Karte der über die Zeit gemittelten Intensität der Radioemission. Das Eigenartige an diesem Bild – das aussieht wie ein Donut – ist die nahezu kreisförmige Gestalt des hellen Bereichs und die Präsenz eines dunklen Bereichs in der Mitte. Einer Region, die Wissenschaftler:innen den „Schatten“ des Schwarzen Lochs nennen.</p>
<p>Der Schatten, der eine präzise Vorhersage von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie ist, offenbart die Anwesenheit eines Ereignishorizonts und damit eines Schwarzen Lochs. Mathematisch ist ein Schwarzes Loch eine Lösung im Vakuum der Einstein-Gleichungen im Vakuum, das heißt, in Abwesenheit jeglicher Form von Materie oder Energie. Dennoch manifestiert sich die Anwesenheit des Schwarzen Lochs durch die Krümmung der Raumzeit, die es erzeugt, und die die Bewegung von Objekten in seiner Nähe verändert.</p>
<p>Da der Ereignishorizont das Licht absorbiert, das in seiner Nähe produziert wird, ist das Zentrum des Fotos dunkler, da es das Licht „stiehlt“, das wir sonst empfangen würden. Gleichzeitig kann in der Nähe des Ereignishorizonts, wo die Temperaturen hoch sind und die Emission verstärkt ist, noch Licht ausgestrahlt werden, ohne vom Schwarzen Loch absorbiert zu werden. Dies ist das Licht, das wir effektiv empfangen und das auf dem Foto zu sehen ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Berühren, was nicht berührt werden kann </strong></p>
<p>Schwarzes Loch SgrA* als tastbares 3D-Modell, 2024<br />
⌀ 19,5 cm, Höhe 6 cm<br />
Produziert für die Ausstellung <em>Das Anwesende des Abwesenden</em> im Frankfurter Kunstverein mit Unterstützung des Europäischen Forschungsrates (ERC – European Research Council)<br />
Courtesy Prof. Dr. Luciano Rezzolla, Institut für Theoretische Physik, Goethe-Universität Frankfurt</p>
<p>Der Ereignishorizont, also die äußere Oberfläche eines Schwarzen Lochs, kann nicht gesehen werden, da von dieser Oberfläche, wo die Schwerkraft extrem ist, kein Licht ausgestrahlt werden kann.</p>
<p>Dennoch kann die Anwesenheit eines Schwarzen Lochs in Bezug auf seinen „Schatten“ abgeleitet werden, also der dunklen Vertiefung in der Mitte des großen Bildes an der Wand, das von der internationalen Kollaboration „Event Horizon Telescope“ (EHT) erstellt wurde. Die dunkle Region spiegelt die Abwesenheit von Licht in der Nähe des Ereignishorizonts wider und hat es uns ermöglicht, ein Schwarzes Loch im Zentrum der Galaxie (<em>Sgr A*</em>) zu „sehen“, wie es Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie vorhergesagt hat.</p>
<p>Aber was, wenn wir nicht sehen können? Wie kann ein Schwarzes Loch von denen „gesehen“ werden, deren Augen kein Licht empfangen können?</p>
<p>Was hier gezeigt wird, ist eine 3D-Darstellung der Intensität der Radioemission von <em>Sgr A*</em>. Erkunden Sie sie gerne mit Ihren Händen. Auf diese Weise können Sie sich vorstellen, wie eine blinde Person das wahrnimmt. Das Rendering hilft uns auch dabei, uns die sehr starke Krümmung von Raum und Zeit vorzustellen, die sich in der Nähe eines Schwarzen Lochs entwickelt und die der 3D-Druck durch die steilen Wände nahe der Mitte des Schattens gut wiedergibt.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die Anwesenheit enthüllen</strong></p>
<p>Glashologramm-Kubus von Photon-Laufbahnen gekrümmt von der Anziehungskraft eines Schwarzen Lochs, 2024<br />
15 x 15 x 15 cm, Glas<br />
Produziert für die Ausstellung <em>Das Anwesende des Abwesenden</em> im Frankfurter Kunstverein mit Unterstützung des Europäischen Forschungsrates (ERC – European Research Council)<br />
Courtesy Prof. Dr. Luciano Rezzolla, Institut für Theoretische Physik, Goethe-Universität Frankfurt</p>
<p>Ein Schwarzes Loch ist eine Lösung der Einstein-Gleichungen im Vakuum, also in Abwesenheit von Materie. Sein äußerer Rand wird durch den „Ereignishorizont“ repräsentiert, eine geometrische Oberfläche, wo die Schwerkraft so stark ist, dass nichts, nicht einmal Licht, ihr entkommen kann. Es ist also möglich, den Ereignishorizont zu betreten, aber nicht, ihn wieder zu verlassen.</p>
<p>Da er kein Licht ausstrahlen kann, kann der Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs auch nicht „gesehen“ werden, zumindest nicht im Hinblick auf Lichtstrahlen. Die Bewegung von Lichtstrahlen in seiner Nähe kann jedoch seine Präsenz offenbaren.</p>
<p>Der Block zeigt die Bahnen von Lichtstrahlen oder „Photonen“, wie Physiker sie auch nennen. Sie entstehen, wenn sie sich einem rotierenden Schwarzen Loch nähern oder es verlassen. Ihre komplexen und manchmal bizarren Bahnen sind das Ergebnis der stark gekrümmten Raumzeit. Der Kubus hilft zu verstehen, dass das zweidimensionale Bild eines Schwarzen Lochs, das wir mit Radioteleskopen vermessen und das daraus resultierende Foto, wirklich das Produkt der dreidimensionalen Bewegung von Lichtstrahlen ist, die aus allen Richtungen kommen und vom Schwarzen Loch abgelenkt werden.</p>
<p>Diese auch Trajektorien genannten Bahnen liefern nicht nur Informationen über die Existenz eines Schwarzen Lochs, sondern auch über seine Eigenschaften, nämlich Masse und Drehmoment (wie schnell es rotiert). Auf einer Seite des Kubus ist eine fast kreisförmige Form zu sehen, die Wissenschaftler den „Schatten“ des Schwarzen Lochs nennen. Die Größe und Form des Schattens zu messen, hilft ihnen, die Anwesenheit eines Schwarzen Lochs zu enthüllen und seine Eigenschaften zu verstehen.</p>
<p>Texte von Prof. Dr. Luciano Rezzolla</p>
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		<title>Marshmallow Laser Feast</title>
		<link>https://www.fkv.de/marshmallow-laser-feast-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Oct 2024 14:06:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Distortions in Spacetime, 2018 Echtzeit-interaktive, begehbare Installation, Mehrkanal-Audio 9 min 40 sec Courtesy Marshmallow Laser Feast Marshmallow Laser Feast (MLF) sind ein Künstler:innenkollektiv aus London, das an der Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie und Kunst arbeitet. Mit ihrer Installation Distortions in Spacetime (Krümmung der Raumzeit) nehmen sie die Besucher:innen mit auf eine Reise ins Universum und <a href="https://www.fkv.de/marshmallow-laser-feast-2/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Distortions in Spacetime</em>, 2018<br />
Echtzeit-interaktive, begehbare Installation, Mehrkanal-Audio<br />
9 min 40 sec<br />
Courtesy Marshmallow Laser Feast</p>
<p>Marshmallow Laser Feast (MLF) sind ein Künstler:innenkollektiv aus London, das an der Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie und Kunst arbeitet. Mit ihrer Installation <em>Distortions in Spacetime</em> (Krümmung der Raumzeit) nehmen sie die Besucher:innen mit auf eine Reise ins Universum und zu einer sinnlichen Begegnung mit der Entstehung eines sogenannten stellaren Schwarzen Lochs. Das begehbare, audiovisuelle Kunstwerk schafft Bilder, die astrophysikalische Forschung und Erkenntnisse in eine visuelle Allegorie überführen.</p>
<p>Marshmallow Laser Feast sind international für ihre enge Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftler:innen bekannt, aus der Kunstwerke entstehen, die die Wahrnehmung von Natur durch immersive Technologien erweitern. 2021 bereits wurden sie vom Frankfurter Kunstverein für die Ausstellung <em>Die</em> <em>Intelligenz der Pflanzen</em> mit ihrem Werk <em>Treehugger: Wawona</em> eingeladen.</p>
<p>Die Astrophysik verfügt heute über immer bessere Möglichkeiten, unseren Blick bis in die Tiefe des Kosmos vordringen zu lassen. Daten und mathematische Berechnungen der Forscher:innen bleiben aber für Laien oft unzugänglich. Marshmallow Laser Feast versuchen mit den Mitteln ihrer Kunst, den Abstraktionsgrad mathematischer Theorien für eine breite Öffentlichkeit bildhaft zu übersetzen. <em>Distortions in Spacetime</em> widmet sich der Entstehung von Gravitation, sterbenden Sternen und Schwarzen Löchern und setzt diese in Beziehung zu unserer körperlichen Anwesenheit.</p>
<p>Ein stellares Schwarzes Loch entsteht, wenn sehr massereiche Materie wie der Kern eines großen sterbenden Sterns kollabiert. In den letzten Momenten dieses Kollapses wird die Materie so stark komprimiert, dass ihre Dichte ins Unendliche geht. Diese extrem hohe Dichte erzeugt einen Punkt innerhalb des Schwarzen Lochs, an dem die Krümmung der Raumzeit unendlich ist und die uns bekannten physikalischen Gesetze nicht mehr gelten: Die Zeit steht still, und die Gravitation wird so stark, dass nicht einmal Licht der Anziehungskraft entkommen kann. Die Energie, die dieses Schwarze Loch formt, setzt eine Supernova-Explosion frei, die die Bausteine des Lebens – Kohlenstoff, Sauerstoff, Silizium, Schwefel, Kalzium und Eisen – ins All schleudert. Aus kosmischen Explosionen entstehen die Elemente, aus denen neue Planeten, unsere Erde, alle Lebewesen, Pflanzen, Tiere und letztlich auch wir Menschen hervorgegangen sind.</p>
<p>Besucher:innen betreten einen rundum verspiegelten Kubus. Um sie herum entspinnt sich ein Bilderrausch aus fließenden und wirbelnden Farbatomen und Klängen wie in einer kosmischen Oper. Die Technologie der Installation erfasst in Echtzeit die Körper der Menschen und modelliert sie in die galaktischen Explosionen und Kompressionen hinein. In die Partikelwolken schreiben sich die Umrisse der Körper der Menschen ein und werfen den Schatten ihrer Anwesenheit ins All.</p>
<p>Was die Animation <em>Distortions in Spacetime</em> vermitteln kann, ist das Staunen in Anbetracht des Großen und Ganzen und des übergeordneten Gefüges, von dem wir ein Teil sind. Ein Empfinden für größere Zusammenhänge stellt sich ein, wie es Astronaut:innen erleben, wenn sie die Erde aus dem Weltraum betrachten. Sie berichten von einem Gefühl der Ganzheit, wenn sie den Planeten ohne politische Grenzen in seiner ganzen Schönheit aus der Ferne sehen und erfasst werden von dem tiefen Verständnis für die Verletzlichkeit des Lebens auf der Erde.</p>
<p>Um den Ursprung von allem – auch des Universums selbst vor dem Urknall – zu denken, hat der Mensch seit jeher religiöse Deutungen, Mythen und wissenschaftliche Theorien entwickelt. Das theoretische Modell unserer Zeit geht auf Einsteins Relativitätstheorie zurück: Am Anfang war reine Energie, es existierte keine Zeit, kein Raum, alles war zur selben Zeit, an einem Punkt. Bis der Urknall alles, das Universum, die Grundkräfte, die Sterne und letztendlich die Erde und den Menschen hervorbrachte. Wie kann man diese Unermesslichkeit verstehen? Wie kann man begreifen, worauf unsere Sinnesorgane nicht ausgerichtet sind?</p>
<p>Unsere Vorstellung von der Realität hängt davon ab, wie unser Körper strukturiert ist, um die Welt wahrzunehmen. Die wissenschaftliche Forschung, die das Wesen der Natur erkundet, enthüllt ein breites Spektrum von Realitäten, die oft jenseits unserer Wahrnehmung liegen. Die Kunst tut dies auch, aber sie führt alles zu uns und auf uns zurück, indem sie nach der Bedeutung des Wissens für uns fragt und es in Bildern imaginierbar werden lässt.</p>
<p>In der Tiefe der Raumzeit liegt die Essenz dessen, was uns Menschen ausmacht. Das Künstler:innenkollektiv stellt sich der Herausforderung, die Auseinandersetzung mit der Natur des Universums und unsere eigene Existenz sinnlich miteinander zu verbinden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Marshmallow Laser Feast (MLF)</strong> ist ein in London, GB, ansässiges Künstler:innenkollektiv, das durch die Verbindung von Kunst, Film und Extended Reality immersive Erfahrungen schafft, die die menschliche Wahrnehmung erweitern und unsere Beziehung zur natürlichen Welt erforschen. Dafür arbeitet MLF mit interdisziplinären Expert:innen aus Kunst, Programmierung, Ingenieurwesen, Poesie und Chemie zusammen und entwickelt maßgeschneiderte Software- und Hardwaresysteme. MLF hat international bei Institutionen wie dem Barbican Centre, London (GB), dem ACMI, Melbourne (AU), dem Yamaguchi Center for Arts and Media – YCAM (JP), dem Phi Centre, Montreal (CA), der Istanbul Design Biennial (TR) ausgestellt. Das Kollektiv ist bekannt für ihre preisgekrönten Arbeiten wie <em>We Live in an Ocean of Air</em> (2018) und <em>In the Eyes of the Animal</em> (2016), letzteres wurde mit dem Wired Audi Innovation Award für Innovation im Experience Design ausgezeichnet. <em>TreeHugger: Wawona</em> wurde 2021 im Frankfurter Kunstverein gezeigt und gewann u. a. den Tribeca Storyscapes Award für Innovation im Storytelling sowie den Best VR Film Prize beim VR Arles Festival (FR). Die Arbeiten von MLF wurden auch in führenden Publikationen wie The Guardian, New Scientist, Wired, The Times und Creative Review vorgestellt.</p>
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		<title>Das Anwesende des Abwesenden  Eine Einführung von Franziska Nori</title>
		<link>https://www.fkv.de/das-anwesende-des-abwesenden-eine-einfuehrung-von-franziska-nori/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Oct 2024 10:21:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Mit der Ausstellung Das Anwesende des Abwesenden schreibt der Frankfurter Kunstverein die Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ein viertes Mal fort. Nach Trees of Life (2019), Edmonds Urzeitreich (2020) und Bending the Curve (2023) entsteht nun diese Schau, in der wir gemeinsam grundsätzliche Fragen des Menschen aus den Wissensfeldern Kunst und Naturwissenschaft beleuchten. <a href="https://www.fkv.de/das-anwesende-des-abwesenden-eine-einfuehrung-von-franziska-nori/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit der Ausstellung<em> Das Anwesende des Abwesenden</em> schreibt der Frankfurter Kunstverein die Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ein viertes Mal fort. Nach <em>Trees of Life</em> (2019), <em>Edmonds Urzeitreich</em> (2020) und <em>Bending the Curve </em>(2023) entsteht nun diese Schau, in der wir gemeinsam grundsätzliche Fragen des Menschen aus den Wissensfeldern Kunst und Naturwissenschaft beleuchten. Zusätzlich haben wir für diesen Anlass das Institut für Theoretische Physik der Goethe-Universität Frankfurt gewinnen können.</p>
<p>Seit Anbeginn der Menschheit hat Homo Sapiens das Bestreben, seine Beziehung zur Welt als Gefüge von Bedeutungen zu verstehen. Woher kommen wir? In welchem Zusammenhang stehen wir zu den anderen Lebewesen, die mit uns den Planeten bewohnen? Wie sind wir Teil eines unendlichen Alls? Spiritueller Glaube und Mythen, aber auch wissenschaftliche Beobachtungen und daraus folgende Weltbilder verändern sich im Wandel der Zeit und sind Ausdruck davon, wie wir Menschen unsere Beziehung zur Welt jeweils deuten.</p>
<p>Immer mehr erforschen und durchdringen wir die Welt. Wir dechiffrieren Zusammenhänge, wir ordnen, quantifizieren und benennen. Dazu haben wir immer komplexere Instrumente geschaffen. Wir finden Methoden, formulieren überprüfbare Lehrsätze und stellen Kausalitäten zwischen Ursache und Wirkung fest. Forscher:innen beschreiben die Welt, wie sie ist, die physikalische und die biologische. Mittels der Wissenschaften formulieren sie Begriffe und Konzepte und erzielen immer aufs Neue überprüfbare Ergebnisse. Sie entschlüsseln die Welt und folgen methodischen Verfahren, die uns immense Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Dadurch machen wir die Welt für uns verfügbar. Aber die Wissenschaft stellt sich nicht als Aufgabe, nach der Sinnhaftigkeit des Lebens zu fragen.</p>
<p>Und was macht Kunst? Kunst führt alles zu uns und auf uns zurück. Sie fragt nach der Bedeutung des Wissens für uns. Künstler:innen beschäftigen sich mit der Wahrnehmung, oder besser gesagt, mit dem Wesen der Erfahrung selbst. Damit, wie wir wahrnehmen: visuell, sprachlich und ästhetisch, aber auch, wie die Erfahrung der Lebendigkeit als existentielles Erleben von „in der Welt sein“ stattfindet. Und Kunst kann unsere Beziehung mit der Welt durch Erzählungen, durch Bilder und Klänge, durch Poesie, zu einer Erfahrung der Resonanz verwandeln.</p>
<p>Sowohl Wissenschaft als auch Kunst haben ihren Ursprung in der Intuition, dem Einfall und der Vermutung. Während Wissenschaftler:innen Beweise erstellen müssen, können Künstler:innen freier vorgehen und Assoziationen und Imagination zum Stoff ihrer Erzählungen machen. Der Sinn der Existenz und die Erlebnisse der Transzendenz sind kaum in der Wissenschaft zu finden. Wir Menschen müssen sie in uns selbst finden. Und oft schaffen wir uns dazu Symbole.</p>
<p><em>Das Anwesende des Abwesenden</em> deutet auf die Materie als Präsenz hin, in die sich das Leben einschreibt. Energie und Leben sind kraftvoll, jedoch flüchtig. Die Beziehung zwischen Leben, Energie und Materie spielt in der Ausstellung eine zentrale Rolle.</p>
<p>Die Ausstellung stellt Exponate einander räumlich gegenüber, die sowohl aus künstlerischer als auch aus wissenschaftlicher Perspektive die abstrakte Idee einer „Anwesenheit des Abwesenden“ in einen erweiterten Denkraum übertragen. Werke bedeutender zeitgenössischer Künstler:innen treten in einen Dialog mit wissenschaftlichen Exponaten der Geologie, der Astrophysik, mit Abgüssen aus Pompeji, mit Fußabdrücken prähistorischer Menschen von der Fundstelle Laetoli im heutigen Tansania und mit Nachbildungen prähistorischer Höhlenzeichnungen.</p>
<p>Die kuratorische Erzählung wagt sich vor bis zum astrophysikalischen Phänomen des Schwarzen Lochs. Das Denken über Ausdehnung und Zeit und die Unendlichkeit des Alls liegen außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Gleichzeitig eröffnen sie die Frage danach, wer wir sind und was uns geschaffen hat. Schwebend, irgendwo zwischen Unermesslichkeit und Ewigkeit, befindet sich unser Planet. Und für einen winzigen Moment öffnet sich das Fenster unseres Lebens. Es ist der einzigartige Moment unseres Seins, den wir durch unseren Körper, die Sinne und den Geist erfahren. Alle Exponate verweisen auf ihre ganz eigene Art und Weise auf die Auseinandersetzung mit dieser existentiellen Erfahrung des Daseins und des Menschseins in den Dimensionen von Raum und Zeit.</p>
<p>Mit dieser Ausstellung sind wir auch auf den Spuren der Kunst als urmenschlicher Wunsch, abstrakten Ideen Ausdruck zu verleihen. Warum hat Homo sapiens bereits vor Zehntausenden von Jahren in Höhlen tief im Inneren der Erde Tierfiguren und abstrakte geometrische Formen in Felswände eingraviert? Warum hat er Bilder von etwas gezeichnet und geritzt, was anderen Menschen als Symbol verständlich war und als Verbindung mit übergeordneten, nicht manifesten, sondern spirituellen Welten diente? Warum entwickelte Homo sapiens im Gegensatz zu anderen Arten ein Bedürfnis nach Transzendenz?</p>
<p>So hat uns eine der unzähligen Geschichten und Mythen berührt, die Plinius der Ältere 77 Jahre nach Christus in seiner „Naturgeschichte“ niederschrieb – nur einige Zeit, bevor er im heißen Ascheregen von Pompeji den Tod fand: den Mythos des Butades von Sykion, des korinthischen Töpfers und seiner Tochter. Die Geschichte geht so: Das junge Mädchen liebte einen jungen Mann, der es verlassen musste, um eine lange Reise anzutreten. Die Trennung nahte, und so zeichnete das Mädchen den Umriss des Kopfes ihres Geliebten, den Feuerschein auf eine Wand fallen ließ. Der Vater hatte Mitgefühl, füllte dieses Schattenbild mit Farbe aus und formte mit Ton von der Oberfläche einen Abdruck, den er im Feuer brannte. Die Kunst entsteht nach Plinius‘ Mythos aus dem Bedürfnis, Vergängliches und Flüchtiges festhalten zu wollen; es zu bannen, aus Wehmut und Sehnsucht, aus Abwesenheit und Erinnerung, aber auch aus Liebe und durch Schönheit. Das Gleichnis berührt, weil es so fundamentale Gefühle in sich vereint.</p>
<p>Der Umriss, die Felswand und das Feuer. Erinnert Sie das nicht an die ersten Höhlenmalereien und Gravuren, die Paläoanthropolog:innen und -archäolog:innen auf allen Kontinenten gefunden haben? Waren diese der Ursprung der Kunst zu Anbeginn der Menschheit?</p>
<p>Die ältesten Zeugnisse werden der Blombos-Höhle in Südafrika zugeschrieben: Sie entstanden 140.000 Jahre vor unserer Zeit. Mit den Wanderungsbewegungen des Homo sapiens hat sich die Höhlenkunst auf alle Kontinente verteilt. Trotz so unglaublich gedehnter Zeiträume weist diese erste Kunst aber ähnliche Techniken und Motive auf. Sie wurden scheinbar weitergegeben von Gruppe zu Gruppe, von Generation zu Generation, lange bevor die physiognomische Evolution des Kehlkopfs und des Gehirns die Entstehung von Sprache und Schrift vermuten lässt.</p>
<p>Über Zehntausende von Jahren schufen Menschen – frühe Künstler:innen – Bilder von Tieren, menschlichen Figuren und abstrakte Zeichen. Hatten sie dieselben Fragen und Ideen, die uns moderne Menschen auch umtreiben?</p>
<p>Die Höhlenmalereien des San-Volkes in Südafrika und Botswana oder die der Kulturstufe des Magdalénien in der Steinzeit auf dem europäischen Kontinent waren für die Urmenschen eine lesbare Bildsprache. Sie bildeten die erlebte Umwelt ab, gleichzeitig stellten sie den spirituellen Ideenkosmos der Urmenschen dar. Die Felswände, auf denen Menschen ihre Malerei schufen, fernab von der Außenwelt und tief im Dunkel der Erde, waren mehr als ein Bildträger. Sie waren eine Art Haut, die das Diesseits vom Jenseits trennte. Die Negativformen und Abdrücke menschlicher Hände wurden auf allen Kontinenten in Höhlen gefunden. Sie deuten auf die Magie des Kontaktes, auf die Berührung einer Hand auf der Oberfläche des Gesteins als Tor zu einer anderen Welt hin. Die Hand als Abdruck zu hinterlassen, war vielleicht Teil einer sakralen Handlung der Verbundenheit mit einem unsichtbaren Jenseits. Eine Erfahrung der Transzendenz. Der Beweis des urmenschlichen Bedürfnisses, der ewigen Suche nach einer tieferen Beziehung mit einer über das Individuum hinausgehenden Wirklichkeit.</p>
<p>Das Staunen in Anbetracht der Natur. Das Ahnen, dass es mehr gibt, als man weiß. Das Streben danach zu begreifen, mit den Sinnen und dem Geist nachzuspüren, welche ewigen Strukturen alles in diesem Universum und uns selbst als Teil einer Ordnung erkennen lassen.</p>
<p>Seit es den Menschen gibt, schaut dieser in den nächtlichen Sternenhimmel. Mathematik ist die Sprache, in der das Buch des Universums geschrieben wurde, sagte Galileo Galilei. Sie ist eine Zuschreibung von Bedeutung zu Symbolen, die dann von anderen gelesen und verstanden werden kann. Mathematik ist eine universelle Sprache menschlichen Denkens. Mathematische Regeln spiegeln die Ordnung wider, die sich in allen natürlichen Prozessen findet. Das gilt für die Fibonacci-Folge wie für Einsteins Gleichung. Dadurch wird Mathematik zur reinsten Form, universellen Prinzipien einen Ausdruck zu verleihen. Musik folgt präzisen mathematischen Ordnungen, das Wachstum von Pflanzen, die Abfolge der Gezeiten und jede Form des Daseins kann durch mathematische Gleichungen ausgedrückt werden. Und doch gibt es so vieles, was der Mensch noch nicht versteht. Immer wieder wird er mit der Kraft seines Geistes versuchen, Grenzen zu durchbrechen.</p>
<p>Was ist der Ursprung aller Materie auf der Erde und in der Unendlichkeit des Kosmos? Welche Auswirkungen schaffen Naturereignisse, die die Erde umformen und das Leben der Menschen mit ihrer Macht verändern? Und wie gehen Menschen mit dem existentiellen Bedürfnis um, sich in ihrer Endlichkeit der Ewigkeit zu stellen? Welche Mythen und welche Bilder schaffen sie, um sich mit dem Spirituellen zu verbinden? Ist Kunst ein Weg, ein Zeugnis seiner selbst in die Zeit einzuschreiben? Die Ausstellung ist diesen Fragen gewidmet, die das menschliche Vorstellungsvermögen seit der Urzeit bis in die heutige Epoche umtreiben. Seit es uns Menschen auf der Erde gibt, erfinden wir Erzählungen, Symbole und Zeichen, um unserem Fühlen, Denken und Wissen eine Form zu geben, Spuren in der Zeit zu hinterlassen und sich vielleicht so mit der Ewigkeit zu verbinden.</p>
<p>Das Ich erlebt das Wunder der Realität durch die Sinne unseres Körpers. Dieser besteht aus den Elementen geborstener Sterne im All: dem Stickstoff in unserer DNA, dem Kalzium in unseren Knochen, dem Eisen in unserem Blut und dem Kohlenstoff in unseren Zellen. In flüchtigen Augenblicken verbinden wir uns mit der Ewigkeit und geben Spuren des Seins eine materielle Form. Kunst ist da ein Weg.</p>
<p>Ich danke Claudio Parmiggiani, Indigo und Mayo Bucher, den Söhnen von Heidi Bucher, Toni R. Toivonen, Petra Noordkamp, den Künstler:innen des Marshmallow Laser Feast-Kollektivs und Lawrence Malstaf, sowie den institutionellen Leihgeberinnen und Leihgebern, Dr. Gabriel Zuchtriegel und dem Archäologischen Park von Pompeji, Prof. Dr. Fabio Martini und Dr. Lapo Baglioni des Prähistorischen Museums Florenz „Paolo Graziosi“, dem Naturhistorischen Museum Wien, dem LWL-Museum für Naturkunde Münster, Nicolò Stabile, Gründer der Initiative <em>Il Cretto è casa mia</em> der Überlebenden des Erdbebens in der Stadt Gibellina, sowie dem Fotografen Giuseppe Ippolito, dem VR-creator Alberto Stabile und der Schriftstellerin Giovanna Giordano. Für die Schirmherrschaft danke ich dem Italienischen Generalkonsulat. Mein besonderer Dank für eine Zeit gemeinsamen Denkens und Arbeitens gilt Prof. Dr. Andreas Mulch, Direktor Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, und Prof. Dr. Luciano Rezzolla vom Institut für Theoretische Physik an der Goethe-Universität Frankfurt.</p>
<p>Franziska Nori<br />
Direktorin Frankfurter Kunstverein</p>
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