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	<title>Terremoto di Belice | Frankfurter Kunstverein</title>
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	<title>Terremoto di Belice | Frankfurter Kunstverein</title>
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		<title>Alberto Stabile</title>
		<link>https://www.fkv.de/alberto-stabile/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Oct 2024 14:04:11 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Das Anwesende des Anwesenden]]></category>
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					<description><![CDATA[Gibellina Heartquake VR, 2022–2024 Immersive Virtual-Reality-Erfahrung 26-30 min Für die Bereitstellung des Archivmaterials danken wir dem Archivio storico del Centro Sviluppo Creativo “Danilo Dolci” und Rai (Radiotelevisione Italiana) Courtesy Alberto Stabile Gibellina Heartquake VR ist aus dem Wunsch heraus entstanden, die Geschichte von Gibellina und der Region Belice zu erzählen, die durch das Erdbeben von <a href="https://www.fkv.de/alberto-stabile/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Gibellina Heartquake VR</em>, 2022–2024<br />
Immersive Virtual-Reality-Erfahrung<br />
26-30 min<br />
Für die Bereitstellung des Archivmaterials danken wir dem Archivio storico del Centro Sviluppo Creativo “Danilo Dolci” und Rai (Radiotelevisione Italiana)<br />
Courtesy Alberto Stabile</p>
<p><em>Gibellina Heartquake VR</em> ist aus dem Wunsch heraus entstanden, die Geschichte von Gibellina und der Region Belice zu erzählen, die durch das Erdbeben von 1968 tief geprägt wurden. Mit einer VR-Brille lässt das immersive Erlebnis unmittelbar an zentralen Momenten während und nach dem Erdbeben teilhaben. Dabei sollen die User:innen nicht nur zusehen, sondern auch aktiv interagieren. Die virtuellen Bilder kombinieren computergeneriertes Material mit authentischen Fernseh- und Radioaufnahmen. Sie erzählen auf bewegende Weise, wie die Identität einer ganzen Gemeinde über Generationen hinweg geformt wurde. In der Ausstellung <em>Das Anwesende des Abwesenden</em> zeigt <em>Gibellina Heartquake VR</em> zusammen mit dem Fotoprojekt <em>Il Cretto è casa mia</em> der Associazione Gibellina Parco Culturale und dem Film <em>Il Grande Cretto di Gibellina</em> von Petra Noordkamp, wie Erinnerung durch Kunst lebendig bleiben kann.</p>
<p>Das VR-Projekt wurde 2021 mit Geldern der Gemeinde Gibellina finanziert. Einige der Einwohner:innen und Überlebenden sind in Originalmitschnitten zu hören, darunter der Aktivist Danilo Dolci sowie der damalige Bürgermeister Ludovico Corrao. Doch trotz der großen Unterstützung der Gemeinde und der Übergabe der endgültigen Fassung dieses virtuellen Werks an das Museum für zeitgenössische Kunst „Ludovico Corrao“ im Jahr 2022 wird <em>Gibellina Heartquake VR</em> im Frankfurter Kunstverein erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.</p>
<p>Das Andenken an Gibellina und seine Zerstörung durch das Erdbeben von Belice vor mehr als 55 Jahren hat ganz Sizilien nachhaltig verändert. Es darf nicht in Vergessenheit geraten. <em>Gibellina Heartquake</em> <em>VR</em> wurde geschaffen, um nachfolgenden Generationen die Möglichkeit zu geben, die damals gemachten Erfahrungen nicht nur als fernes, historisches Ereignis zu kennen, sondern sie selbst zu erleben, sich davon berühren zu lassen – und so die Wunde der Menschen zu verstehen, deren Leben die Naturgewalt für immer verändert hat.</p>
<p>Der erste Teil der VR-Erfahrung zeigt die historischen Ereignisse vom Januar 1968. Die Erzählung beginnt mit TV-Bildern von Gibellina unmittelbar nach dem Erdbeben. Danach finden sich die User:innen virtuell in einem eleganten Wohnzimmer in Rom wieder. Im Fernsehen sehen sie originale Fernsehberichte und Eilnachrichten über das Erdbeben. In einer weiteren Szene lassen sich die dramatischen Momente der Katastrophe virtuell aus der Perspektive von Einwohner:innen Gibellinas erleben. Der Kontrast zwischen dem Wohlstand in der Hauptstadt und der in Gibellina herrschenden Armut verdeutlicht die tiefgreifenden Ungleichheiten zwischen Süditalien und mit dem Rest des Landes zu jener Zeit. Die Erzählung führt die User:innen in Zeltstädte und Hütten, in denen die Überlebenden jahrelang unter prekären Bedingungen ein normales Dasein zu führen versuchten. Ein Gewitter tobt über den fragilen Hütten, Wasser dringt ein. Im Hintergrund hört man historische Aufnahmen des freien Radiosenders „Radio Libera“, in denen der Aktivist Danilo Dolci das Versagen der italienischen Behörden bei der Bereitstellung menschenwürdiger Lebensbedingungen in den Notunterkünften und beim Wiederaufbau der Stadt öffentlich anprangert.</p>
<p>Der zweite Teil der VR-Erfahrung führt in eine traumartige, surreal anmutende Welt. Hier stehen die Kunstwerke und baulichen Wahrzeichen des neuen Gibellina in einer leeren Landschaft, verlassen und darauf wartend, entdeckt zu werden. Die Bauten sind vielfach nicht fertiggestellt. Wie auch in Wirklichkeit nicht: Diese Traumwelt steht für die Utopie einer Stadt, Gibellina Nuova (Neu-Gibellina), die in den 1970er Jahren am Reißbrett entstand, 18 Kilometer von den Trümmern der einstigen Stadt entfernt. Die Hoffnung des Neuanfangs sollte durch Kunst(werke) symbolisiert werden. Zusätzlich zum berühmten <em>Cretto di Gibellina</em> des Künstlers Alberto Burri, das auf den Ruinen des zerstörten alten Gibellina entstand, stellten zahlreiche weitere Künstler:innen aus ganz Italien der Kleinstadt Gibellina Nuova Werke, Monumente und Gebäude zur Verfügung. Doch der Traum blieb eine unvollendete Utopie.</p>
<p><em>„Die Vision von der Wiedergeburt der zerstörten Stadt durch Kunst und Architektur verbindet sich mit meinem persönlichen Traum, die VR-Erfahrung </em>Gibellina Heartquake VR<em> der Öffentlichkeit zeigen zu können. Beide Träume teilen das Schicksal, irgendwie unvollendet geblieben oder durch die Umstände ausgebremst worden zu sein. Und beide leben von der Zuversicht, vollständig realisiert zu werden.</em> Gibellina Heartquake VR <em>wird im Frankfurter Kunstverein zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist mein großer Wunsch, dass dieses Projekt, das auf Drängen der Bewohner:innen von Gibellina entstanden ist, nicht nur in Italien, sondern auch im Ausland neues Leben und neue Sichtbarkeit erlangt. So kann die Geschichte von Gibellina einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, damit diese nachdenken kann über den Umgang mit Wunden und Verlust, aber auch mit Hoffnungen und dem Willen zur Transformation, wie sie dramatische Ereignisse erzeugen.“</em></p>
<p>Alberto Stabile</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Alberto Stabile</strong> (*1994, Gibellina Nuova, IT) ist ein 3D-Künstler und VR-Entwickler. Seine Familie erlebte das Erdbeben 1968 in Gibellina und gehört zu den Menschen, deren Schicksal bis heute davon geprägt und verändert wurde. Seit 2018 arbeitet er als 3D-Artist und VR-Entwickler und kooperiert dabei mit Architekturbüros sowie internationalen Automobilunternehmen. Nach Jahren in der 3D-Visualisierung und Full-CGI-Animation ist das Projekt <em>Gibellina Heartquake VR </em>für Stabile eine Rückkehr zu seinen Wurzeln – ein Versuch, das kollektive Gedächtnis seiner Gemeinde durch digitale Kunst neu zum Leben zu erwecken.</p>
<p><iframe title="Nicolò Stabile, Giusepe Ippolito und Alberto Stabile über Gibellina | Das Anwesende des Abwesenden" width="1778" height="1000" src="https://www.youtube.com/embed/Ve1cgEcersM?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></p>
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		<title>Der Cretto sind wirEin Text von Nicolò Stabile</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Oct 2024 13:57:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Alberto Burri]]></category>
		<category><![CDATA[Belice Heartquake]]></category>
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		<category><![CDATA[Nicolò Stabile]]></category>
		<category><![CDATA[Terremoto di Belice]]></category>
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					<description><![CDATA[WAS IST DER CRETTO? Der Grande Cretto di Gibellina von Alberto Burri ist eines der größten Kunstwerke der Welt und misst 270 x 310 Meter. Wie ein Leichentuch aus weißem Beton bedeckt es die Trümmer des kleinen Dorfes, das durch das Erdbeben vom 15. Januar 1968 zerstört worden ist. Im Zentrum Westsiziliens, in einer Region <a href="https://www.fkv.de/der-cretto-sind-wirein-text-von-nicolo-stabile/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>WAS IST DER CRETTO?</strong></p>
<p>Der <em>Grande Cretto di Gibellina</em> von Alberto Burri ist eines der größten Kunstwerke der Welt und misst 270 x 310 Meter. Wie ein Leichentuch aus weißem Beton bedeckt es die Trümmer des kleinen Dorfes, das durch das Erdbeben vom 15. Januar 1968 zerstört worden ist. Im Zentrum Westsiziliens, in einer Region mit reichem kulturellem Erbe, steht es in einem zeitlosen Dialog mit den imposanten Säulen des griechischen Selinunte weiter südlich und der erhabenen Abgeschiedenheit des Tempels von Segesta, einer antiken Stadt der Elymer im Norden.</p>
<p>Der <em>Cretto</em> von Alberto Burri wurde aus den Steinen und Gegenständen errichtet, die einst Gibellina formten: Straßen, Plätze, Häuser, Ställe, Geschäfte, Werkstätten, Schulen, Kirchen, ein Barocktheater und eine Burg aus dem 14. Jahrhundert. Der <em>Cretto</em> ist das Grab und die verlorene Heimat eines kleinen Dorfes im Süden Italiens. Er rekonstruiert ideale, räumliche und zeitliche Wege zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen den Lebenden und den Toten.<br />
Er ist ein Werk, das sich jedem Versuch der Kategorisierung entzieht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>EIN RUF AN DIE KÜNSTE</strong></p>
<p>Seine Geschichte ist komplex. Sie beginnt 1979 und ist bis heute nicht abgeschlossen. Sie hatte einen <em>Deus ex Machina</em>: Ludovico Corrao, Bürgermeister von Gibellina von 1970 bis 1994, der – wie Fitzcarraldo – wusste, dass Träume Berge versetzen können.</p>
<p>Wir befinden uns am Ende der 1970er Jahre. Für die Bürger:innen von Gibellina, die das Erdbeben überlebt haben, setzt sich das Trauma fort: Sie müssen mehr als ein Jahrzehnt in provisorischen Notunterkünften hausen – eisig im Winter und glühend heiß im Sommer. Neue Stadtzentren beginnen nach Plänen des Staates Gestalt anzunehmen – einige davon, wie Gibellina Nuova, weit entfernt von den alten Siedlungen. Diese Pläne wurden in einem Büro der fernen Hauptstadt Rom von einer Handvoll Stadtplaner:innen entworfen, die glaubten – wie sie im Projektbericht schrieben –, die Mafia zu bekämpfen, indem sie breite Straßen bauten, um die Einwohner:innen voneinander zu trennen. Die Anliegen und Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften wurden dabei ignoriert. Mehr noch: Den Gemeinden wurde per Gesetz jegliche Entscheidungsbefugnis aberkannt.</p>
<p>Ludovico Corrao ist machtlos gegenüber den vom Staat aufgezwungenen städtebaulichen Entscheidungen. Er ist sich jedoch der Ignoranz dieser Pläne bewusst und überzeugt, dass Häuser allein nicht ausreichen, um das Gemeinschaftsgefühl und die Verbundenheit wiederherzustellen. Er weiß, dass der Wiederaufbau einen höheren Sinn erhalten muss, bei dem Schönheit als Motor und verbindendes Element fungiert. Deshalb versammelt er Künstler:innen, Intellektuelle und Kulturschaffende, um zu versuchen, die Stadt schöner zu machen.</p>
<p>Der Schriftsteller Leonardo Sciascia schrieb in seiner Rede, die er am 15. Januar 1988 in Gibellina anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Erdbebens hielt: „Der italienische Staat – das muss man sagen – war weder bereit noch geneigt, eine Forderung nach Wiederaufbau anzunehmen, die mehr als nur eine Wiederherstellung des Elends darstellte: Vielleicht hoffte man tatsächlich auf die Flucht, das Verlassen, auf den Wunsch, woanders neu zu beginnen; und der Beweis dafür ist, dass das ,Gesetz zwei Prozent‘, das Gesetz, das bei öffentlichen Bauwerken zwei Prozent der Ausgaben für künstlerische Gestaltungen vorsieht, für den Wiederaufbau dieser Städte ausgesetzt und aufgehoben wurde. Verbot der Kunst, Verbot der Schönheit: Als wollte man, dass alles hässlicher ist als zuvor, dass die Menschen einander und ihre Heimat nicht wiedererkennen. Ob Absicht, unbewusster Wunsch oder einfach nur das Fehlen auch nur einer vagen Idee davon in den herrschenden Kreisen, was das Leben verschönert und stärkt – hier in der Umgebung ist dies mehrfach offensichtlich geworden; aber in Gibellina hat es einen Ort des Widerstands gefunden. [Ludovico Corrao] hat gezeigt, dass das Leben nicht anderswo ist, sondern dass es auch hier sein kann.“</p>
<p>Künstler:innen folgen dem Ruf Corraos, und das neue Gibellina erwacht durch die Kunst zum Leben. Ende der 1970er Jahre wird Gibellina zu einem permanenten Labor der Künste, einem Treffpunkt für Kunstschaffende und einem Freilichtmuseum.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>AUS DEN TRÜMMERN ENTSTEHT EIN MEISTERWERK</strong></p>
<p>Corrao gelingt es sogar, den Künstler Alberto Burri, der als schwierige Persönlichkeit gilt, zu überzeugen, nach Gibellina zu kommen. Im Jahr 1979 reist Burri aus Rom an, mit all seinen Vorurteilen über den Süden und dessen Bewohner:innen. Die neue Stadt inspiriert ihn nicht, und die Vorstellung, ein Werk neben jenen von Künstler:innen zu hinterlassen, die er nicht schätzt, reizt ihn nicht: „Hier mache ich sicher nichts.“ Doch dann besucht er die Ruinen des vom Erdbeben zerstörten Gibellina. Er muss diese Stille gespürt haben, die nur vom Krächzen der Krähen unterbrochen wird in dieser hügeligen Landschaft, die sich bis zum afrikanischen Meer erstreckt, und er ist fast bewegt. Die Idee kommt ihm noch am selben Abend: „Ich würde es so machen: Wir verdichten die Trümmer, die ja ohnehin ein Problem für euch sind, befestigen sie richtig, und mit Beton schaffen wir einen riesigen weißen <em>Cretto </em>(Riss), damit dieses Ereignis für immer in Erinnerung bleibt.“</p>
<p>Um die Arbeit zu realisieren, träumt Burri von der aktiven und tatkräftigen Beteiligung der Bewohner:innen von Gibellina. Erst viel später sollte er erfahren – und es machte ihn sehr traurig –, dass vielen der <em>Cretto</em> nicht nur nicht gefiel, sondern als eine Art von Gewalt empfunden wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>EINE SCHWIERIGE VERWIRKLICHUNG</strong></p>
<p>Um Gelder, Material und Arbeitskräfte zu beschaffen, bedient sich Corrao unzähliger Einfälle und Strategien. Es ist undenkbar, den Staat um die Finanzierung zu bitten. 1985 beginnt das Werk, Gestalt anzunehmen und sich zwischen den Trümmern auszubreiten. Burri überlässt es den Techniker:innen und Arbeiter:innen, Lösungen zu finden, um seine Empfehlungen umzusetzen. Er verfolgt das Projekt aus der Ferne über seinen Freund Alberto Zanmatti, den Architekten vor Ort.</p>
<p>Am Morgen des 23. Mai 1987 sieht Burri seinen <em>Cretto</em> zum ersten und letzten Mal: Er scheint enttäuscht und sagt fast nichts. Ihm fehlt wahrscheinlich der Blick von oben, an den er sich durch das Modell, an dem er gearbeitet hat, gewöhnt hat. Trotz der Größe vermisst er das Gefühl von Großartigkeit, das er sich vorgestellt hat. Der Besuch dauert nur wenige Stunden, gerade genug, um ein Foto von der Begegnung des Künstlers mit seinem Werk zu machen.</p>
<p>1989, als 70 Prozent des Werkes fertiggestellt sind, werden die Arbeiten wegen fehlender Mittel eingestellt. Corrao gelingt es, eine Finanzierung von der Region Sizilien zu erhalten, indem er das Projekt nicht als Kunstwerk, sondern als „Stadtpark“ einreicht. Doch es bleibt ihm keine Zeit mehr, um die bürokratische Maschinerie in Gang zu setzen. Nach mehr als zwanzig Jahren wollen die Menschen in Gibellina ihn nicht mehr als Bürgermeister, und 1994 wird Corrao nicht wiedergewählt. Sein Nachfolger schafft es, diese Finanzierung absichtlich zu verlieren, und von da an wird der <em>Cretto</em> allmählich aufgegeben.</p>
<p>Jahre vergehen, aus Weiß wird Grau. Das Metall unter der Oberfläche rostet, wodurch Teile des Betons abbrechen. Es gibt einige kleine Einstürze, Absplitterungen und Risse. Abgesehen von ein paar Reinigungen zur Entfernung der Vegetation, die begonnen hat, das Werk zu überwuchern, wird keine Instandhaltung durchgeführt. Niemand kommt mehr zu den Ruinen. Die Gelegenheiten, sich dort zu versammeln, werden immer seltener. Der <em>Cretto</em> gerät fast in Vergessenheit. Auch Burri spricht nicht gern darüber. Wie er vorausgesagt hat, stirbt er 1997, ohne sein Werk vollendet zu sehen.</p>
<p>Dann entsteht auf den umliegenden Hügeln, wo es ein paar Jahren zuvor noch junge Wälder gab, ein Windpark. Die Gemeinde hält es für notwendig, einen Parkplatz anzulegen, und baut ihn in unmittelbarer Nähe des Werks von Alberto Burri aus demselben weißen Beton: Aus der Ferne wirkt das wie eine Metastase des viereckigen Körpers des <em>Cretto</em>. Mit demselben Material wird das Stück Provinzstraße, das an einer Seite des <em>Cretto </em>entlangführt, neu asphaltiert, wodurch dessen Form verunstaltet wird. Es gibt keinen Aufschrei, dass diese groben öffentlichen Eingriffe Burris Idee entstellen. Institutioneller Vandalismus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>DER CRETTO IST EIN LEBENDIGER ORT</strong></p>
<p>Die Idee, einen Aufruf zur Rettung des <em>Cretto</em> zu starten, kam mir an einem Sommernachmittag im Jahr 2010, als ich mit Ludovico Corrao sprach. Er war bereits schwer krank, doch keineswegs resigniert. Die Tatsache, den <em>Cretto</em> nicht vollendet zu sehen, machte ihn jedoch tieftraurig. Der Aufruf wurde von etwa hundert Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur unterzeichnet und an den zuständigen Minister und den Regionalrat geschickt. Keine zwei Monate später betonten in einer gemeinsamen Erklärung des Ministeriums der Staatssekretär und der Regionalassessor, dass der Appell nicht unbeachtet bleiben würde. Das Ministerium stellte Mittel aus Lotto-Einnahmen für die Restaurierung bereit. Die Region zögerte jedoch beim Thema Fertigstellung, und der Assessor drängte darauf, private Investoren mit einzubeziehen. Dann, am 7. August 2011, wurde Ludovico Corrao in einer fatalen Wendung, die an eine griechische Tragödie erinnert, von seinem Pfleger ermordet. Drei Tage später, als wir auf dem Vorplatz der Chiesa Madre von Gibellina Senator Corrao die letzte Ehre erwiesen, nahm mich Assessor Sebastiano Missineo beiseite und sagte, von seinen Emotionen überwältigt, er werde die nötigen Mittel für die Vollendung finden – das sei er Corraos Andenken schuldig. Er hielt sein Versprechen.</p>
<p>Die Arbeiten am <em>Cretto</em> wurden 2015 abgeschlossen. Der neue schneeweiße Teil war, wie Burri ihn sich vorgestellt hatte, ließ aber den alten grauen Teil des <em>Cretto</em> umso mehr hervortreten, wodurch ein auffälliger Kontrast entstand. Was tun, um dessen Erhalt für die Nachwelt zu sichern? Wie lassen sich der alte und der neue Teil angleichen? Von Anfang an war klar, dass die Pflege dieses außergewöhnlichen Werkes eine ebenso außergewöhnliche Herangehensweise erfordert.</p>
<p>Burri hätte sich gewünscht, dass die Gemeinschaft von Gibellina das Werk selbst umsetzt. Immerhin wurde sein Werk der Bürgerschaft geschenkt. Obwohl diese durch die Zwangsenteignung ihrer nicht mehr existierenden Häuser ihr Eigentum und den Anspruch darauf verloren hat, ist sie moralisch Eigentümerin und somit Hüterin des <em>Cretto</em>. Auch auf dieser Grundlage wurde gemeinsam mit Corrao darüber nachgedacht, dass der <em>Cretto</em> regelmäßig von der Gemeinde mit Kalk gereinigt und gestrichen werden sollte. Kalk ist ein einfaches, desinfizierendes Material, das leicht zu verwenden ist und an eine Tradition im gesamten Mittelmeerraum anknüpft. Dies schien der einzig gangbare Weg.</p>
<p>Der <em>Cretto</em> darf nicht sterben, aber er kann sich auch nicht in ein schwarzes Loch öffentlicher Gelder verwandeln. Vielmehr sollte er durch gezielte Maßnahmen, die seine Förderung und Sichtbarkeit sicherstellen, zu einem gemeinsamen Kulturgut werden, das Reisende anzieht und, wenn gut verwaltet, wirtschaftliche Vorteile bringt.</p>
<p>Doch der wahre Schlüssel zur Sicherung der Zukunft des <em>Cretto</em> liegt in der Beziehung zwischen dem Ort der Ruinen und den Menschen. Sie erlebten den <em>Cretto</em> anfänglich als Fremdkörper, als eine Gewaltanwendung gegen die Ruinen, die in ihrer bescheidenen physischen Präsenz jedoch eine tiefe emotionale Verbindung hervorriefen. Die anfängliche Ablehnung dieses Werkes hat die physische Distanz (18 km) zwischen dem neuen und dem alten Gibellina vergrößert, zu einer Distanz, die durch die Gleichgültigkeit gegenüber einem halb fertigen Werk noch gewachsen ist.</p>
<p>Die Notwendigkeit einer partizipativen Restaurierung, die von der Gemeinschaft initiiert wird, ergibt sich zunächst aus dem Bedürfnis, eine neue Beziehung zu Burris Werk und zum gesamten Ort der Ruinen aufzubauen. Diese Notwendigkeit sollte die Grundlage für weitere Planungen und Umsetzungen bilden. Die Restaurierung sollte in erster Linie eine Gelegenheit bieten, sich in einem festlichen und ritualhaften Moment wiederzufinden, in dem die Bevölkerung sich den Ort und die damit verbundenen Symbole zurückerobert. Die Restaurierung sollte nicht nur wirtschaftlich nachhaltig sein, sondern auch in der Lage, wirtschaftliche Aktivität zu erzeugen und somit direkte Vorteile zu bringen. Außerdem muss sie dafür sorgen, dass die Idee Burris in ihrer ursprünglichen und grundlegenden Farbigkeit ständig sichtbar bleibt. Für die Menschen von Gibellina wäre dies eine Möglichkeit, den Bann der menschlichen Nostalgie zu brechen: den Bann einer durch das tragische Ereignis des Erdbebens und die folgenden Ereignisse idealisierten vergangenen Zeit, den gegenwärtigen Moment zu akzeptieren und zu beginnen, in die Zukunft zu investieren.<br />
Auch eine Restaurierung aller bestehenden Werke in Gibellina Nuova sollte auf eine Weise durchgeführt werden, die die zahlreichen Künstler:innen mit einbezieht. Viele haben bereits ihre Bereitschaft zur Teilnahme signalisiert.</p>
<p>In den letzten Jahren hatte ich die Gelegenheit, diese Idee mit Restaurator:innen, Expert:innen für zeitgenössische Materialien, Kunsthistoriker:innen, Kurator:innen, Künstler:innen, Musiker:innen und Performer:innen zu teilen. Mit Menschen, die Alberto Burri in den Jahren, in denen der <em>Cretto</em> gebaut wurde, am nächsten waren und mit ihm zusammengearbeitet haben sowie mit den Bewohner:innen von Gibellina. Und auch mit den Entscheidungsträger:innen der zuständigen Institutionen, dem Rathaus von Gibellina und der Oberaufsichtsbehörde für Denkmalschutz in Trapani. Abgesehen von letzteren, die an einer konservatorischen Restaurierung festhalten, haben alle diese Idee und ihre tiefere Bedeutung mit Begeisterung aufgenommen.</p>
<p>Corraos Projekt, verkörpert durch Gibellina und exemplarisch im <em>Cretto</em> von Burri zusammengefasst, basiert auf der mediterranen Idee, dass Schönheit regeneriert. Ebenso wie auf der Notwendigkeit, die grundlegenden Mythen unserer Zivilisation durch ihre Wiederbelebung neu zu aktivieren. Die partizipative Restaurierung würde den Übergang von der Utopie zur Gegenwart markieren, und der <em>Cretto</em> würde schließlich das Gesamtkunstwerk werden, das Burri sich erträumt hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>DER CRETTO IST MEIN ZUHAUSE</strong></p>
<p>Wir haben die Frauen und Männer, die die Erinnerung an das alte Gibellina unter dem <em>Cretto</em> bewahren, gebeten, an den Ort zurückzukehren, an dem sie geboren wurden und aufgewachsen sind. Dies ist eine Gelegenheit, sich in einem Ritual wiederzufinden, in dem die Bevölkerung den Ort und die damit verbundenen Symbole zurückerobert.</p>
<p>Jede:r stellt sich mutig für ein Foto genau an den Ort, wo sein/ihr Leben in Gibellina Vecchia endete, und sagt: „Das ist mein Zuhause.“</p>
<p>Das partizipative Fotoprojekt, von dem eine Auswahl in der Ausstellung gezeigt wird, soll dazu beitragen, Burris Idee in ihrer Kraft ständig sichtbar zu halten. Vielleicht wird der <em>Cretto</em> vollständig zu dem Gesamtkunstwerk, das Burri sich vorgestellt hat, indem es sich mit seiner Gemeinschaft „aktiviert“.</p>
<p>Ein weiterer kleiner Schritt, um <em>Il Grande Cretto</em> von Alberto Burri von der Utopie, aus der es stammt, als wunderbare Realität in unsere Gegenwart zu begleiten.</p>
<p>Nicolò Stabile<br />
Gibellina, August 2024</p>
<p><iframe title="Nicolò Stabile, Giusepe Ippolito und Alberto Stabile über Gibellina | Das Anwesende des Abwesenden" width="1778" height="1000" src="https://www.youtube.com/embed/Ve1cgEcersM?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></p>
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		<title>Associazione Gibellina Parco Culturale</title>
		<link>https://www.fkv.de/associazione-gibellina-parco-culturale/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FKV]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Oct 2024 12:10:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Il Cretto è casa mia (Der Cretto ist mein Zuhause), 2024 – fortlaufend Ein Projekt von Nicolò Stabile 34 Fotografien von Giuseppe Ippolito Digitale Fotografie, Maße variabel Gedanken der Überlebenden des Erdbebens von Belice 1968, aufgeschrieben und ausgewählt von Giovanna Giordano Courtesy Giuseppe Ippolito (Fotos) und Giovanna Giordano (Text) Il Cretto è casa mia (Der <a href="https://www.fkv.de/associazione-gibellina-parco-culturale/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Il Cretto è casa mia </em>(Der Cretto ist mein Zuhause), 2024 – fortlaufend<br />
Ein Projekt von <strong>Nicolò Stabile</strong><br />
34 Fotografien von <strong>Giuseppe Ippolito </strong><br />
Digitale Fotografie, Maße variabel<br />
Gedanken der Überlebenden des Erdbebens von Belice 1968, aufgeschrieben und ausgewählt von <strong>Giovanna Giordano</strong></p>
<p>Courtesy Giuseppe Ippolito (Fotos) und Giovanna Giordano (Text)</p>
<p><em>Il Cretto è casa mia</em> (Der Cretto ist mein Zuhause) wird im Frankfurter Kunstverein zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Die fotografische Arbeit wurde 2024 durch die beharrliche Entschlossenheit von Nicolò Stabile ins Leben gerufen, der sie als Teil seiner unermüdlichen Arbeit zur Bewahrung des <em>Cretto</em> von Alberto Burri und der Geschichte von Gibellina umsetzt.</p>
<p>Zu sehen sind Porträts von Menschen, die das Erdbeben von Belice überlebten, das 1968 den Westen Siziliens mehrfach erschütterte und zerstörte. Sie sind die letzten Zeug:innen dieses traumatischen Erlebnisses. Die betroffenen Menschen verloren Angehörige und ihr Zuhause. Das Erdbeben sowie die Untätigkeit der Behörden ließen sie heimatlos und mit dem Verlust ihrer gesamten Existenz allein zurück. Nach Jahren in temporären Baracken wurde 18 Kilometer entfernt Gibellina Nuova (das neue Gibellina) erbaut. Künstler:innen und Architekt:innen spendeten Werke. Es war die Stadt einer Utopie der Moderne, die im Laufe der Jahre wieder dem Verfall preisgegeben wurde.</p>
<p>2024 entstand das partizipative Projekt <em>Il Cretto è Casa Mia</em> als Versuch der Heilung und der Wiederaneignung eines Ortes, der in seiner gesamten Präsenz von einer tief empfundenen Abwesenheit zeugt. Mehr als fünfzig Jahre nach dem Erdbeben haben sich Menschen zusammengetan, um ihre Porträts anfertigen zu lassen. Sie stehen vor den einstigen Trümmern ihrer Häuser. In den 1980er Jahren entstand auf diesen Überresten das Landschaftskunstwerk von Alberto Burri, der <em>Cretto di Gibellina</em>, als Ort der Stille und der Erinnerung. Dem Künstler gelang es, den Schmerz durch einen respektvollen gestalterischen Akt in eine Form erhabener Schönheit umzugestalten. Seine weißen Betonschichten verhüllten die Überreste, einem Leichentuch gleich, und bewahren sie in der Verborgenheit ihres Inneren.</p>
<p>Nicolò Stabile, selbst Überlebender und Gründer des Vereins Associazione Gibellina Parco Culturale ist der Impulsgeber eines visionären wie monumentalen Bestrebens, diesen Ort nicht dem Verfall preiszugeben, sondern ihn zu bewahren und dafür kollektive Kräfte zu mobilisieren. Seit Jahren engagiert er sich für den Erhalt der Kunst und der Gedenkstätte. So lud er 2024 den Fotografen Giuseppe Ippolito ein, die Überlebenden vor Ort zu porträtieren. Die als fortlaufender Prozess konzipierte Fotoaktion umfasst inzwischen 60 Porträts, von denen 34 gedruckt und erstmals im Rahmen der Gruppenausstellung <em>Das Anwesende des Abwesenden</em> gezeigt werden. Die Menschen, deren Gesichter wir sehen, gehören der letzten Generation an, die dieses für Sizilien und ganz Italien erschütternde Ereignis bezeugen kann.</p>
<p>Von den Fotos aus schauen sie uns an. Sie zucken nicht vor der Gewalt der Geschichte zurück, sondern treten als Individuen hervor. Sie erzählen der Schriftstellerin Giovanna Giordano ihre Geschichten, die in der Ausstellung in Auszügen zu lesen sind. Sie sind stolz darauf, dass Alberto Burri die Ruinen ihrer Häuser nutzte, um eines der wichtigsten Denkmäler der Welt und sein Meisterwerk zu schaffen. Ein lebendiger Ort der Landschaft, der Erinnerung, der Kultur.</p>
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<p><strong>Nicolò Stabile</strong> (*1966, Gibellina, IT) arbeitete in den 1980er Jahren in noch jungem Alter an der Seite von Ludovico Corrao (*1927, Alcamo, IT; †2011, Gibellina, IT), dem ehemaligen Bürgermeister von Gibellina, IT, am Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben von Belice von 1968. In den 1990er Jahren lebte und arbeitete er in Brüssel, BE, wo er als Dramatiker, Organisator, Pressesprecher und Übersetzer für verschiedene Theater, Festivals und Künstler:innen tätig war, darunter Kunstenfestivaldesarts, Brüssel (BE), Kaaitheater, Brüssel (BE), CharleroiDanses, Charleroi (BE) und Needcompany, Brüssel (BE). Zudem arbeitete er als Produzent für Thierry Salmon. Im Jahr 2000 kehrte Stabile nach Gibellina zurück, wo er die Compagnia Caterina Sagna leitete und zahlreiche Koproduktionen mit bedeutenden Institutionen wie dem Théâtre de la Ville, Paris (FR), Théâtre de la Bastille, Paris (FR), Festival d’Avignon (FR) und Biennale di Venezia (IT) realisierte. Von 2006 bis 2010 war er für die Öffentlichkeitsarbeit und das Ente Promozione Danza der Fondazione Romaeuropa, Rom (IT), sowie für das Programm am Teatro Palladium, Rom (IT) verantwortlich. Seit 2010 engagiert sich Stabile für den Erhalt und die Dokumentation des öffentlichen Kunstbestands der Stadt Gibellina, insbesondere des <em>Cretto</em> von Alberto Burri. In diesem Zusammenhang hat er mit Künstler:innen, Fotograf:innen, Regisseur:innen, Forscher:innen, Dramaturg:innen, Archiven, Universitäten und Institutionen zusammengearbeitet, um die Stadt Gibellina und ihre Widersprüche zu dokumentieren. Zu den Mitwirkenden zählen Thierry de Mey, Marzia Migliora, Petra Noordkamp, Elisa Giardina Papa, Onorato &amp; Krebs, David Williams, Maya Bosch, Christian Lutz, Pablo Fidalgo, Alexander Rosenkranz, Istituto Svizzero, Rom (IT), Accademia Tedesca Villa Massimo, Rom (IT), Fondazione Sandretto Re Baudengo, Turin (IT) und Archivio Pietro Consagra, Gibellina (IT).</p>
<p><strong>Giuseppe Ippolito</strong> (*1987, Novara, IT) ist ein italienischer Fotograf, der auf Porträt- und Reportagefotografie für die Verlags- und Werbebranche spezialisiert ist. Seine Reportagen wurden in nationalen und internationalen Publikationen veröffentlicht, darunter The Guardian, Vanity Fair, La Cucina Italiana, Business Traveller UK, The Creative Brothers, Athleta Magazine, Suq Magazine und Trentino Magazine. Ippolito ist im Bereich <em>Food and Beverage</em> als Fotograf von Celebrity Chefs bekannt und hat mit La Repubblica, Panorama, Dispensa Magazine und Fine Dining Lovers von San Pellegrino zusammengearbeitet. Im Jahr 2017 erhielt er eine besondere Erwähnung von der World Photography Organization und wurde in die Shortlist für den Preis Food Photographer Of The Year aufgenommen. Kürzlich erweiterte er sein Engagement auf die Erstellung von institutionellen Kampagnen für die Regione Sicilia, die SIAE (Società Italiana degli Autori ed Editori) und das MiBAC (Ministero per i Beni e le Attività Culturali). Ippolitos Eltern stammen aus Gibellina.</p>
<p><strong>Giovanna Giordano</strong> (*1961, Mailand, IT) lebt in Catania, IT, wo sie Philosophie an der Accademia di Belle Arti unterrichtet und als Journalistin und Autorin arbeitet. Giordano ist bekannt für ihre Romane, die Leser:innen auf eine Reise von Sizilien zu anderen Orten außerhalb Italiens mitnimmt. Sie hat afrikanische Kunstgeschichte studiert und schreibt regelmäßig für Publikationen wie La Stampa, Il Giornale di Sicilia, Il Mattino und aktuell für La Sicilia. Giordano erhielt zahlreiche Preise wie den Premio Recalmare Sciascia für ihre Romane, darunter <em>Trentaseimila giorni</em> (1996), <em>Un volo magico</em> (1998) und <em>Il mistero di Lithian</em> (2004). 2020 stand sie auf der Shortlist für den Literaturnobelpreis. Ihr Werk <em>Il profumo della libertà </em>(2021; in deutscher Sprache 2023 erschienen, <em>So viele Paradiese</em>, Eichborn) war für den Premio Strega 2022 nominiert.</p>
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		<title>Petra Noordkamp</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Oct 2024 15:43:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Il Grande Cretto di Gibellina, 2015 Film, 14 min Courtesy Petra Noordkamp und The Solomon R. Guggenheim Foundation Petra Noordkamp ist Künstlerin. Sie arbeitet mit Fotografie und Film und erforscht den Einfluss von Erfahrungen, Erinnerungen, Filmen und Träumen auf die Wahrnehmung von Architektur und der städtischen Umwelt. 2015 entstand auf Einladung des Guggenheim Museums New <a href="https://www.fkv.de/petra-noordkamp/" class="more-link">...</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Il </em><em>Grande Cretto di Gibellina</em>, 2015<br />
Film, 14 min<br />
Courtesy Petra Noordkamp und The Solomon R. Guggenheim Foundation</p>
<p>Petra Noordkamp ist Künstlerin. Sie arbeitet mit Fotografie und Film und erforscht den Einfluss von Erfahrungen, Erinnerungen, Filmen und Träumen auf die Wahrnehmung von Architektur und der städtischen Umwelt.</p>
<p>2015 entstand auf Einladung des Guggenheim Museums New York ihr Film <em>Il</em> <em>Grande Cretto di Gibellina</em>. Noordkamp widmete ihn dem Landschaftsmonument des italienischen Künstlers der Arte Povera, Alberto Burri (*1915, Città di Castello, IT; † 1995, Nizza, FR). Die Errichtung des <em>Cretto</em> begann im Jahr 1984 und wurde 2015 abgeschlossen. Das Werk erstreckt sich heute über eine Fläche von 90.000 Quadratmetern.</p>
<p>Die Geschichte des <em>Cretto di Gibellina</em> (Der Riss von Gibellina) von Alberto Burri ist komplex. 1979 begann Burri mit der Idee für das Werk. Zwischen 1985 und 1989 ließ er eine 1,50 Meter hohe Schicht aus weißem Zement über die Trümmer gießen, die das große Erdbeben vom 14. Januar 1968 hinterlassen hatte und das die Stadt Gibellina sowie das Leben ihrer 5.000 Bewohner:innen zerstörte. Straßen, Plätze, Häuser, Geschäfte, Schulen, Kirchen, ein Theater, das Chiaramonte-Schloss aus dem 14. Jahrhundert, alles stürzte ein und begrub Menschen sowie ihr Hab und Gut unter sich. Etwa hundert Menschen starben. Alle anderen verloren ihr Zuhause und jede Familie hatte Opfer zu beklagen. Eine traumatisierende und grundlegende Erfahrung der Unentrinnbarkeit vor der Macht der Natur. Burris Werk, das elf Jahre nach dem Geschehnis entstand, bewahrt die Ruinen und bedeckt sie mit der weißen Zementschicht.</p>
<p>Es ist ein Ort der Abwesenheit, der Erinnerung und der Stille. Burris Größe liegt darin, den Schmerz und die Trauer der Menschen gespürt und geachtet zu haben. Er gab dem eine Form. Burri wählte ausdrücklich weißen Zement. Die Farbe Weiß war für ihn ein Symbol des Lichtes. Ein Licht, das an dem Ort dunkelster Erfahrungen von Zerstörung und Tod sich diesen widersetzt. Das scheinbar harte Material ist selbst verletzlich. Die Zeit macht es brüchig. Kapernpflanzen wurzeln und sprengen Risse in die Oberfläche, Algen und Moos zersetzen sie, Wind, Sonne und Regen. All dies erinnert uns an die menschliche Form des Lebens, die immer verletzlich ist. Der Zement und die menschengemachte Form würden im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen zerfallen, hätten die Überlebenden des Erdbebens sich nicht der Aufgabe verschrieben, den skulpturalen Körper des <em>Cretto</em> zu pflegen. Wie schwer es ist, das Weiß des Betons zu bewahren, wissen die Menschen, die den Verein Associazione Gibellina Parco Culturale gegründet haben. Ihre Fürsorge trotzt der Zeit und dem Vergessen. Denn in seiner erhabenen Schönheit soll der <em>Cretto</em> bestehen bleiben. Als Symbol einer Abwesenheit und gleichzeitig als Zeichen der Kraft des Schönen ist dies einigen Menschen von Gibellina ein Wert.</p>
<p>Burri suchte nach der Schönheit. Für ihn ist es die Form, die in einem strengen Gleichgewicht sinnlich und geistig bildhaft zu uns spricht. Es ist nicht die Auffassung einer Schönheit, die das Hässliche, das Unverständliche, die Verletzung und Zerbrechlichkeit verdeckt und beschönigt, sondern er vertritt die Überzeugung, dass Kunst sie in sich aufnimmt und zu Sinnhaftigkeit macht.</p>
<p>Petra Noordkamp verbrachte viele Monate in Gibellina. Für sie war es ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit, die Stille des <em>Cretto</em> zu erleben, Zeit dort zu verbringen und eine Form zu finden, diesen Ort Menschen in der Ferne filmisch nahe zu bringen. Sie sichtete historische Fotos und Filmaufnahmen, die ihr die Menschen zeigten, die das Erdbeben überlebt hatten. Sie war berührt von den Bildern vergangener Zeiten und des heute abwesenden Lebens. Dieses Material fügte sie in ihren Film ein als Hommage an die Freund:innen und Bewohner:innen von Gibellina. So sehen wir eine Szene, in der der Vater und der Bruder von Nicolò Stabile, heute Initiator der Associazione Gibellina Parco Culturale und Aktivist, zu sehen sind, und der zu einem engen Freund wurde.</p>
<p>Aus der Luft erscheint der minimalistische Entwurf von Burri wie ein weißes Quadrat, wie eine Leinwand, die den gesamten Hügel bedeckt, durchfurcht von tiefen Spalten und Rissen. Diese erinnern an die Straßen der zerstörten Stadt Gibellina. Sie lassen auch an die Furchen denken, die Erdbeben anrichten. Und sie stehen sinnbildhaft für die Risse in den Existenzen der Menschen, die in Gibellina alles verloren.</p>
<p>Petra Noordkamp wählt bewusst den Blickwinkel (altern. Kameraeinstellung) auf Augenhöhe. Es ist, als führte ihr Film uns durch die Wege des <em>Cretto di Gibellina</em>. Ihre Arbeit schafft ein Gefühl der Anwesenheit. Noordkamp erzeugt in den Betrachtenden den Eindruck, den Ort zu durchschreiten und nachzuempfinden, was dort passiert sein mag.</p>
<p>Für die Vertonung ihres Filmes hat Petra Noordkamp die niederländische Klangkünstlerin Nathalie Bruys eingeladen. Sie nahm vor Ort Umgebungsgeräusche auf – die Geräusche der Schafe, des Windes und der Vögel – und integrierte sie als Tonfragmente in die endgültige Klanglandschaft des Films.</p>
<p>Burri selbst hatte hinterlassen, dass der <em>Cretto </em>ein Ort der Stille bleiben soll. Nur Elemente der Natur sollen zu hören sein – die Vögel, der Wind, die Grillen. Kein touristischer Trubel, keine Vermarktung sollen stören. Momente der Selbsteinkehr. Die Erfahrung des Individuums als Ausdruck des Hier und Jetzt in Anbetracht der Ewigkeit von Raum und Zeit stellt sich an diesem besonderen Ort ein.</p>
<p>Noordkamps gesamtes Werk ist von den Gedanken des finnischen Architekten Juhani Pallasmaa zur Stille beeinflusst. Die Welt verliert ihr Mysterium, ihre Poesie und ihre sinnliche Anwesenheit, so der Architekt. Der Verlust der Stille und der Dunkelheit stehen sinnbildhaft für eine Entfremdung des Menschen von einem spirituellen Bezug zur Welt und zur Natur.</p>
<p>Der Film von Petra Noordkamp verdeutlicht, wie das <em>Cretto</em> von Alberto Burri für seine eigene Geschichte und als Narbe in der Zeit steht. Er erinnert an die Katastrophe und zeigt gleichzeitig einen Ort der Schönheit inmitten der ewigen Hügellandschaft des Belice-Tals. Hier hat die Kunst die Aufgabe erfüllt, eine Wunde zuzudecken. Das Verletzte zu schützen und zu bewahren. Die Anwesenheit des Abwesenden.</p>
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<p><strong>Petra Noordkamp</strong> (*1967, Losser, NL) ist eine niederländische Künstlerin und Filmemacherin, die in Amsterdam (NL) lebt und arbeitet. Von 1996 bis 2000 studierte sie Fotografie an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam (NL). 2012 präsentierte Noordkamp ihren ersten Kurzfilm <em>The Mother, the Son and the Architect</em>, gedreht in der Chiesa Madre des Architekten Ludovico Quaroni in Gibellina (IT), in einer Einzelausstellung im Fotografiemuseum Foam in Amsterdam (NL). Der Film wurde auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt. 2013 war sie Artist-in-Residence an der American Academy in Rom (IT). 2014 kehrte sie im Auftrag der Guggenheim Foundation, New York (US), nach Gibellina zurück, um den Kurzfilm <em>Il Grande Cretto di Gibellina</em> über das Land-Art-Kunstwerk <em>Cretto</em> von Alberto Burri zu realisieren. Dieser wurde in renommierten Institutionen wie dem Guggenheim Museum, New York (US), K21, Düsseldorf (DE), und dem Centre Pompidou, Paris (FR), gezeigt. Ihr Film <em>When You Return I&#8217;ll Be Living by the Waterside</em> (2017) feierte seine Weltpremiere beim International Film Festival Rotterdam (IFFR) im Jahr 2018. 2017 realisierte Noordkamp die Diptychon-Installation <em>Fragile &#8211; Handle with Care</em>, die vom Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo &#8211; MAXXI in Rom (IT) in Auftrag gegeben wurde. 2020 begann sie das Projekt <em>Better Not Move</em> in Tokio (JP), das sich in einem Buch, einem Film und mehreren Ausstellungen manifestierte.</p>
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