Julie Edel Hardenberg (Paneeraq)

Project Ikioqatigiilluta (language project), 2008
6 Drucke auf Hartschaumplatte
Jew. 28,5 cm x 28,5 cm
10 Foliendrucke auf Plexiglas
Jew. 40 x 40 cm

Nuan` (great), 2011
Druck auf Hartschaumplatte, gerahmt
180 x 180 cm

Unmask, #10, 2017
Unmask, #6, 2017
Unmask, #1, 2017
3 Drucke auf Hartschaumplatte
Jew. 119,7 x 100 cm

Nipangersitassaanngitsut (Those who can’t be silenced), 2017
Stoff, menschliches Haar
227 x 300 cm

Meant to meet, 2024
Stoff, menschliches Haar
Jew. 100 x 140 cm

Whitewashed – heritage, 2021
Holz, menschliches Haar
Jew. 3,5 x 70 cm

Made in, #1, 1995
12 Prints auf Papier, gerahmt
Jew. 30,5 x 40,5 cm

Courtesy Julie Edel Hardenberg

 

„Meine Mutter wurde unter der dänischen Flagge geboren – dem Dannebrog, als Grönland noch eine Kolonie war.
Ich wurde unter der dänischen Flagge geboren – dem Dannebrog, als Grönland ein dänischer Amtbezirk war.
Meine Kinder wurden unter der grönländischen Flagge geboren – Erfalasorput, während wir die grönländische Selbstverwaltung hatten.
Drei Generationen. Drei Paradigmen.“ — Julie Edel Hardenberg

 

Julie Edel Hardenberg, Paneraaq in Kalaallisut genannt, ist 1971 in Nuuk geboren. Ihre Arbeit setzt sich mit der Geschichte, den Inuit-Kulturen und der kolonialen Erfahrung Grönlands auseinander. Zentral dabei ist die Sprache: Julie Edel Hardenberg spricht Inuit Kalaallisut, Dänisch, Norwegisch, Englisch und Schwedisch. Ihre Mehrsprachigkeit ermöglicht der Künstlerin ein Verständnis verschiedener Identitäten. Davon zeugt ihre frühe Fotoarbeit Made in, #1 (1995). Die Künstlerin portraitiert sich zwölfmal frontal im Passfotoformat. Sie ändert Kleider und Haartracht. Dadurch liest die Betrachtende Person denselben Körper mit zwölf gänzlich unterschiedlichen Zuordnungen zu kulturellen Gruppen.

Hardenberg erforscht Sprache als Ausdruck von Herrschaft und staatlicher Macht im Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark. Für ihr Projekt Ikioqatigiilluta begibt sich Hardenberg in Alltagssituationen, in denen sie ausschließlich auf Kalaallisut spricht und protokolliert die Reaktionen der Menschen. Obwohl Kalaallisut seit 2009 zur alleinigen Amtssprache in Grönland erklärt wurde, herrscht immer noch das Dänische vor. Die Geschichte der dänischen Sprache in Grönland ist untrennbar mit der dänischen Kolonialpolitik, der Assimilation der indigenen Inuit-Bevölkerung und dem späteren Streben nach kultureller Unabhängigkeit verbunden.

Dänemark besetzt in internationalen Ranglisten regelmäßig die Spitzenpositionen in Bezug auf Lebensqualität, Zufriedenheit und Freundlichkeit. Was unausgesprochen bleibt ist die koloniale Vergangenheit und deren Auswirkungen auf die Menschen Grönlands. So wird die gewaltvolle Kolonialgeschichte verharmlost und Dänemark als „nice coloniser“ (nette:r Kolonialherr:in) beschrieben. Diese Tatsache wird von Hardenberg in ihrem Werk Unmask (2017) aufgenommen und humorvoll verdichtet. In der Werkreihe steht eine traditionelle Inuit Maske im Mittelpunkt des Plakats. Immer hat die Maske den Mund verbunden. Hardenberg versieht einzelne politische Begriffe wie „Demokratie“ oder „internal coloniser“ (verinnerlichter Kolonisator) mit handschriftlichen Kommentaren oder Aufrufen auf Kalaallisut wie zum Beispiel „Tamatta“ (alle gemeinsam) oder „Eqqartortigu“ (lasst uns darüber sprechen).

Im Werk Those who can‘t be silenced – Nipangersitassaanngitsut vernäht Julie Hardenberg schwarze Haare um die Umrisse des weißen Kreuzes der dänischen Flagge. In der postkolonialen Politik ist schwarzes Haar ein vehement umkämpftes körperliches Merkmal. Es spiegelt den Kampf gegen die historische Durchsetzung eurozentrischer Schönheitsideale wider: Ein Symbol, das mit Macht, Identität und Widerstand einhergeht.

In Meant to meet von 2024 steht die binäre Aufteilung zwischen Schwarz und Weiß im Zentrum von Hardenbergs Arbeit. Schwarzes Haar hebt sich von einem weißen Textil und umgekehrt blondes Haar von schwarzem ab. Die harten Unterteilungen in farbliche Bereiche symbolisiert politische Abgrenzungspolitiken.

Das Werk Whitewashed – heritage von 2021 besteht aus zwei Bürsten, eine mit schwarzen und eine mit blonden Haaren. Sie liegen nebeneinander. Die Bürsten enthalten jeweils eine Strähne der anderen Haarfarbe: schwarz für das Haar von Inuit, blond für das der Dän:innen. Bürsten sind Alltagsgegenstände zur Reinigung. Die kulturelle Praxis des Whitewashings entspringt einem westlichen Weltbild und drängt nicht-weiße Menschen dazu sich anzupassen und ihre körperlichen Merkmale zu „bereinigen“. Mit dem Wort Heritage trägt Hardenberg wiederum der Tatsache Rechnung, dass Menschen sich über die Zeit kulturell anpassen und Merkmale anderer Kulturen annehmen. Scharfe Trennungen und Kategorien sind keine natürliche Größe, sondern menschengemachte, ideologische Instanzen.

Neben ihrem künstlerischen Werk promoviert Julie Hardenberg an der Universität Kopenhagen und an der Königlichen Dänischen Akademie der Bildenden Künste und ist dort Forscherin. Neben ihren wissenschaftlichen Texten verfasst sie literarische Werke für Kinder, deren Fokus auf Erzählungen zur Stärkung kulturellen Bewusstseins liegt und in der Sprache Kalaallisut verfasst sind.

 

Julie Edel Hardenberg (*1971 Nuuk, GL), auch Paneeraq genannt, ist eine Inuk-Kalaaleq Künstlerin und Forscherin. Sie lebt und arbeitet zwischen Kopenhagen (DK) und Nuuk (GL) und bewegt sich in ihrer künstlerischen Praxis zwischen visueller Kunst, Multimedia und praxisbasierter Forschung. Sie ist Doktorandin an der Royal Danish Academy of Fine Arts wo sie auch ihren Master in Kunsttheorie und Kommunikation abschloss. Sie studierte außerdem Kunst in Finnland, Norwegen und England. Hardenberg hat fünf Bücher veröffentlicht; ihre Arbeiten wurden international ausgestellt sowie mehrfach ausgezeichnet und nominiert, unter anderem für den Nordic Council Literature Prize, den Carnegie Art Award und den Anna Norlander Preis. 2022 wurde ihr Beitrag zum Projekt Voices in the Shadows of Monuments vom Danish Arts Council ausgezeichnet. Ihre Werke befinden sich in den Sammlungen der Carlsberg Fonden (DK), des World Museum (NL), des Statens Kunstfond (DK), von Christiansborg (DK), des Museet for Fotokunst (DK), des Dansk-Grønlandsk Kulturfond (DK), des Greenland National Museum (GL), der Nordic Investment Bank (FI) und des Musée de l’Élysée (CH).