Propaganda – Flooding the Zone with Shit – It’s About Money, Stupid!

14.11.2026 — 07.03.2027

Eröffnung: 13. November 2026, 18 Uhr

Joshua Citarella
Ganslmeier&Zibelnik
Ben Grosser
Playfool (Daniel Coppen and Saki Maruyama)

Oguz Sen

In Kooperation mit dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ Jena) und dem DFG-Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ der Goethe-Universität Frankfurt und der TU Darmstadt

Kuratiert vom Team des Frankfurter Kunstvereins

Propaganda in der Ära des „post-truth“ ist rasant, chaotisch und emotional. Vor allem aber ist sie messbar geworden. Das Verhalten der Nutzer:innen wird in Echtzeit getrackt. Klicks, Likes, Shares, Follower:innenzahlen, Kommentare und Verweildauer bestimmen, welche Bilder, Erzählungen und Gefühle mit Aufmerksamkeit belohnt werden.

Alles ist transparent: jede Suchanfrage, jeder Onlinekauf, jede Nachricht in den Sozialen Medien trägt zum Profiling Einzelner und ganzer Zielgruppen bei. Wer diese Daten besitzt, kann Trends setzen und über Microtargeting Inhalte gezielt verteilen.

Offline wie online tobt ein Kampf um die Köpfe. Ein Kulturkampf, in dem es um konträre Weltbilder geht. Es geht um Auffassungen davon, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird, wer wir glauben zu sein und sein zu wollen, und schlussendlich auch darum, wer über wen bestimmt. Aus den Internetforen ist dieser Kampf um die Deutungen bereits an den Wahlurnen angekommen. Und das weltweit.

Flooding the zone with shit and see what sticks lautet das Programm des autoritären Populismus, der einen neuen Typus politischer Kommunikation zum Maßstab macht. Die bewusste Flutung mit Provokationen, kontroversen Themen und haltlosen Spekulationen sabotiert faktenbasierten Austausch, Journalismus und beherrscht die öffentliche Agenda. Die gemeinsame gesellschaftliche Wirklichkeit zerfällt in immer kleinere Öffentlichkeiten und es gibt keine selbstverständlich geteilte Grundlage mehr, auf der überhaupt darüber gestritten wird. Gefühle, Wiederholung und Ablenkung gewinnen an Bedeutung. Angst und Ohnmachtserfahrungen lassen sich politisch bewirtschaften. Geld entscheidet mit darüber, wer Aufmerksamkeit und Deutungsmacht kaufen kann.

Wie begegnet uns also Propaganda heute konkret? Mit welchen Bildern, Strategien, Codes und Techniken wird um die Überzeugungen und Meinungen der Menschen gekämpft?  Wer bestimmt, welche Erzählungen sich durchsetzen? Ist die Flutung mit polarisierenden Inhalten und Bildern Teil einer gezielten Taktik? Welche Akteur:innen profitieren davon, sowohl politisch wie finanziell?

Wieder einmal geht der Frankfurter Kunstverein das Wagnis ein, sich Themen zuzuwenden, die Zündstoff für Auseinandersetzung und Diskussion bergen. Wir alle teilen ein Gefühl der Überforderung und Zukunftsfurcht, doch es ist nicht die Zeit für Rückzug und passive Sorge.

Propaganda – Flooding the Zone with Shit – It’s about Money, Stupid! bildet eine Momentaufnahme im Fluss rasanter Veränderungen. Wie schon so oft gibt das Team des Frankfurter Kunstvereins auch in dieser Ausstellung sowohl der Wissenschaft als auch der Kunst eine prominente Stimme.

Wir haben sieben international anerkannte Künstler:innen eingeladen, die seit Jahren intensiv zu Propaganda und Online-Subkulturen arbeiten. Sie alle tauchen tief in die chaotischen Bild- und Ideologiewelten ein.

Joshua Citarella gilt als einer der wichtigsten Chronisten der sogenannten „Extrem Online“-Kultur. Jahrelang hat er auf Instagram, TikTok oder 4chan untersucht, wie Jugendliche über Memes, Ironie und Algorithmen in radikale Nischen-Ideologien abgleiten. Das EU-Parlament lud ihn 2026 ein, dort seine Untersuchungen vorzustellen. Seit 2024 erweitert er seine künstlerische Praxis und hostet Doomscroll, einen international einflussreichen Kanal, in dem er Künstler:innen, Content Creator und Avantgard-Denker:innen der neuen Linken interviewt.

Ben Grosser macht die unsichtbare Architektur der Plattformen sichtbar. Er ist Künstler und Professor für New Media an der University of Illinois Urbana-Champaign. Grosser untersucht die metrische Logik sozialer Plattformen. Kunst ist sein Werkzeug, um unsichtbare Machtstrukturen aufzudecken, indem er Programmcodes, Interface-Design und Bestätigungs-Algorithmen analysiert, bis deren manipulative Kraft sichtbar wird. Er schafft Arbeiten, in denen die Sprache von Tech-Oligarchen so auf die Essenz reduziert wird, bis deren Vorstellungen von Technologie, Fortschritt und Gesellschaft enthüllt sind.

Das Künstler:innenduo Ganslmeier & Zibelnik taucht in die Tiefen hunderter TikTok-Accounts ein. Sie stellen die fließenden Übergänge zwischen Selbstfürsorge, radikaler Selbstoptimierung und schlussendlich den Einstieg in politische Radikalisierung heraus. Ihre multimedialen Installationen sind sinnlich und verstörend. In ihrer Arbeit Bereitschaft verfolgen sie, wie die nationalsozialistische Körperästhetik in zeitgenössischen sozialen Medien wieder auftaucht und in neuen Kontexten zirkuliert.

Das Künstler:innenduo Playfool (Daniel Coppen und Saki Maruyama) zeigt die filigrane interaktive Rauminstallation [OP]erator. Ihr Werk ist ein begehbares und funktionsfähiges „Bot-Netzwerk“. Es macht in Echtzeit erfahrbar, wie ein einziger Post durch automatisierte Verbreitung binnen weniger Minuten ganze Diskurse auf X (ehemals Twitter) beeinflusst und an sich reißen kann. Ihr Thema ist, wie digitale Anwendungen synthetisch authentische Crowds herstellen und so generierte Inhalte von Beteiligung am Diskurs nicht mehr zu unterscheiden sind.

Oguz Sen steht für eine anti-elitäre Haltung und für einen Begriff von Kunst als kollektiver Prozess. Seine bekanntesten Gemälde sind im öffentlichen Raum entstanden. Sie dienen als monumentale politische Statements: Das Porträt des ertrunkenen geflüchteten Jungen Alan Kurdi im Frankfurter Osthafen oder das 27 Meter lange Gedenk-Wandbild unter der Friedensbrücke für die Opfer des rassistischen Attentats in Hanau. Für die Ausstellung geht Sen auf die Architektur des Frankfurter Kunstvereins ein und schafft neue Skulpturen, die mit Monumentalität, emotionsgeladenen Bildern, öffentlicher Sichtbarkeit, affektreicher Ansprache und einer eindeutigen Haltung umgehen.

Wir haben das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ Jena) und das Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ der Goethe-Universität Frankfurt und der TU-Darmstadt eingeladen mit uns Inhalte für die Ausstellung zu erarbeiten. Entstanden sind beeindruckende Exponate: eine immersive VR-Installation über die Verbindungen zwischen Tech-Oligarchen, Politiker:innen und Parteispenden. Ein Glossar zu Begriffen, Codes und Symbolen der rechtsextremen Online-Szenen, sowie Hintergrundfilme über Propagandakampagnen im Netz. Wir danken Ann-Kathrin Benner, Maik Fielitz und Harald Sick vom IDZ Jena und der Journalistin Rina Wilkin.

Eine große chronologische Darstellung von Ereignissen am Anfang der Ausstellung entstand mit der Beratung der Wissenschaftler:innen Martin Renz, Luna Vega und Robert Thyssen des Graduiertenkollegs. Unser Team hat mit ihrer Unterstützung die 18 Meter lange Timeline von der Antike bis heute erstellt, die wesentliche Etappen und Wendepunkte der Geschichte der Propaganda, zentrale Veröffentlichungen, Medien und Technologien, die sie befeuern, sowie Whistleblower:innen, präsentiert.

Nach Grönland – Not for Sale widmet sich der Frankfurter Kunstverein mit der Ausstellung Propaganda – Flooding The Zone with Shit – It’s about Money, Stupid! dem nächsten Kapitel in einem Zyklus politischer Ausstellungen. Im Herbst 2027 wird der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn mit uns eine große Neuproduktion präsentieren, die unter dem Titel Paradox Parc die Mechanismen der Sehnsuchtsökonomie im Zeitalter der großen Einsamkeit untersucht.

 

Medienpartnerschaft mit

In Kooperation mit