Heiner Blum
Heiner Blum arbeitet als Künstler nicht nur im White Cube, sondern auch in urbanen, sozialen und kommunikativen Kontexten. Seine Arbeiten sind nicht nur dinghaft sondern in vielen Fällen flüchtig und situativ.
»Blum gelingt es immer wieder, Allianzen zu bilden, die temporäre oder dauerhafte Räume entstehen lassen, in denen Kunst ebenso erlebbar ist wie menschliche Gemeinschaft, Austausch und Lernprozesse. Heiner Blum hat sich seit einem Vierteljahrhundert zum Ziel gesetzt, die Kunst dorthin zu bringen, wo die Menschen sind«, heisst es in der Begründung der Jury für den Binding Kulturpreis 2025.
Zwischen 1997 und 2025 unterrichtete Heiner Blum an der Offenbacher Hochschule als Professor für »Experimentelle Raumkonzepte«.
In den Jahren 2000 bis 2003 entwickelte er unter der Ägide von William Forsythe den »Schmalclub« im Bockenheimer Depot, der eine stilprägende, kreative Mischung aus Performance, Happenings und Clubabenden bot und zum Blueprint für viele folgende Projekte wurde.
Im Jahr 2000 entstand aus seiner Initiative gemeinsam mit Sebastian Kahrs und Ata Macias an der Stadtgrenze zwischen Frankfurt und Offenbach der Club »Robert Johnson.«
Heiner Blum setzt sich nachhaltig für die kreative Nutzung von Leerständen ein. Aus seiner 2001 mit Jakob Sturm und Felix Ruhöfer gegründeten Initiative »Raumpool« entstanden Projekte wie »Basis Frankfurt«, »Diamantenbörse«, sowie weitere Atelierhäuser in Offenbach.
Im Jahr 2012 gründete er gemeinsam mit Steve Valk das »Institut für soziale Choreographie«.
2022 entwickelte er in Offenbach mit einer Projektgruppe das »UND International«, ein öffentliches Wohnzimmer für die internationalste Stadt der Republik.
Seit 2022 betreibt in wechselnden Konstellationen die Projektplattform »Diamant / Museum für Urbane Kultur«.
Im Kontext der Ausstellung Hidden History zeigt er zum ersten Mal überhaupt seine weitgehend unbekannten straßennahen Arbeiten von 1974 bis heute.
Pininfarina
Mobile Skulptur im Öffentlichen Raum
2022-2023
Dolce & Gabana, Dior, Comme des Garcons. Schauen wir auf die T-Shirts der Menschen in der Offenbacher Fussgängerzone wissen wir: Hier werden die grossen Namen des Designs geschätzt. Bei Automobilen glänzen Marken wie Audi, BMW und Mercedes Benz.
2002 und in den folgenden Jahren dominierte im Zweiradbereich das von der italienischen Designschmiede Pininfarina gestaltete Fahrrad mit dem neongrünen Y-Rahmen das Stadtbild. Das Rad war für 200 Bonuspunkte und einer Zuzahlung von 127 Euro an jeder Esso-Tankstelle zu haben, und alle stilbewussten Schüler:innen gängelten ihre Verwandtschaft so lange, sich den Tank voll zu machen, bis sie im Besitz dieses Must Have Fortbewegungsmittels waren. Mit der seitlich aufgeknöpften Adidashose eroberte sich so eine ganze Generation die mobile Vorherrschaft in der urbanen Zone. Das Pininfarina wurde zum meistgefahrenen Fahrrad seiner Zeit.
Am 4.11.2022 öffnete das Diamant / Museum für Urbane Kultur in der Offenbacher Fußgängerzone seine Pforten und bis zur Schliessung des Hauses am 16.7.2023 präsentierte Heiner Blum als Repräsentanz des Museums in der Stadt ein Exemplar des Pininfarina Fahrrads jeden Tag an einer anderen sorgfältig ausgewählten Stelle im Stadtraum.
An 255 unterschiedlichen Orten kam das Rad als öffentliche Skulptur zum Stehen und verkörperte im Zusammenspiel mit urbanen Übergangsszenarien einen Moment der Schönheit im Wechselspiel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Wolken
Heiner Blum, Bernd K
Aktionen im Öffentlichen Raum
1974
Einen großen Teil seiner Jugend verbrachte Heiner Blum mit seinen Freunden draußen, auf der Straße, im Stadtraum, wo auch eine frühe Gemeinschaftsarbeit mit seinem Schulfreund Bernd K entstand.
Die Beiden hatten zu Hause jeder ein eigenes Chemielabor und bauten Rauchbomben auf Basis von Schwarzpulver, UnkrautEx, Milchzucker, zerkleinerten Tischtennisbällen und Weihrauch. Bernd K war Messdiener.
Gezündet wurden die Rauchbomben auf der Straße, in der Schule und bevorzugt an verschiedenen Orten in der B-Ebene unter der Frankfurter Hauptwache: an den Rolltreppen, auf dem Bahnsteig oder im Eingangsbereich der Lebensmittelabteilung des Frankfurter Kaufhofs.
Die Wolken hatten in ihrer schnellen Ausdehnung eine beeindruckende, visuelle Präsenz und waren mit ihrem Weihrauch-Geruch auch olfaktorisch interessant.
Der Eindruck, den die Aktionen auf Passanten und Ordnungskräfte machten, war außerordentlich.
(Text von Ramona Heinlein)
Metro
Subterrane Typographie
2022
In den Frankfurter U- und S-Bahn-Stationen bieten an den Decken platzierte weisse, beleuchtete Plexiglaselemente den Reisenden mit typografischen und symbolhaften Hinweisen Wegweisung und Orientierung. Auf Grund der Blickachsen und Verkehrsströme sind die Leuchtkästen meist nur einseitig beschriftet und auf der Rückseite leer.
2002 entwickelte Heiner Blum die Idee, die leeren Flächen zu nutzen und mit Sätzen zur geistigen Orientierung zu ergänzen. An vier prototypischen Situationen an den Stationen Hauptwache und Konstablerwache platzierte er Sätze aus dem Kontext der Situationistischen Internationale, einer von ihm sehr geschätzten, im Frankreich der 1960er Jahre entstandenen Kulturbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte Kunst und Alltag zu verbinden.
Von der Idee des Projekts überzeugt, nahm er Kontakt zur Deutschen Bundesbahn auf, um es großflächig weiter fortsetzen zu können. Die Verantwortlichen der Bahn waren wenig überzeugt von diesem Vorhaben, entwickelten aber im Laufe des Gesprächs die Idee, wie lukrativ es wäre, die Rückseiten in Zukunft mit Werbung zu bespielen.
Es blieb bei den vier Prototypen und der Erkenntnis, solche Aktionen in Zukunft besser einfach durchzuführen, als durch Genehmigungsverfahren zu gefährden.
Labelstore
Heiner Blum, Leonard Kahlcke
Sportmode
1997-2005
Labelstore ist ein Projekt zweier deutscher Fashion-Designer aus dem Umfeld der Antwerpener Modeschule. Der Labelstore untersucht als Forschungseinheit Mode im Kontext von Mainstream und Globalisierung. Die Produkte verstehen sich als Kommentar zum Massenkonsum von Kleidung und Marken. Die Kleidungstücke des Stores werden undercover als Unikate ohne Profit zum Selbstkostenpreis weitergeben.
Bekannt wurde das Projekt durch eine Aktion im Winter 1997, als die Designer in einem leer stehenden Laden in der Innenstadt von Antwerpen temporär den ersten Labelstore eröffneten. Die Kunden konnten Blanko-Kleidung von der Stange erwerben, die dann an der Kasse durch die Wahl eines Marken-Logos gebrandet wurde.
Labelstore war ein Projekt von Heiner Blum und Leonhard Kahlcke.
Fotos: Nadine Fraczkowski
Modelle: Anne Imhof, Christiane, Eva, Germaine, Hannibal Tarkan Daldaban, Michi, Wolle und Zoe
Taut
Kristalle im öffentlichen Raum
2005-2017
Seit 2005 tauchten im Stadtraum von Frankfurt am Main und Umgebung immer wieder Kristalle im öffentlichen Raum auf.
Die Kristalle wurden vom Heiner Blum und seiner Familie über mehrere Jahre ausgesetzt und dem Stadtraum übergeben.
An den Bruchstellen urbaner Tektonik kollidierten so unterschiedliche Chronographien. An offenen Schnittstellen verschiedener Zeiten, materialisierten sich Jahrtausende alte kristalline Strukturen.
Die Aktionen sind eine Hommage an den Architekten Bruno Taut, der in den Kriegs-Jahren 1917/18 die Vision entwickelte, alpine Landschaften durch kristalline, architektonische Strukturen zu ergänzen.
Flying Glass
Angst und Dekoration
2005–2026
Um sich bei Bombenangriffen vor fliegenden Glassplittern zu schützen, bekleben Menschen seit langer Zeit ihre Fensterscheiben systematisch oder chaotisch mit Klebeband.
In einer Mischung aus Schutz und Dekoration entstanden so, vor allem in Frankreich und England während der beiden Weltkriege, geometrische Arrangements aus braunem Paket-Klebeband.
Bis in unsere Zeit finden sich solche Beklebungen in Vorausahnung einer möglichen Katastrophe, von Hurricane Szenarien in Nordamerika bis hin zu aktuellen Konflikten.
Für die Ausstellung Hidden History im Frankfurter Kunstverein sicherte Heiner Blum eine Reihe von Fenstern, die einen Blick auf die erst vor kurzem wiederaufgebauten Frankfurter »Altstadt« ermöglichen.
Stadtschlüssel
Edition
2022-2023
Öffentliche und private Räume sind in der Regel durch Türen und Schlösser getrennt. Gleichzeitig finden sich in der urbanen Zone zahlreiche Zugangs- und Zugriff-Beschränkungen, die nur durch nicht personifizierte Universal-Schlüssel zu überwinden sind.
Vom einfachen Vierkantschlüssel bis hin zu spezifischen Öffnungsgeräten für bestimmte Berufsgruppen finden sich hier zahlreiche Varianten.
Bürger:innen und Passant:innen werden so von der Nutzung ausgewählter Räume und Möglichkeiten ausgeschlossen.
Um hier eine Brücke zu bauen, produzierte Heiner Blum 2022 für den Museumshop des Diamant / Museum für Urbane Kultur in der Offenbacher Fussgängerzone zwei Universalschlüssel mit angehängtem Diamant-Logo. Die Edition war in einer einfachen, günstigen Volksversion, aber auch einer weitaus variantenreicheren, luxoriösen Profi-Ausführung zu haben.
Der Besitz dieser »Stadtschlüssel« ermöglicht den Nutzer:innen eine erhöhte Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum.
Diamanten
Urban Mining
2022-2023
Im ehemaligen Stadthaus einer Juweliersfamilie in der Offenbacher Fussgängerzone öffnete im November 2022 das Diamant / Museum für Urbane Kultur seine Pforten.
Die Liegenschaft bestand im Erdgeschoss aus dem ehemaligen Juweliergeschäft, darüber liegenden Präsentations- und Serviceräumen, sowie zwei Einliergerwohnungen für die Juweliersfamilie. Ein Leuchtkasten in Form eines Diamanten wurde zum Namensgeber und zur Bildmarke des Projekts.
Die Vergangenheit des Gebäudes, die wunderbaren Schmuckvitrinen, sowie offen stehende Tresore inspirierten die Besucher:innen, heimlich auf Schatzsuche zu gehen, in der Annahme die Juweliere hätten in einer verborgenen Ecke oder unter eine Fussleiste womöglich noch den einen oder anderen Diamanten liegen gelassen.
Um den Schatzsuchenden ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen, legte Heiner Blum unangekündigt zunächst im Gebäude und später auch in der näheren Umgebung zahllose Diamanten in unterschiedlicher Größe aus.
Den Erwachsenden ermöglichten das Finden der Diamanten einen Moment klammheimlicher Freude, die Edelsteine wurden möglichst diskret eingesteckt. Kinder wurden, oft in kleinen Gruppen, zu systematischen Schatzsuchern und zeigten offen mit großem Stolz ihre Funde.
Bitte
Aufforderung zur Mitarbeit
2023 –
Als Jugendlicher war Heiner Blum fasziniert von den zahllosen Schildern im öffentlichen Raum, die den Menschen Halt und Orientierung geben sollten. Mit einem Schraubenzieher als ständigem Begleiter wechselten zahlreiche dieser Schilder den Ort und fanden sich an den Wänden des Jugendzimmers Heiner Blums wieder.
Die Gebots- und Verbots-Schilder propagierten Botschaften von »Während des Aufenthalts auf dem Bahnhof ist die Nutzung der Toilette untersagt« bis hin zum diskreten Hinweis »Während der Beichte darf niemand im Gang stehen«. Von besonderer Faszination war das Schild »Bitte verlassen Sie diesen Ort, wie Sie ihn vorzufinden wünschen.«, das in verschiedenen Varianten und Sprachen verfügbar war. Es sollte zu einer Art Lebensmotto werden und sich in einer späteren Arbeit materialisieren.
Als im Sommer 2023 das von Heiner Blum, Jan Lotter und einem Projektteam gegründete Diamant / Museum für Urbane Kultur in der Offenbacher seine Pforten schloss, entstand die Idee, das Museumsprojekt auf die ganze Stadt hin auszuweiten und die Stadt zum Atelier zu machen.
Um das Potential möglicher Orte aufzuzeigen produzierte Blum zahlreiche Schilder mit unterschiedlichen Reflex-Hintergründen mit der Aufschrift »Bitte verlassen Sie diesen Ort, wie Sie ihn vorzufinden wünschen.«
Bis heute sind diese Schilder über die Stadt verteilt, inspirieren Passant:innen und markieren Möglichkeitsräume.
Hasenpfad
Fernsehgerät mit eingebautem Spiegel, ausgesetzt im Frankfurter Hasenpfad
1976
Zu Schulzeiten hatte Heiner Blum von seinem Vater einen defekten (!) Fernsehapparat zum Geburtstag geschenkt bekommen, um sich mit der Technik des Geräts auseinanderzusetzen. Nachdem er den Fernseher ausgehöhlt hatte, ersetzte er die Mattscheibe durch einen Spiegel.
Auf seinem Schulweg durch ein Frankfurter Neubaugebiet am Sachsenhäuser Berg waren ihm abendlich die flimmernden Fernseher hinter den Fensterscheiben aufgefallen, und er beschloss, seinen Fernseher genau dort hin zu bringen.
Das »manipulierte« Objekt positionierte er draußen, an verschiedenen Orten am Mittleren und am Großen Hasenpfad und dokumentierte das »Aussetzen« des Gegenstands mit der Kamera.
In der Bildserie wurde auch die Begegnung einer Kinderbande mit dem Objekt festgehalten, die mit dem Fernsehgerät voll Neugierde interagiert. Im Hintergrund des Spiegelbildes ist die Kamera Heiner Blums zu erkennen, der sich so selbst mit ins Bild setzt.
Neben den formalen Experimenten, die die spiegelnde Oberfläche des Fernsehers ermöglichte, ist es die Ergänzung des öffentlichen Raums, die den Künstler hier motivierte und begeisterte – lange bevor Straßenkunst und Graffiti in Deutschland populär wurden.
(Text von Ramona Heinlein)