Jonas Brinker

In seiner für den Frankfurter Kunstverein neu entwickelten Arbeit verfolgt Jonas Brinker einen domestizierten Wolf, der in einem niedersächsischen Privathaus wohnt. Gemeinsam mit weiteren Wölfen wird er für FiImarbeiten trainiert, auf einfache Befehle zu reagieren, still zu stehen und zu posieren. Jonas Brinker beobachtet das Verhalten der domestizierten Lebewesen in diesem künstlichen Setting und zeichnet auf, wie sich das Natürliche und das Inszenierte gegenseitig bedingen.

Ausgangspunkt des Werks ist somit ein Lebewesen, das seit jeher und in allen Kulturkreisen als Symbolträger in den Projektionen der Menschen in einer großen Ambivalenz auftaucht. Wie kein anderes Tier wurde es zur Projektionsfläche von Ängsten, zum Symbol des Unzähmbaren und Wilden. Der Wolf taucht in unzähligen antiken Mythologien auf, zum Beispiel als Tiergottheit um den ägyptischen Gott Osiris, den griechischen Apoll oder römischen Mars, in China als Wächter des Himmelspalastes und in Indien als Begleiter schrecklicher Gottheiten. Der Gründungsmythos Roms stellt die mütterliche Seite der Romulus und Remus säugenden und somit rettenden Wölfin heraus. Indianische Völker sahen den Wolf als Bruder des Menschen. Im sogenannten Dritten Reich wird der Wolf zum Symboltier der Kraft und Aggression. In der neueren Literatur verliert der Wolf die rein negative Zuschreibung und wird Sinnbild für eine menschliche innere Wolfsseite, so zum Beispiel bei Hesses Steppenwolf. In der analytischen Psychologie C.G.Jungs taucht die Wolfsfrau als Symbol der Kraft weiblichen Urinstinkts auf.

Insbesondere in den vergangenen Jahren wurde die Rückkehr des Tieres in deutschen Wäldern mit Angstszenarien verbunden, die immer wieder bestimmte Metaphern und Topoi aufrufen. Der Wolf steht für viele als Sinnbild für eine bedrohliche, wilde, jedoch auch kluge und freie Kreatur. Diese Stereotypen werden dem Tier vor allem durch eine bestimmte Bildsprache auferlegt, die den Wolf in Dokumentationen oder Spielfilmen als eben diese Metapher rahmen.

Die Videoarbeit von Jonas Brinker baut auf diese Konnotationen auf und zeigt selbst den Moment, in dem das Tier zum Bild wird. Vor einem Greenscreen dreht der Wolf seine Runden und stellt sich immer wieder auf einen künstlichen Stein auf, um in die Ferne zu blicken. Das Tier wurde dressiert, sich in konditionierten Bewegungsabläufen nach dem Befehl des Menschen zu verhalten. Doch Blick und Körperhaltung des Tieres lassen die kontroverse Spannung durchscheinen, die man im Inneren des Wesens erahnen kann.

Die Landschaft aus Greenscreen und künstlichem Stein, in der es nun lebt, ist eine Fabrik für Bilder, die die immer wieder gleichen Metaphern produzieren. Der Film von Jonas Brinker zeichnet den Moment vor dem kulturellen Produkt auf und versucht, die tatsächliche Existenz des Wolfs zu umkreisen. Die Kamera wirft einen Blick auf das Tier und zeichnet auf, wie dieser Blick erwidert wird.

(Text: Franziska Nori, Dennis Brzek)