Neue Materialien

Magna Glaskeramik

Stormy Grey Bodenplatten, 2017
24 Glasplatten aus recyceltem Glasbruch und Überschuss beschichteter Solarpaneele
Jeweils 135 x 60 x 2 cm

Samples
6 Glasfliesen aus recyceltem Glasbruch und Überschuss beschichteter Solarpaneele

Courtesy Magna Glaskeramik

BlueBlocks: Seawood
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Faserplatten aus braunem Seetang
Courtesy BlueBlocks

RikMakes: Compostboard
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Bretter aus agrarwirtschaftlichen Abfällen
Courtesy RikMakes

Shards – Fliesen aus Bauschutt
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Fliesen aus Bauschutt
Courtesy Shards – Fliesen aus Bauschutt

Smile Plastics  
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Paneele aus recycelten Kunststoffabfällen
Courtesy Smile Plastics

Spared
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Recycelte Muscheln aus der Fischereiindustrie

StoneCycling
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Ziegelsteine aus Bauschutt
Courtesy StoneCycling

UpBoards
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Platten aus recycelten Kunststoffabfällen

Das 21. Jahrhundert steht vor einem radikalen Paradigmenwechsel dafür, wie viele Materialien unter welchen Produktionsbedingungen hergestellt werden und zum Einsatz kommen. Das lineare Konzept von „Produzieren, verwenden, wegwerfen“ hat sich angesichts knapper Ressourcen und eines exponentiell wachsenden Abfallaufkommens sowie einer rapide steigenden Weltbevölkerung als nicht tragbar für die zukünftige Bewohnbarkeit des Planeten erwiesen. Um den Abbau natürlicher Rohstoffe zu minimieren, müssen Kreisläufe aus Produktion, Nutzung und Wiederverwendung entwickelt werden, die neben einem geringeren Verbrauch von Ressourcen eine Transformation des Wirtschaftens ermöglichen.

Knowing, Acting, Caring als Haltung eines veränderten Handelns hat unterschiedliche Stufen der Produktion und eine Bandbreite von Materialien hervorgebracht, die nicht mehr nur als spekulative Forschungsprojekte, sondern zur realen Anwendung zur Verfügung stehen.

Die hier präsentierte Auswahl junger Unternehmen steht stellvertretend für eine neue Generation von Firmen, die ihr wirtschaftliches Modell im Zeichen der Transformation entwickelt haben. Magna Glaskeramik, Blue Blocks Seawood, Compost Board, Shards-Fliesen aus Bauschutt, Smile Plastics, Spared, Stone Cycling, UpBoards und Mogu stehen für innovatives Wirtschaften im Bereich der New Materials. Recycling, Urban Mining, der Einsatz natürlich nachwachsender und abbaubarer Rohstoffe bilden das Zentrum ihrer Produktpaletten.

Die erste Stufe für veränderten Wertstoffverbrauch besteht im Ansatz des Recyclings bereits bestehender Stoffe. Hier geht es darum, bereits vorhandene, oft ölbasierte Materialien wieder zu verwerten, anstatt sie zu entsorgen. Dies reduziert nicht nur den Energieverbrauch bei Neuproduktionen, sondern verringert auch die Menge der Abfälle, die weltweit auf den Deponien landen. Recycling trägt dazu bei, unsere begrenzten natürlichen Ressourcen zu schonen und die Umweltbelastung zu minimieren. Voraussetzung für das Recycling ist die Trennung in einzelne Stoffe. Weil viele Produkte als Verbund zahlreicher Einzelstoffe designt werden, deren Trennung schwierig ist, landen wertvolle Materialien als Ganzes auf den Deponien. Verändertes Design, neue Produktionsverfahren und effizientere Trennung in einzelne Stoffe sind daher die neuen Herausforderungen.

Städte und die gebaute Umwelt befinden sich im ständigen Wandel. Was bleibt, sind Tonnen von Trümmern aus Beton, Ziegeln und diversen anderen Baumaterialien. Die Reste werden als Bauschutt auf Müllhalden entsorgt. Immer mehr wird jedoch verstanden, dass dieser Abbruch auch recycelbare Stoffe liefern kann. Als Urban Mining werden eine neue Wirtschaft und ein Prozess genannt, der Rohstoff nicht aus der Natur, sondern aus bereits verursachtem Abbruch extrahiert und die Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe aus städtischen Abfällen und Altprodukten betreibt. Dabei werden Techniken wie Recycling, Wiederverwendung und Aufbereitung eingesetzt, um Metalle, Kunststoffe, Elektronik und andere Ressourcen aus Haushalten, Gewerbegebieten und Industrieabfällen zurückzugewinnen. Urban Mining trägt dazu bei, die Abhängigkeit von primären Rohstoffquellen zu reduzieren, und fördert eine nachhaltigere Nutzung von Ressourcen in urbanen Umgebungen.

Shards ist ein junges Unternehmen aus Kassel, das sich auf die nachhaltige Verwertung von Abfällen aus der Bauindustrie spezialisiert hat, indem es Fliesen aus Bauschutt herstellt. Die Fliesen verzichten vollständig auf Primärrohstoffe, geben mineralischen Abfallstoffen, die normalerweise auf Deponien landen würden, ein zweites Leben und etablieren gleichzeitig ein zirkuläres System. Bei einer Beschädigung können sie, ohne zu Abfall zu werden, zu neuen Fliesen recycelt werden. Die Palette von Farben und Oberflächenstrukturen wird ohne Farbstoffe produziert und reicht von Weiß, Creme, Braun, Grau, Schwarz bis zu Grün- und Blautönen. Sie können glänzend, griffig oder rau sein. Bei der Herstellung der Shards-Fliesen setzt das Unternehmen auf erneuerbare Energiequellen und verzichtet vollständig auf fossile Brennstoffe. Aufgrund seiner Nachhaltigkeit wurde das Unternehmen 2018 mit dem Bundespreis Ecodesign und 2021 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design ausgezeichnet.

StoneCycling ist ein niederländisches Unternehmen mit Sitz in Amsterdam, das ebenfalls das Ziel verfolgt, den Einsatz von Primärrohstoffen in der Baubranche zu reduzieren. Bereits im Studium hatte der Industrial-Designer Tom van Soest einen Mixer entworfen, der Abbruchabfälle wie Fensterglas, Ziegel und Beton pulverisiert. Dieses Verfahren brachte er später in einem größeren Maßstab mit der Gründung von StoneCycling zu unternehmerischer Reife. Das resultierende Pulver wird gemischt und gebrannt. Recyceltes Glas dient als Bindemittel. Das Material, das aus dem Ofen kommt, hat steinähnliche Eigenschaften. Das Unternehmen StoneCycling produziert heute Ziegel oder Fliesen für nachhaltige Bauprojekte. In der Ausstellung Bending the Curve werden Produkte aus der Serie WasteBasedBricks vorgestellt. Die Backsteine werden zu zwischen 60 % und 100 % aus Abfallmaterialien hergestellt und tragen zur Abfallreduzierung bei, indem sie zwischen 91 kg und 150 kg Abfall pro Quadratmeter aufwerten. Die Produktion ist CO₂-kompensiert und entspricht den Branchenstandards. WasteBasedBricks eignen sich sowohl für den Innen- als auch den Außenbereich und können in individuellen Formen und Größen geliefert werden.

Die Firma Magna Glaskeramik mit Sitz in Teutschenthal produziert Designprodukte mit Glasabfällen. Für die Ausstellung Bending the Curve präsentiert die Firma eine Installation mit Bodenplatten in der Farbe Stormy Grey. Aus 100 % recyceltem Brauchglas stellt Magna Glaskeramik-Platten her, die aus farblich getrennten und geschmolzenen Scherben bestehen. Die Farbpalette umfasst Grau, das aus dem Glas beschichteter Solarpaneele hergestellt wird, Blau aus blauen Mineralwasserflaschen, Grün aus Bierflaschen, Schwarz aus Fehlproduktionen von grauem Flachglas und Weiß aus Abfallglas von Schutzgläsern für Solarzellen. Bei der Herstellung von Flach-, Solar-, Farb- oder Flaschenglas fallen Ausschüsse, Fehlproduktionen und Übermengen von ca. 5 % der gesamten Glasproduktion an. Diese Industrieabfälle stellen die Rohstoffquelle für die Produktion von Magna Glaskeramik dar: Sie werden kontrolliert in Scherben gebrochen und durchlaufen ohne Zusatz von Bindemitteln und ohne Druck, nur mithilfe von Temperatur und Zeit, einen aufwendigen Kompaktierungsprozess, Sinterungsprozess genannt. Anschließend werden die gesinterten Platten in Kühlhauben abgekühlt. In der Endverarbeitung werden die Rohplatten kalibriert, auf Wunsch poliert und auf Endmaß geschnitten. Der Energiebedarf im Produktionsprozess wird aus eigenen Solaranlagen generiert und das Wasser für den Herstellungsprozess wiederaufbereitet und mehrfach verwendet.

Die Unternehmen Smile Plastics, Spared und UpBoards präsentieren in Bending the Curve Materialproben aus ihren Produktpaletten, die zu 100 % aus recyceltem Plastikgranulat herstellt wurden. Plastikabfälle lassen sich zu allen möglichen Formen pressen. Die so entstandenen neuen Materialien haben jeweils eigene Qualitäten und ein verschieden designtes Aussehen. Sie sind für eine breite Palette von Anwendungen konzipiert, die an den Bedarf angepasst werden können. Zusätzlich präsentiert das Unternehmen Spared auch eine Probe des Verbundmaterials Molelk, das aus recycelten Muscheln aus der Fischereiindustrie entsteht. 6 bis 8 Millionen Tonnen Muschelabfälle fallen jedes Jahr in der Lebensmittelindustrie an. Der größte Teil davon landet auf der Mülldeponie.

Für das Recycling von Plastik setzen sich nicht nur junge Unternehmen aus der Designbranche ein. Dafür engagieren sich auch weltweite Bürger:innenbewegungen, wie zum Beispiel die Initiative „Precious Plastic“. Diese wurde 2012 von Dave Hakkens in den Niederlanden gegründet. Die Idee basiert auf von Hakkens selbstgebautem Werkzeug für das Recycling von Plastik: einem Schredder, einer Spritzgussmaschine und einer Formpresse. Später stellte Hakkens die Baupläne für die „Recycling-Infrastruktur“ unter dem Creative-Commons-Siegel für jeden verfügbar ins Internet, was bewirkte, dass sich weltweit ca. vierhundert von Bürger:innen gegründete Werkstätten der Bewegung anschlossen.

Diese zweite Stufe veränderter Produktion konzentriert sich auf die Entwicklung und Verwendung neuer Materialien, die organisch und abbaubar sind. Die Materialien sind eine Alternative zu herkömmlichen, nicht abbaubaren Kunststoffen und Chemikalien. Sie sind umweltfreundlicher und bauen sich nach ihrer Verwendung schneller ab, indem sie möglichst wenige oder gar keine schädlichen Rückstände hinterlassen. Solche Materialien sind besonders wichtig, um die Verschmutzung der Ozeane und Böden zu reduzieren.

Das Holz-ähnliche Produkt CompostBoard basiert auf dem Prinzip Zero Waste. Das Material besteht aus landwirtschaftlichen Abfällen und ist zu 100 % biobasiert, erneuerbar und vollständig kompostierbar. Die Fasern für CompostBoard stammen aus den Niederlanden (Flachs) und Belgien (Hanf), die Verarbeitung erfolgt auf herkömmlichen Holzbearbeitungsmaschinen mit Verfahren wie Fräsen, Sägen und Mahlen. Das Material fördert eine Kreislaufwirtschaft, da es nach Gebrauch zu fruchtbarem Boden für den Anbau von Nutzpflanzen verwandelt werden kann. Der verwendete Klebstoff ist umweltschonend hergestellt und ungiftig, da er keine ölbasierten Stoffe verwendet. Er ist nicht flüchtig sowie umweltschonend hergestellt. Das damit kompaktierte Material bleibt intakt, solange es trocken gehalten wird, und bietet den Benutzer:innen vorteilhafte Eigenschaften wie Atmungsaktivität und ein neutrales Raumklima. Es bindet Wasserdampf, wenn die Luft feucht ist, und gibt ihn in trockenen Zeiten wieder ab. CompostBoard beginnt zu zerfallen, wenn es mehrere Tage lang Regen ausgesetzt ist. Nach sieben bis 14 Tagen in Kontakt mit Wasser zerfällt das Material und kann von Würmen und Insekten zersetzt werden.

SeaWood ist das Resultat einer Kooperation zwischen The Seaweed Company, North Sea Farmers, BlueCity und Circular Factory. Sie produzieren Faserplatten, die aus braunem Seetang hergestellt werden. SeaWood ist ein zu 100 % natürliches, kompostierbares und chemikalienfreies Plattenmaterial, das als Baumaterial für Produkte im Bereich der Inneneinrichtung und als akustische Wandpaneele verwendet werden kann.

Die dritte Stufe transformativen Wirtschaftens wird aktuell unter dem Begriff der Regeneration diskutiert. Der Begriff wurde von Paul Hawkens geprägt und sieht eine Umstellung in allen Bereichen der Herstellung, der Gewinnung, des Verbrauchs und der Wiederverwendung von Dingen vor, die Menschen zum Leben brauchen. Die zentrale Forderung ist, dass der Mensch einen weiter belebbaren Planeten hinterlässt und Ökosysteme, Klima und Biodiversität versteht und respektiert. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn ein radikaler kultureller Wandel stattfindet und damit einhergehend neue Methoden und Materialien in möglichst allen Bereichen menschlichen Lebens zum Einsatz kommen.