Edgar Honetschläger

GoBugsGo, 2018
Videoanimation, 1:29 min
C-Prints, diverse Formate
Courtesy the artist

Edgar Honetschläger ist Künstler und Filmemacher. In seiner künstlerischen Praxis konzentriert er sich auf die Frage nach kulturellen Gegebenheiten und dem Verhältnis des Menschen zur Natur. Geprägt durch persönliche Erfahrungen richtete sich sein Fokus immer mehr auf die nicht mehr zu übersehenden Auswirkungen des Klimawandels und das Artensterben. Mehrere Jahre lebte und arbeitete er in Tokyo, wo er 2011 die Nuklearkatastrophe von Fukushima und deren dramatische Auswirkung auf seine Freunde und die Natur miterlebte. Honetschläger entschied sich dazu, seine Stimme nicht ausschließlich als Künstler, sondern auch als Aktivist zu erheben und nicht mehr nur im symbolischen Raum der künstlerischen Produktion zu agieren. Mit der Schaffung eines gemeinnützigen Vereins engagiert er sich seit 2018 dafür, weltweit Mitstreiter zu finden. Vor dem Hintergrund der drastischen Entwicklung, dass in den vergangenen zwanzig Jahren die Anzahl und Vielfalt der Insekten global dramatisch zurückgegangen ist, agiert Honetschläger mit dem Anliegen Lebensraum zurückzugewinnen und diesen durch Schenkung oder Kauf dauerhaft für die Aktion GoBugsGo zu erwerben und ihn zu einem menschenfreien Raum umzuwandeln. Die übergeordnete Vision dieser Non-Profit Organisation ist die Rückgewinnung von Lebensraum für natürliche Prozesse, der so wenig wie möglich – oder keinem – menschlichen Einfluss unterliegt.

Dafür sucht Honetschläger bei den unterschiedlichen VertreterInnen des öffentlichen Lebens MitstreiterInnen; er geht zu Gemeinden, zu politischen VertreterInnen, erarbeitet mit Anwaltskanzleien Vertragsmodelle, die auf der Grundlage von unterschiedlichen internationalen Gesetzeslagen eine dauerhafte Sicherung von Grundstücken für nichtkommerzielle Nutzung und kollektiven Besitz sichern sollen.

Der Name GoBugsGo ist eine humorvolle Aufforderung, die sich an die Insekten richtet – sie werden somit zu Protagonisten und Agenten erklärt. Trotz der scheinbaren Leichtigkeit der Kampagne formuliert Honetschläger dezidiert politische und ethische Notwendigkeiten. Sie stellen ihn in die Tradition großer Naturschutzverbände, die ebenfalls den Landkauf als einzige effektive Schutzstrategie vor Ausbeutung verfolgen.

Der „Boden“ stellt die oberste Schicht dar, die unseren Planeten umgibt. Er besteht aus verschiedenen Schichten und die oberste ist nur 20-30 cm dick. Sie ist ein lebendiges System, welches durch die Wechselwirkungen von zahlreichen biotischen und abiotischen Faktoren über Millionen von Jahren gebildet wurde. In dieser obersten Schicht existieren Lebensgemeinschaften von Mikroorganismen, Tieren und Pflanzen, die gemeinsam Stoffkreisläufe schaffen, aus denen die fruchtbare Humusschicht entsteht. Der „Boden“ ist ein lebendiger und schützenswerter Körper, der als solcher im öffentlichen Diskurs noch nicht den notwendigen Raum einnimmt, den dieses fragile Ökosystem bedarf.

Der Verein GoBugsGo ist offen für jede Form der Partizipation und jede Art des Engagements. Über die finanzielle Zuwendung hinaus, können Tätigkeiten wie Pressearbeit, Programmierung, Administration und Mitgliederverwaltung von den TeilnehmerInnen basisdemokratisch übernommen werden. Die Idee einer internationalen Vernetzung beruht auf den Kompetenzen der Menschen in ihren jeweiligen Lebensräumen und Wirkungsfeldern. So ist es Honetschläger gelungen, GeologInnen, BiologInnen und ÖkologInnen einzubinden, die bei der Auswahl und Begutachtung der potenziellen Grundstücke ihre Expertise einbringen. Das seit einem Jahr aktive Projekt engagiert sich konkret bereits in Österreich und Italien, wo der Künstler ein starkes persönliches Netzwerk aufgebaut hat. Honetschläger steht mit seiner Arbeit für eine Erweiterung der künstlerischen Praxis und des Kunstbegriffs in den Kontext aktueller ökologischer Diskurse. Sein Projekt knüpft an Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts an, in denen Kunst als politisches Engagement eine Veränderung der Gesellschaft von innen heraus anstrebte. Im Unterschied dazu fokussiert Honetschläger sich jedoch nicht auf die Idee der sozialen Plastik, bei der Menschen durch kollektive Mitwirkung den sozialen Raum für zwischenmenschliches Handeln verändern wollen, sondern zielt mit GoBugsGo auf konkrete Areale, die dem Menschen entzogen werden sollen, damit dort Ökosysteme in neuer Form entstehen können. In einer Umkehrung der Abhängigkeiten sieht GoBugsGo den Menschen nicht als Gestalter, sondern als Nutznießer seiner Umgebung. Das Ausmaß des Bevölkerungswachstums, der Nutzung natürlicher Ressourcen und von anderen Mitlebewesen bis hin zur Verwendung von neuen technologischen Möglichkeiten haben zum Teil eine massive Zerstörung, Verschmutzung und Verdrängung von Lebensräumen und Arten nach sich gezogen – dieser Wandel wird dem Menschen letztendlich zur Bedrohung werden. Stimmen aus der Wissenschaft mahnen, dass sich die Artenvielfalt über die Jahre erhöhen würde, wenn der Mensch ausgestorben wäre; wenn die Insekten hingegen aussterben, würde innerhalb weniger Jahrzehnte der Niedergang der gesamten Tier- und Pflanzenwelt eintreten.

Weitere Informationen: gobugsgo.org

 

Edgar Honetschläger (*1967 in Linz, Österreich) ist ein österreichischer Filmemacher, Künstler und Umweltaktivist. Von 1985 bis 1989 studierte Honetschläger Wirtschaft und Kunstgeschichte an den Universitäten in Linz, Wien und Graz sowie am Art Institute in San Francisco. Seither hielt er zahlreiche Vorlesungen, unter anderem an der Gejutsu Daigaku University in Tokio, an der University of Yamaguchi und der Universität für angewandte Kunst in Wien. Honetschläger lebt momentan in Österreich und Italien.

2004 gründete Honetschläger das EDOKO Institute Film Production Wien und war mit Yukaki Kudo Gründungsmitglied der RIBO Ltd. Tokyo. 2018 baute er die NonProfit-Organisation GoBugsGo auf, die sich für den Erhalt des Lebensraums von Insekten einsetzt.

Edgar Honetschläger lebte unter anderem in New York, Tokio, Rom, Palermo, Brasília und San Paolo. Als Filmemacher sowie bildender Künstler wurde er zur Teilnahme an Ausstellungen in Europa, den USA und Japan eingeladen. Seine Werke wurden 1997 bei der von Catherine David kuratierten documenta X in Kassel sowie 2001 in der Kunsthalle Wien und 2016 im Museo d’Arte Contemporanea di Roma präsentiert.

 

Die Ausstellung zeigt zum ersten Mal in Deutschland „GoBugsGo“ und widmet Honetschläger einen Ausstellungsraum, in dem sein aktivistisches Projekt gemeinsam mit einer historischen Insektensammlung aus den Sammlungen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung präsentiert wird.

 

Sammlung präparierter Käfer in systematischer Aufstellung
um 1880
ex coll. Universität Heidelberg
Leihgabe: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

In den Vitrinen befanden sich 42 Insektenkästen. Sie sind Teil einer Sammlung, die ursprünglich in Heidelberg vor 1880 angelegt wurde und später in die Kollektion der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung übergegangen ist. Die Käfer stammen aus unterschiedlichen Regionen der Welt, sie wurden in systematische Reihenfolge sortiert und bilden einen Ausschnitt der Artenvielfalt ab. Die Vorgehensweise zur Schaffung solcher Sammlungen sah das Einfangen der Tiere, deren Tötung durch Ethylacetat und dann die geometrische Anordnung aufgespießt mit Insektennadeln in Reihen und Kästen vor. Eine Klassifizierung nach Formen und Varianten war das ordnende Prinzip. Dank solcher historischer Sammlungen kann es heute gelingen, den seit damals stattgefundenen Verlust an lokal ausgestorbenen Arten festzustellen. Sie stehen für die Faszination des Menschen für die Vielfalt der Formen und Farben von Lebewesen. Solche Sammlungen waren und sind weltweit gängige Praxis zur Überlieferung der Schönheit natürlicher Lebewesen und zur Dokumentation von Biodiversität.

Insekten bilden einen wichtigen Teil der Nahrungskette terrestrischer Ökosysteme. Sie sind die artenreichste Tiergruppe. Verhalten und Aussehen der unzähligen existierenden Arten haben sich im Laufe der Evolution an ganz spezielle Bedingungen angepasst. Manchmal sind sie der Schlüssel über den weitere Lebewesen existieren können und gleichzeitig hängen sie ihrerseits wieder von bestimmten Pflanzen und Klimaverhältnissen ab. Fehlen einzelne Arten, wirkt sich dies auf ganze Ketten anderer Lebewesen aus. In der Natur ist alles mit unsichtbaren Banden miteinander verknüpft und es gilt, diese Zusammenhänge zu verstehen. Die Komplexität mit der Kausalitäten und Abhängigkeiten zwischen den Lebewesen existieren, ist dem Menschen nicht immer bekannt und doch greifen wir in die Lebensräume ein. Es herrscht ein neues Bewusstsein über den Stellenwert der Insekten, allerdings meist unter dem Blickpunkt ihres (bio-)ökonomischen Nutzens für die menschliche Kultur. Dieser Ansatz spricht Mitlebewesen, tierischem sowie pflanzlichem Leben, eine Integrität ab und macht diese dem Menschen Untertan. Lebewesen wird kein Eigenwert zugeschrieben, es herrscht eine reduktionistische Sicht. Die Ansicht, dass nur Vernunft und Ökonomie unsere Kultur und Zivilisation bestimmen, muss erweitert werden. Die Emotionen über die Zerstörung und den unwiederbringlichen Verlust von „Natur“ darf uns nicht zur Kapitulation verleiten. Im Gegenteil: Es geht um eine Fähigkeit, uns als Teil einer komplexen und lebendigen Welt zu erkennen und um neue Ansätze menschlichen Handelns.