Sonja Bäumel

Sonja Bäumels (*1980) Werk setzt an einer Kritik des sogenannten human exceptionalism – der Sonderstellung des Menschen – an und stellt diese in Frage. Ihre Arbeit untersucht die wechselseitige Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und dessen Mikroorganismen, mit denen dieser koexistiert. Seit 2008 untersucht Bäumel in ihren Arbeiten die menschliche Haut als Schnittstelle zwischen dem Individuum und der Außenwelt. Sie arbeitet mit den Molekularbiologen Manuel Selg und dem Bacteriographen Erich Schopf zusammen und bedient sich diverser Labortechniken zur Schaffung lebendiger Exponate.

Bäumels Arbeit entsteht vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftlicher Diskurse, welche die Grundannahme, dass ein Organismus eine durch seine Haut von der Umwelt abgegrenzte Einheit ist, in Frage stellt. Die künstlerischen Forschungsprojekte befassen sich mit aktuellen biowissenschaftlichen Themen: dem menschlichen Mikrobiom, sowie dem damit zusammenhängenden Wandel von der Genomik zur Metagenomik und der verändernden Auffassung dessen, woraus der menschliche Körper besteht. Zahlreiche neue wissenschaftliche Beobachtungen deuten darauf hin, dass das Konstrukt, welches wir als biologisches Wesen betrachtet haben, eher als dynamischer und interaktiver Zusammenschluss einer Vielzahl von Lebewesen und Prozessen gedeutet werden muss.

Im Falle des Menschen wird geschätzt, dass 50% Prozent der Zellen die den menschlichen Körper konstituieren aus Mikroorganismen bestehen, sodass der Mensch der geringere Anteil von sich selbst wäre. Somit wird die Idee des Individuums als Einheit mit der eines Metaorganismus ersetzt.

Für die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein wurde mit der Künstlerin eine umfassende Werkschau konzipiert, in der mehrere ihrer Arbeiten präsentiert werden, die den menschlichen Körper ins Zentrum ihrer künstlerischen Forschung und Praxis stellt.

 

Crocheted Membrane, 2008-2009

Das Projekt „Crocheted Membrane“ zeichnet die Anfänge von Sonja Bäumels Recherche über Hautbakterien aus und ist Teil der Serie „(In)visible Membrane“. Im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes an der Wageningen University in den Niederlanden, in dem Sonja Bäumel in die Grundlagen der Mikrobiologie eingeführt wurde, experimentierte sie mit Hautbakterien und deren Reaktionen auf Textilien. Seitdem ist ihre künstlerische Praxis von der Kooperation mit unter anderem WissenschaftlerInnen geprägt.

„Crocheted Membrane“ übersetzt wissenschaftliche Daten mit den Mitteln manueller Praxis – der Häkelarbeit – ins Material des Wollfadens. Die sieben Objekte visualisieren durch ihre Dichte den Ort, an dem der Bedarf an Wärme am Körper bei 10° C Außentemperatur am höchsten ist. Was wäre wenn wir die Bakterien, die auf unserer Haut ohnedies leben, dazu nutzen könnten eine Schicht aufzubauen? Dieses Projekt visualisiert, wie sich die Form und Funktion eines Kleidungsstückes fundamental ändert, wenn man als Ausgangspunkt auf den individuellen Körper mit dessen Körperbedürfnissen (Temperatur) fokussiert. Somit schafft die Künstlerin eine Verbildlichung, die das Organ der Haut als Trennschicht des Organismus zwischen Innen und Außen darstellt. Die Netzstrukturen von Bäumel stellen eine Verdichtung dar, eine visuelle Metapher für die prekären Stellen des menschlichen Körpers.

 

Expanded Self, 2012/2019

Expanded Self II, 2015/2019

Die Idee des Körpers führt Bäumel ab 2012 zur Werkserie der „Expanded Self“. Hierbei bedient sie sich wissenschaftlicher Praktiken und lebendigen Materials. Sie arbeitet fortan mit Bakterien, die sie ihrem eigenen Körper entnimmt. „Expanded Self“ entsteht in mehrtägiger Arbeit und dank der Kooperation mit dem Bacteriographen Erich Schopf. Bäumel verwendet ihren eigenen Körper als Medium. Sie nimmt mit Labortechniken alles Leben auf ihrer Haut, das an einem bestimmten Tag dort angesiedelt ist, ab. Über eine zeitliche Dauer entwickeln sich die Mikroorganismen auf dem Nährsubstrat und es entsteht eine lebende Spur; eine Momentaufnahme der unsichtbaren Konstellation des symbiotischen Lebens des Körpers der Künstlerin. Die mikrobiologischen Organismen sind Teil lebenswichtiger Funktionen, dank derer zum Beispiel die Haut als Schutzschicht ihre Abwehrmechanismen entwickeln kann. Im abgedichteten Milieu und wie in einer Vitrine, wird die Beobachtung des Zellwachstums über die Dauer der Ausstellung möglich. Der Körper der Künstlerin hinterlässt seinen individuellen mikrobiologischen Abdruck, der sich als lebendes Bild entwickelt.

Dort wo unter formalen Aspekten Analogien zu den blauen Körperabdrucken, den Anthropometriens, von Yves Kleins oder dem historischen Exponat des Sudarium Christi entstehen, geht Bäumel mit ihrer Arbeit einer anderen Intention nach. Bäumels Kunst macht eine Realität sichtbar, von der wir zwar eine Vorstellung haben, dies aber im Alltag nicht wahrnehmen. Der Organismus nimmt ständig Materien und Mikroorganismen auf und gibt gleichzeitig eigene ab. Bäumel fokussiert sich auf die Hinterfragung des Körpers als geschlossene Einheit und unserem Verständnis davon. Vor der Folie wissenschaftlicher Kenntnisse des 21. Jahrhunderts forscht sie nach einem neuen, erweiterten Bild der Identität.

Mit „Expanded Self II“ führt Bäumel ihre Arbeit in die dreidimensionale Form über. Als Träger des lebendigen Exponats verwendet sie einen dreidimensionalen Abguss ihres Körpers. Um diese Arbeit im Frankfurter Kunstverein zu realisieren, wurde der Molekularbiologe Manuel Selg, zu einer Zusammenarbeit eingeladen. Das Material, mit dem auch diese Arbeit entsteht, ist die spezifische Hautflora der Künstlerin, in ihrer Zusammensetzung aus permanenten und temporären Mikroorganismen eines bestimmten Tages. In ihrer zeit- und ortsgebundenen Spezifizität werden sie auf einen Träger aufgebracht. In einem Prozess entsteht das Abbild, ein Portrait der Künstlerin aus der Materie der Person selber. Der humane Körper ist abwesend, seine symbiotische Spur zeichnet durch sein autonomes Leben ein neues Bild.

Was Bäumels Arbeit antreibt, ist die Frage nach dem Selbst. Die Haut ist ein von Mikroorganismen besiedeltes Organ, das nicht eine scharfe Abgrenzung zwischen Innen und Außen, sondern eine durchlässige Membran bildet, die den Körper umgibt und als Schnittstelle zwischen Körper und Außenwelt dient. Davon ausgehend schafft Bäumel eine zweite lebendige Schicht, die gleichzeitig eine Membran und eine Metapher für das symbiotische Ökosystem alles Lebenden wird.

In Bäumels Arbeit steht immer wieder die Frage im Vordergrund, was unseren eigenen Körper ausmacht. Sie schafft Bilder ihres Körpers, der als lebendiges Biotop, als Hybrid und als symbiontisches Ökosystem verstanden werden kann.

 

MICROBIAL ENTANGLEMENT*, 2019

in vitro breakout

mit Doris Uhlich und Andrius Mulokas

*Teil des Projekts “What would a microbe say?”(2017-2020), eine Zusammenarbeit von Sonja Bäumel & Helen Blackwell, (Professorin für Chemie an der University of Wisconsin-Madison, USA)

Im Ausstellungsraum finden die BesucherInnen die Spur der am Abend der Eröffnung realisierten Performance „Microbial Entanglement“. Hierbei handelt es sich um eine für den Frankfurter Kunstverein neu entwickelte Arbeit, die Sonja Bäumel in Zusammenarbeit mit der Choreographin und Performance Künstlerin Doris Uhlich und dem Performance Künstler und Tänzer Andrius Mulokas entwickelt hat. In der Performance liegen drei entkleidete PerormerInnen in einer gefertigten Petrischale. Sie brechen aus und bewegen sich frei im Ausstellungsraum, in dem Materialien wie kinetischer Sand und Methylcellulose verteilt sind, mit denen sich die Körper kontaminieren. Nach dem Ende der Performance wird die so entstandene Materiallandschaft als Teil der Ausstellung verbleiben.

In der Naturwissenschaft bezieht sich in vitro auf Experimente, die in einer kontrollierten künstlichen Umgebung außerhalb eines lebenden Organismus durchgeführt werden, wie beispielsweise in einer Petrischale. Die Performance möchte darauf hinweisen, dass ein Lebewesen nicht auf seine DNA reduziert werden kann und seine Erforschung nach sozialen Beziehungen nach einer unter anderem künstlerischen und philosophischen Erweiterung der wissenschaflichen Werkzeuge verlangt.

Wie kann eine Performance einen radikal neuen Blick auf biologische Regeln, Hierarchien, Dimensionen und Maßstäbe ermöglichen?

Die Mikroben, auf die wir für unser Überleben angewiesen sind, verbinden uns mit den umgebenden Körpern ob sichtbar oder unsichtbar. Sie lösen zwischenartliche Grenzen auf und weisen noch unerforschte Formen der Intelligenz und Kommunikation auf. Wie können wir uns der Welt der Mikroben, dem mikrobiellen Ökosystem, das Menschen, Tiere, Pflanzen und Objekte verbindet, annähern? Was wäre, wenn wir Wege fänden, um den mikrobiellen Körper greifbar zu machen; Wege, die uns einladen zu erleben und somit besser zu verstehen, was der mikrobielle Paradigmenwandel für Konzepte der Autonomie und der Grenzen des Selbst bedeutet. Es könnte eine Umgebung schaffen, die uns wissen lässt, aber zur gleichen Zeit wundern, fühlen, berühren, empathisch erfahren, und somit verstehen, was es heutzutage heißt, ein Mensch zu sein.

Donna Haraway betont den ethischen Aspekt, dass das Zusammenleben auch gleichzeitig Risiko bedeutet. Es ist keine romantische oder sentimentale Vorstellung zusammen zu sein, es geht darum Risiken einzugehen, um den Mut zu finden, sich dem Andersartigen zu öffnen, das nicht das Gleiche ist wie wir es sind. Unsicherheit zulassen, Verwirrung und Unwissen als Grundlage unseres Handelns in der Welt. Das Bestreben liegt darin, uns in unseren Erkundungen unserer materiellen Beziehungen verletzbar zu machen, mit dem, was uns von Natur aus fremd, und doch so nah ist.(1)

Mit dieser performativen Arbeit bedient sich Bäumel Prinzipien biologischer Kooperationsmodelle, um diese metaphorisch zu verwandeln. Sie verhandelt hier Phänomene wie das Quorum Sensing, ein Forschungsbereich, der die Kommunikationssysteme zwischen Mikroben erforscht. Diese koordinieren Aktivitäten wie ihr Wachstum und deren Strukturbildung als Gruppe über chemische Prozesse. Der Begriff Quorum stammt aus der politischen Form des römischen Senats und beschreibt den Vorgang, bei dem ein Kollektiv durch Verhandlung zu einer Entscheidung kommen muss.

Die heutige Forschung fokussiert sich auf die Analyse des Konkurrenz- und Kooperationsverhaltens innerhalb heterogener Bakterien-Gesellschaften, was dies in der Übertragung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auch für geistes- und sozialwissenschaftliche Anschauungen interessant macht. Das steigende Verständnis um symbiotische Systeme erweist sich als paradigmatische Revolution, in der die tradierte Auffassung des Individuums als Monade oder Insel (insular individuality) völlig in Frage stellt. Aktuell erlebt auch das biologische Artkonzept eine grundlegende Infragestellung. Bei beiden Begriffen, sowohl dem der „Art“ als auch dem des „Individuums“, verschwimmen zunehmend die Abgrenzungen, bei denen es darum geht, was es bedeutet ein „Selbst“ zu sein, wenn doch alles darauf hindeutet, dass der prozesshafte Austausch und die ständige Interaktion zwischen Lebewesen und Dingen die Essenz alles Lebenden bestimmt.

Für die Kooperation mit dem Dezernat für Arbeitsschutz des Regierungspräsidiums Darmstadt, sowie der Unterstützung durch das Institut für Molekulare Biowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt, Helen Blackwell und der Förderung durch die NSF (National Science Foundation) bedankt sich der Frankfurter Kunstverein.

 

[1] Fifty Percent Human, Exhibition brochure, Living in the big mesh by Alice Smits, Page 42, Oct, 2016

 

Sonja Bäumel studierte Modedesign an der Universität für angewandte Kunst Wien. Sie erwarb an der Kunstuniversität Linz den Bachelor of Arts und an der Design Academy Eindhoven im Fachbereich Conceptual Design als Magistra Artium (MA) abgeschlossen. Für ihr Projekt „Textile Anatomie“ erhielt sie 2012 den “outstanding artist award for experimental design” vom BMUKK Bundesministerium für Bildung, Kunst und Kultur Wien.

Ihre Arbeiten wurden international im Ars Electronica Center (AT), Anthology Film Archives New York (USA), MAK Museum für Angewandte Kunst (AT), Museum für Zeitgenössische Kunst Taipeh (TW), Naturhistorisches Museum Wien (AT), ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (DE) und im Centre Pompidou Paris (FR) ausgestellt. Ihr Projekt „Textured Self“ befindet sich in der ständigen Sammlung des Textielmuseums in Tilburg, Niederlande.

Zu verschiedenen Dokumentarfilmen, die auf ihrem Werk basieren, hat Sonja Bäumel wesentlich beigetragen: (ORF/ARTE: „BioArt: Kunst aus dem Labor“; ServusTV_Terra Mater: „Wir sind Planeten“).

Sonja Bäumel ist Mitbegründerin des Dunbar’s Number Kollektivs (2011), Mitglied des Kollektivs Pavillon35 (2012) mit Sitz in Wien und des Kollektivs WNDRLUST (2013-2018) mit Sitz in Amsterdam.