Studio Drift

AK47 + bullet, 2019
mixed media, 130 x 274 x 268 mm

M16 + bullet, 2019
mixed media, 110 x 246 x 255 mm

Iphone 4S, 2019
mixed media, 42 x 113 x 80 mm

Nokia 3210, 2019
mixed media, 4 x 184 x 98 mm

Pencil, 2017
mixed media, 24 x 28 x 18 mm

Electric cable, 2017
mixed media, 24 x 58 x 44 mm

Materialism, 2019
Film, 4:37 min

Courtesy the artists

Die Arbeit von Studio Drift, deren Gründer Lonneke Gordijn und Ralph Nauta sind, ist die Untersuchung der Beziehung zwischen dem Menschen, den von ihnen geschaffenen Instrumenten, Technologien und Objekten und deren Rückbindung an den Planeten. In der Serie „Materialism“, die 2018 begann, dekonstruieren Studio Drift Alltagsobjekte, Ikonen unserer Konsumgesellschaft, in ihre grundlegenden Bestandteile.

Die Ausstellung präsentiert Objekte, die mit der Methode des reverse-engineerings entstanden sind. Der Film verbindet Bilder einer beschädigten Natur, industrieller Produktionsabläufe und die Erzählungen von Gordijn und Nauta. Studio Drift sind visuelle Denker, die im Sinne des aktuell geführten Diskurses um den Neuen Materialismus arbeiten und mit der Kraft der Materie Gedanken am Objekt im Raum konzentrieren. Ihre Installationen entstehen als prozesshafte Untersuchungen, die sich einer Formsprache der klassischen Moderne, der Konkreten Kunst bedienen, deren Gedanken und Ideologie sie aber weit hinter sich lassen. Denn während in der Moderne der Mensch durch menschliche Technologien die Natur zur Schaffung von Wachstum und Wohlstand beherrscht, so stellt der Neue Materialismus die Überzeugung einer Zentralstellung des Menschen in Frage und somit den gesamten Anthropozentrismus. Mit international bekannten Philosophinnen wie Jane Bannett, Karen Barad, Rosi Bradotti und Donna Haraway hat dieses Diskursfeld über die Handlungsfähigkeit der Dinge einen ethischen und politischen Umdenkungsprozess in Gang gesetzt. Die Materie hat heute für die Denkerinnen des Neuen Materialismus Eigenständigkeit und Handlungsmacht. In der Konsequenz bedeutet dies die Aufhebung des Dualismus Mensch-Nicht-Mensch, der seit der Aufklärung das westliche Denken und Handeln in der Welt beherrscht.

In der Werkreihe „Materialism“ sind es Alltagsobjekte, Ikonen der Konsumgesellschaft wie das IPhone oder ein Nokia Mobiltelefon, die in ihre zahlreichen Einzelteile und dann in die darunter liegende Ebene, die der Rohstoffe, dekonstruiert wurden. Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein präsentiert auch zwei weitere Objekte, Maschinengewehre: das M16 (mit Patrone), ein amerikanisches Sturmgewehr, das in den 1960er Jahren von der Firma Colt Defense in den USA entwickelt wurde und seit dem Vietnam Krieg vom US Militär in zahllosen Kriegen, bis hin zum Irakkrieg, zum Einsatz gekommen ist. Bis heute ist es eine der weltweit am meisten verwendeten Schusswaffe dieses Kalibers. Die AK 47 (mit Patrone) ist eine der bekanntesten Waffen weltweit. Sie wurde 1946 in Russland produziert. Das Maschinengewehr ist auch als Kalaschnikow bekannt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelangten große Mengen dieser Sturmgewehre in Umlauf. Wegen seiner Robustheit und der Einfachheit in der Handhabung ist dieses Schnellfeuergewehr in unzähligen Guerilla Kriegen aber auch bei der organisierten Kriminalität bis heute massiv im Einsatz. Die Kalaschnikow ist in der Flagge von Mosambik, Burkina Faso oder der Hisbollah zu sehen. Auch in der Medien- und Popkultur spielt sie in Filmen und Videospielen eine ikonenhafte Rolle.

Alle Objekte wurden in ihre einzelnen Bestandteile und dann in ihre Elemente dekonstruiert und reverse-engineered. Wir sehen die Artefakte nicht mehr in der ihnen vom Menschen gegebenen Form industriell gefertigter Objekte. Wir begegnen ihnen in ihrer Essenz, in der Reduziertheit auf deren wesentliche Materie. Industrielle Produkte stehen als reine Rohstoffe vor uns, die zu abstrakten Kuben synthetisiert wurden. Geometrische Formen, die auf die Formensprache der klassischer Moderne und dessen Prinzip der Dekonstruktion verweisen.

In der Arbeit von Studio Drift schwingt eine Melancholie über die zerstörerische Tätigkeit industrieller Produktion mit. Der Film zeigt die bekannten Bilder kapitalistischer Wertschöpfung, die an die Ausbeutung des Planeten gebunden ist. Andererseits stehen Gordijn und Nauta nicht für eine ablehnende Haltung der Wechselbeziehung zwischen Natur und menschlicher Technologie. Sie plädieren hingegen für eine bewusstere Form des Umgangs mit allem was uns umgibt, Lebendem und Nicht-Lebenden, für ein Wissen um die Zusammenhänge, ein Wissen, welches ein neues, verantwortlicheres Handeln erzeugen kann und heute im Zentrum so vieler politischer Auseinandersetzungen steht.

 

Drift ist ein 2007 von den Künstlerin Lonneke Gordijn und dem Künstler Ralph Nauta gegründetes Kunststudio mit Sitz in Amsterdam.

Die Installationen und interaktiven Skulpturen des Studios fokussieren auf die Beziehung zwischen Natur/Mensch/Technologie. Gordijns Faszination für die Natur und Nautas Leidenschaft für Science Fiction und Technologie ergänzen sich auf kongeniale Weise. Über die letzten 10 Jahre haben sich ihre Arbeiten vom Produkt- und Möbeldesign zu immer größeren, oft ortsspezifischen und beweglichen Installationen entwickelt, die auf der ganzen Welt präsentiert wurden. Für die Entwicklung und Umsetzung der Projekte arbeitet Studio Drift mit interdisziplinären Teams aus WissenschaftlerInnen, ProgrammiererInnen, IngenieurInnen und anderen SpezialistInnen zusammen.

Die Werke berühren Themen aus unterschiedlichen Disziplinen wie zum Beispiel Tech Art, Performance und Biodesign. Die Werke von Studio Drift basieren oft auf Datensammlungen und Algorithmen von Naturphänomenen. Mit Hilfe modernster Technologien übersetzen sie diese Daten in poetische, meditative Erfahrungen. Ihre Ideen antizipieren regelmäßig technologische Innovationen.

Installationen von Studio Drift werden weltweit in führenden Museen, Messen und Institutionen gezeigt. Als Auswahl ist zu nennen: Victoria & Albert Museum (UK), Stedelijk Museum Amsterdam (NL), World Expo Shang Hai (CN), Miami Basel, Miami (US), Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam (NL), M.A.D. New York (US), The Israel Museum (IL), Abu Dhabi Art Fair (UAE) und La Biennale di Venezia (IT), Biennale de São Paolo (Brasilien) und das Rijksmuseum, Amsterdam (NL).