Lynn Margulis und Stromatolithen

„Symbiotic Earth – How Lynn Margulis rocked the boat and started a scientific revolution“, 2017
ein Film von: John Feldman

Als Teil der Ausstellung präsentiert der Frankfurter Kunstverein den Film „Symbiotic Earth – How Lynn Margulis rocked the boat and started a scientific revolution“, der 2017 an der University of Oxford seine Weltpremiere feierte. Dieser in 10 Kapitel gegliederte Film führt durch die wesentlichen Erkenntnisse der Wissenschaftlerin und Zellforscherin Lynn Margulis (1938 – 2011) und deren Kampf um die Anerkennung ihrer Forschung. Margulis hat die Endosymbiontentheorie, die bereits im 19. Jahrhundert von Botanikern aufgestellt wurde, in den wissenschaftlichen Diskurs der Evolutionstheorien eingebracht. Die Endosymbiontentheorie beschreibt, dass die meisten Lebewesen aus einer Fusion eines Bakteriums mit einer Archaee hervorgegangen sind. Die Fusion kann als eine Absorption eines Organismus in einen anderen verstanden werden, bei dem sich Teile der einen mit der anderen Zelle verbunden haben. Bakterien waren die ersten Lebewesen auf dem Planeten. Vor geschätzen 1 bis 3,5 Milliarden Jahren fand nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand das statt, was die Entwicklung zu komplexeren Lebewesen, zu Tieren und Pflanzen, in Gang gesetzt hat. Margulis trug dazu bei, James Lovelocks Gaia Hypothese durch ihre mikrobiologischen Erkenntnisse zu untermauern. Mit einem akademischen Hintergrund als Philosophin, die über die Evolutionsgenetik zur Biologie kam und an unterschiedlichen Universitäten arbeitete, war Margulis eine Verfechterin für eine Idee der Evolution als Ergebnis der Symbiogenese: der Verschmelzung von zwei Lebewesen zu einem Organismus. Margulis forschte an Mikroorganismen (Algen, Bakterien, Hefen und Pilzen) und an deren Fähigkeit zur Kooperation als Prinzip der Entstehung neuer Arten. Ihre Thesen stießen bei den Vertretern der sogenannten neodarwinistischen Auslegung der Evolutionstheorie auf große Kritik. Denn diese an der University of Chicago arbeitenden Biologen legten Darwins Schriften zum Ursprung der Arten wesentlich unter dem Aspekt des „Survival of the fittest“ aus, also einer auf Konkurrenzkampf basierenden Idee von Evolution. Dieses Denkmodell stellte die biologische Legitimierung für die Fakultät der Ökonomie dar, diejenigen Gesellschaftsmodelle als erfolgreich zu nennen, die dank kapitalistischer Prinzipien ebenfalls das Gesetz des Stärkeren – im Gegensatz z.B. zu einem sozialdemokratischen Staatsmodell – praktizieren. Heute gilt Margulis Symbiogenese als anerkannt und ist zusammen mit dem Darwinismus und dem Gentransfer eine der drei wesentlichen Theorien.

Mit dem Film über Lynn Margulis setzt die Ausstellung  „Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten” Stromatholithen in einen räumlichen Dialog, die aus der Sammlung des Senckenberg Naturmuseums stammen.

Stromatolithen (Cyanobakterienkolonien) „Mary Ellen Yasper“
Alter: Präkambrium, Biwak-Formation, 2,4 – 2,2 Milliarden jahre
Fundort: Minnesota, USA
Leihgabe: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Stromatolithen in Kalkstein (Cyanobakterienkolonien)
angeschliffener Rohblock
Alter: Präkambrium ca. 1 Milliarde Jahre
Fundort: Shandong-Provinz, China
Leihgabe: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Die Ausstellung präsentiert Beispiele von Stromatholithen, die aus der Sammlung des Senckenberg Naturmuseums stammen. Die Exponate entstanden im Präkambrium, also der Erdfrühzeit, vor über 560 Millionen Jahren. Die Versteinerungen bestehen aus Schichten urzeitlicher Cyanobakterien, die Margulis im Film als Urzelle allen Lebens und gleichzeitig als Quelle freien Sauerstoffs in der Atmosphäre zeigt. Die Steinoberfläche weist runde Aufwölbungen auf, die aus versteinerten Bakterienmatten entstanden sind. Im Querschnitt lassen sich unzählige solcher Schichten erkennen, die von einer jahrhundertelangen Abfolge von Werden und Vergehen zeugen.