Yunchul Kim

Yunchul Kims Zeichnung Self_portrait.jpg besteht aus 58.806 Textzeichen, die handschriftlich mit Tinte auf feines weißes Japanpapier aufgetragen wurden. Die Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen (ASCII-Code) repräsentieren ein Bild im jpg-Format. JPEG ist eine ISO-Norm, welche verschiedene Komprimierungs- und Kodierungsmethoden für Bilder beschreibt. Meist werden dabei einzelne Bildinformationen gelöscht, um die Dateigröße zu reduzieren. Bei einer geringen Kompression ist dieser Verlust mit dem menschlichen Auge nicht zu identifizieren, bei einer großen Kompression hingegen wird der Informationsverlust sichtbar. Wenn diese komprimierten Zeichen in digitaler Form von einem Computer gelesen werden, würden sie das Selbstportrait des Künstlers zeigen.

Im Falle eines Portraits, insbesondere eines künstlerisch intendierten, stellt sich die Herausforderung, wesentliche Merkmale des Portraitierten zu erfassen. Diese sind nicht allein durch die äußere Beschaffenheit der Person bestimmt, sondern zum Beispiel auch durch ihre Gestik oder Wesensmerkmale bedingt. Welche Informationen zu Yunchul Kim lagen für sein Abbild im jpg-Format vor, als der Künstler diese handschriftlich ins Analoge übertrug? Können Menschen und Maschinen die gleiche Qualität an Informationen wahrnehmen und verarbeiten und wenn nicht, nach welchen Kriterien selektiert ein Mensch? Sind die Informationen, die Menschen wahrnehmen auch für eine maschinelle Verarbeitung von Relevanz?

Die jpg-Datei von Kims Portrait existiert in der maschinellen Wahrnehmung nicht als Bild, sondern als binäre Zahlenreihung von Einsen und Nullen. Sämtliche Sinneseindrücke werden auch im menschlichen Gehirn in Frequenzen elektrochemischer Impulse transformiert – unabhängig davon, ob das Phänomen ein Bild, ein Klang oder eine andere Sinneswahrnehmung ist (undifferenzierte Codierung). Sie werden codiert und komprimiert und in Moleküle verwandelt, um als Gedächtnis im Gehirn gespeichert zu werden. Gibt es eine Analogie zwischen der Speichermethode des menschlichen Gehirns und der eines maschinellen Systems, da beide physikalische Impressionen in speicherbare Informationen umwandeln? Handelt es sich damit bei dem hier vorliegenden Selbstportrait auch um einen Versuch, ein Selbstportrait auf der Ebene der zerebralen Repräsentation des eigenen Bildes zu zeigen?

Der in Berlin und Seoul lebenden Medienkünstler und Komponist Yunchul Kim (*1970) studierte elektronische Musik an der Chugye University for the Arts, Seoul (KR) und Audiovisual Art an der Kunsthochschule für Medien in Köln (DE). Seine Arbeiten wurden unter anderem auf der Ars Electronica in Linz (AT), der Transmediale, Berlin (DE) dem New York Digital Salon (US) und VIDA in Madrid (ES) gezeigt.