Die Intelligenz der Pflanzen

16.10.2021 — 30.01.2022

Eröffnung: Freitag, 15. Oktober 2021, 19 Uhr

Mit Berlinde De Bruyckere, Thomas Feuerstein, Marshmallow Laser Feast, Abel Rodríguez, Diana Scherer, Nicola Toffolini und mit Exponaten von Forschungszentrum Jülich (Institut für Pflanzenwissenschaften), Pflanzensoziologisches Institut (Österreich)

Kuratiert von Franziska Nori

Die Intelligenz der Pflanzen – ein Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst

Seit über zehn Jahren ringen Wissenschaftler*innen um eine neue Deutung über die sogenannte Intelligenz der Pflanzen. Wer sind diese Mitlebewesen, die 85% der Organismen auf unserem Planeten ausmachen? Und ist es an der Zeit, dass wir Menschen eine verbesserte Koexistenz mit ihnen eingehen, nicht zuletzt, weil unser Überleben von ihnen abhängt?

Pflanzen, so glauben internationale Forscher*innen heute, haben eine ihrer Spezies eigene Form von Intelligenz. Und sie haben, wie Tiere und wie der Mensch auch, ein Bestreben zu existieren, weswegen sie komplexe, zunehmend erforschte Strategien der Interaktion mit ihrer Umwelt und anderen Arten eingehen. Was Biolog*innen über die Fähigkeiten von Pflanzen entdecken, trägt dazu bei, unsere übergeordnete Vorstellung vom Leben zu revidieren. Zunehmend zeichnet sich die Notwendigkeit ab, unser Bild vom Menschen zu überdenken, und uns als Teil eines Abhängigkeitssystems zu verstehen.

Eine Interpretation von Intelligenz ist die Fähigkeit, Informationen effizient zu verarbeiten und auf Gegebenheiten der Umwelt mit Anpassung zu reagieren. Reicht das, um die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen als Intelligenz zu bezeichnen? In der aktuellen Debatte um diese Zuschreibung ist die Anwendung sprachlicher Beschreibungen aus dem humanen Kontext auf pflanzliche Lebewesen zu einem zentralen Streit geworden.

Ohne die Leistungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die in zahlreichen Fakultäten in den letzten Jahren entstanden sind, hätten neuen Überlegungen nicht zu der aktuell stattfindenden Betrachtungsverschiebung führen können. Mit technisch gestützten bildgebenden Verfahren am lebenden Wesen verstehen wir heute Zusammenhänge anders. Welche Schlussfolgerungen die unterschiedlichen Akteure und Interpreten in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte daraus ziehen, ist abhängig von der jeweiligen Fragestellung, die diese aus der existierenden Datenbasis deduzieren.

Die Objektivität des wissenschaftlich mathematischen Verständnisses ist Garant für ein rationales Durchdringen größerer Zusammenhänge und erlaubt uns gleichzeitig eine emotionale Distanz aufrecht zu erhalten. Diese Tatsache spaltet uns aber gleichzeitig von unserem inneren Wissen, von dem Gefühl ab, als Teil eines Zusammenhangs zu existieren.

Der Frankfurter Kunstverein arbeitet in der Überzeugung, dass ein sinnvolles Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst zentral für die Gesellschaft ist. Als Ort der öffentlichen Begegnung für unterschiedliche Expert*innen, zu denen auch Künstler*innen zählen, kann komplexes Faktenwissen präsentiert und in größere Zusammenhänge gesetzt werden.

Gemeinsam können Naturwissenschaften, Philosophie und Künste Wissen miteinander verbinden, um die Suche nach einer zukünftigen Ausrichtung gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Lebensweisen zu diskutieren.

Die Grenzen des Wachstums

Die Befragung der Welt aus einer rein menschlichen Perspektive, aus dem anthropozentrischen Blickwinkel, erscheint immer unzulänglicher. Seit Jahrhunderten haben wir in unserer westlichen Auffassung die Welt als ein System der Gegensätze aufgefasst, in dem Lebewesen in einer darwinistischen Deutung um das Überleben gegeneinander antreten; ein System in dem nur das Stärkere sich durchsetzt. Gerade in Anbetracht der immer dringlicheren Umweltproblematik entstehen zahlreiche Versuche einer neuen Definition und einer Handlungsanweisung im Verhältnis von Mensch und Natur. Für das kapitalistische und industrielle Vorgehen sind Natur und Lebewesen quantifizierte Ressourcen, deren Leistungssteigerung zu planbarem Wachstum und Profit führen muss.

Die Zerstörung gewachsener Lebensräume zur Nutzung funktionaler Monokulturen (Stichwort Waldrodungen weltweit zum Anbau von Soya, Palmöl etc.), die Patentierung der DNA von Pflanzen und Lebewesen mit dem Ziel der Rentabilität und industriellen Nutzung, unterläuft die wesentlichen Prinzipien von Leben. Was im Laufe der Eskalation im 20. Und 21. Jahrhundert stattgefunden hat, sind irreversible planetare Prozesse an Artensterben und Biosphärenzerstörung. Das Bewusstsein ist unterdessen da, dass nur ein radikaler Wandel der Auffassung und des Handelns und ein neues Verständnis von gegenseitigen Abhängigkeiten aller Lebewesen eine Chance für das Überleben sichern kann. Aus immer mehr Beobachtungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen erhält dieses Weltbild Risse und eine Wende im westlichen Denken bricht sich Bahn. Nicht überall, aber stetig mehr. Und dieser Wandel produziert sich einerseits aus den gehäuften Beobachtungen natürlicher Phänomene, die es nicht mehr zulassen, als Einzelphänomene gelesen zu werden. Anderseits aus dem Verständnis, dass wir einer systemimmanenten Problematik gegenüberstehen, also der Erkenntnis, das Wachstum nicht unbegrenzt sein kann. Eine Erkenntnis, die Dennis und Donella Meadows und Jorgen Randers im Kontext des Club of Rome mit dem Buch Die Grenzen des Wachstums bereits 1972 öffentlich machten. Ein halbes Jahrhundert danach haben wir zwar die Schlüssigkeit dieser Überlegungen verstanden, doch politisch noch lange keine Handlungen der Veränderung eingeleitet.

Darüber hinaus hat auch ein ethisches Umdenken stattgefunden, das die Fragen nach Identität und wer die Deutungshoheit hat, neu stellt. Die Dominanz der männlichen, westlichen, weißen Stimme wird heute relativiert. Die Transformation, um die heute gerungen wird, ist, dass weder Geschlecht noch Abstammung ein Kriterium für die Beteiligung an der Entstehung kollektiver Erzählungen sein kann. Daraus ergibt sich in einer ersten Instanz vielleicht Konflikt, perspektivisch aber ist die Öffnung eine zwingende Transformation, aus der sich Emanzipation und Bereicherung ergibt.

Ein Gesinnungswandel hat im 20. Jahrhundert begonnen. Der Fortschritt als dominante Erzählung und Absicht moderner Gesellschaften wird in Frage gestellt und die Suche nach anderen Werten ist in vollem Gange. Dass eine tektonische Bewegung in allen Gesellschaften auf dem Planeten zurzeit stattfindet ist sichtbar, denn die Auslöser finden heute auf einer globalen Skala statt. Als Beispiele können Social Divide, Folgen des Klimawandels, Überbevölkerung und Ressourcenverbrauch genannt werden. Doch die Bandbreite der möglichen Antworten darauf könnte unterschiedlicher nicht sein. Es haben sich immer radikalere politische Gruppierungen Bahn gebrochen, immer fanatischere religiöse Gemeinschaften formiert oder der Rückzug in immer individuellere Privatwelten stattgefunden. Andererseits haben sich weltweit Jugendumweltbewegungen herausgebildet, die unter den Werten demokratischer Partizipation für ein verändertes Miteinander einstehen.

Eine veränderte Sensibilität gegenüber Pflanzen

Aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit verfügen Pflanzen weder über ein neuronales System noch über ein Gehirn. Pflanzen sind weit davon entfernt als sozial aktive Wesen verstanden zu werden. Doch seit wissenschaftliche Erkenntnisse einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von Naturwissenschaftler*innen in einer breiteren Öffentlichkeit debattiert werden und inzwischen auch von Forscher*innen aus den Geisteswissenschaften zu neuen Ansätzen geführt haben, ändert sich diese alte und scheinbar gefestigte Vorstellung.

Es mehren sich die Stimmen, die in Pflanzen komplex agierende und in Gemeinschaften organisierte Lebewesen sehen. Pflanzen bilden Welten. So will die Ausstellung Die Intelligenz der Pflanzen versuchen ein Resonanzkörper dieser Klänge zu sein, und vereint exemplarisch eine Auswahl an künstlerischen Positionen, wissenschaftlichen Exponaten und an Konzepten von Denker*innen und Wissenschaftler*innen, die Pionierarbeit leisten für ein neues Gedankengefüge.

Bereits Lynn Margulis hat mit ihrer Arbeit die übergreifende Idee einer symbiotischen Erde geschaffen. Aus der Sicht einer Biologin und Zellforscherin gelingt es ihr nach den Fragen des Ursprungs von Leben und nach dem Prinzip der ständigen Veränderung der Lebensformen zu suchen. Denn sie erkennt im wesentlichen Prinzip der ständigen Transformation alles Lebenden und auch Unbelebten die Essenz unserer Welt. Was lebt, befindet sich in einer ständigen Veränderung seiner Stofflichkeit. Und was alles verbindet auf unserem Planeten, ist, aus denselben Grundelementen beschaffen zu sein, die wiederum alle den Urzeiten des Weltalls entspringen. Die Verwandlung der Struktur schafft neue Formen des Daseins, die wiederum in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander existieren.

Stefano Mancuso ist einer der Begründer der Pflanzenneurobiologie, die Signalübertragung und Kommunikation auf allen Ebenen der biologischen Organisation erforscht, von der Genetik über Moleküle und Zellen bis hin zu ökologischen Gemeinschaften. Der Titel der Ausstellung im Frankfurter Kunstverein ist eine Hommage an Mancusos Recherche und Buch Die Intelligenz der Pflanzen (2015, mit Alessandra Viola), das für seine Definition der Pflanzen als intelligente Wesen für internationales Aufsehen und Polarisierung gesorgt hat. Sein Vergleich zwischen messbaren Verhaltensweisen mit einer Terminologie, die ansonsten aus dem Umfeld menschlicher Gesellschaftszusammenhänge stammt, ist hoch umstritten. Und doch haben seine Impulse einen großen Widerhall bei der Betrachtung anderer Lebewesen erzeugt. Mancusos wissenschaftliche Versuche des Wurzelwachstums, der Reaktionen bestimmter Pflanzenarten auf äußere Einflüsse, haben seine These bestärkt, dass diese Wesen über 15 Sinne verfügen, über die sie mit der Umwelt interagieren. Durch ihre Ortsgebundenheit lösen sie, so Mancuso, ihre Reaktion auf Gefahren auf gänzlich andere Weise als ihre tierischen und menschlichen Mitlebewesen. Und dieses Wissen könnte den Menschen heute befähigen ein neues Bewusstsein über diese für das Überleben der Menschheit so wichtigen Arten zu gewinnen.

Der Philosoph Emanuele Coccia greift die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf und formuliert sie zu einem übergeordneten Ganzen, zu einer Pflanzenphilosophie, in der es ihm gelingt, uns ein neues, revidiertes Bild der Natur zumindest erahnen zu lassen. Er hinterfragt, wie unser tierischer Chauvinismus verhindert, dass wir die Wahrheit der Pflanzen auch nur annähernd wahrnehmen. Sein Buch Die Wurzeln der Welt – Eine Philosophie der Pflanzen (2018) weitet den Blick für diese Form des Lebendigen:

„Allein schon durch ihre Existenz verändern Pflanzen ganz global die Welt, ohne sich dabei auch nur zu bewegen, ohne überhaupt zu handeln. Sein bedeutet für sie Welt machen, und umgekehrt ist die Konstruktion von (unserer) Welt, das Weltmachen, nur ein Synonym für das Sein. Und nicht nur die Pflanzen versuchen sich in dieser Koinzidenz: Bei den Organismen ist sie noch viel eindeutiger zu sehen. Damit müssen wir diese Erkenntnis verallgemeinern und schlussfolgern, dass die Existenz jedes Lebewesens notwendigerweise ein kosmogonischer Akt ist.“ (Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt – Eine Philosophie der Pflanzen, 2018)

Die Kanadische Biologin Suzanne Simard ist die zentrale Stimme, die dafür eintritt, dass Pflanzen als komplexe Lebewesen gesehen werden müssen, dass sie kooperieren, kommunizieren und miteinander Lebensgemeinschaften aufbauen und so Supraorganismen bilden, auf denen das begründet ist, was wir Welt nennen.

Die Kanadische Kollegin Simards, Dr. Teresa Ryan schöpft aus dem Erbe ihrer Tsimshian Vorfahren und ihrer Arbeit als Fischereiwissenschaftlerin und Expertin für den Schutz natürlicher Ressourcen. Motiviert durch die Art und Weise, wie ihre Vorfahren mit der Umwelt interagierten, zeigt Ryan, wie das synergetische Wissen der Tsimshian über zyklische Ressourcenproduktion und Variabilität dazu beitragen kann, die nachhaltige Nutzung der Fischereiressourcen heute zu fördern. Ryan bindet das Wissen ihrer First Nation Kultur in ihre wissenschaftlichen Forschungen mit ein. Sie reiht sich unter die Stimmen ein, die für eine Weltanschauung plädieren, in der alle Arten als Teil in einem großen System miteinander verbunden sind, im Gegenteil zu einer westlichen Weltanschauung, die alle Lebewesen als getrennt sieht. Die jungen Generationen haben sich auf die Suche nach ihren Identitäten gemacht und entdecken hier zum Teil altes Wissen, das durch die Dominanz der westlichen, weißen Kultur zerstört und verdrängt worden ist. Es entsteht eine neue Suche nach Sinn und Identität durch Erzählungen.

Anna Lowenhaupt Tsing ist eine amerikanische Anthropologin. Ihre Arbeit wurzelt in einem Bewusstsein für ökologische Umwälzungen. Überzeugt davon, dass der Fortschritt nun am Ende ist, erforscht sie verschiedene narrative Strukturen, um die gegenwärtige Situation zu beschreiben und einige Hoffnungsschimmer für ein gemeinschaftliches Überleben mehrerer Arten zu identifizieren.

Diese und viele andere Naturwissenschaftler*innen arbeiten an der Grenze und der Schnittstelle zu den Geisteswissenschaften. Hier sind die Brücken entstanden, die einen gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel fordern. Künstlerinnen und Künstler weltweit sind unter den ersten, die diese neuen geistigen Erschütterungen erspürt und aufgegriffen haben und nun ihre Recherche und den Fokus ihre Arbeiten auf dieses Thema gerichtet haben.

Es erstaunt, dass diese Gedanken eine interessante Rückbesinnung-Neubesinnung auf alte Praktiken sind. Im westlichen Kontext werden Ideen um das Symbiotische als innovatives Denken erzählt, dabei handelt es sich um eine Rückbesinnung auf altes Wissen aus einer Zeit, die vor-industriell und vor-technologisch war.

Eine Rückbesinnung auf identitätsbildende, alte spirituelle Sinngefüge ist zu beobachten, während indigene Gemeinschaften weltweit für das Tradieren ihres Wissens und das Überleben ihrer Kulturen kämpfen. Auch in den Wissenschaften manifestieren sich immer mehr Denkweisen, die große Zusammenhänge herstellen. Und interessanterweise stellen wir große Kompatibilität fest. Zentral ist hier die Frage der Weitergabe und Vermittlung, um altes Wissen nicht zu vergessen. Was geben Menschen an ihre Kinder, an die nachfolgende Generation weiter? Heute können die wenigsten Menschen die Namen von Pflanzen benennen. Sie kennen nicht ihre Wirkung und nicht ihren Lebenskreislauf. Und so entsteht eine Entfremdung, die ein Handeln ohne Ehrfurcht und ohne Bewusstsein der Zusammenhänge generiert, ohne Liebe und Respekt für natürliche Materialien, die einmal Lebewesen waren.

Mit der Ausstellung Die Intelligenz der Pflanzen präsentieren wir Künstlerinnen und Künstler, die diese veränderte Sensibilität gegenüber den pflanzlichen Mitlebewesen aufzeigen. Diese Haltungen sind stellvertretend für ein neues Bewusstsein, dass alles Leben miteinander verbunden ist.

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